Gespannte Lage in Tripolis, Ruhe in Misrata

Reportage10. Februar 2012, 06:23
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In Misrata sind die bewaffneten Brigaden fast verschwunden, in Tripolis bei Nacht noch präsent

Misrata/Tripolis - Am Stadteingang von Misrata haben Ex-Rebellen einen Kontrollpunkt eingerichtet. Ihr Waffenarsenal ist eindrucksvoll. Drei Monate nach dem Tod von Diktator Gaddafi gibt es hier noch zwischen 160 und 170 bewaffnete Brigaden mit jeweils zehn bis etwa 1000 Mann. Die Kafila-Brigade bewacht die Wirtschaftshochschule. In einem Container haben Mahdi, ein 20-jähriger Student, und Ahmed, ein 32-jähriger Lkw-Chauffeur, Schicht. Bewaffnet sind sie mit einer Kalaschnikow, die auf ihren Namen registriert ist. Beide gehören wie die übrigen 70 Mitglieder seit einem Jahr zur Brigade, die sich um die lokale Moschee bildete.

Mahdi wurde im Krieg an der Schulter verwundet und war in der Türkei zur Behandlung. Beide sind nur noch Freizeitrebellen, und beide sehen ihre Zukunft in einem zivilen Beruf. Ahmed arbeitet bereits wieder als Fahrer, und Mahdi hofft, dass er seine Studien im Ausland fortsetzen kann. Rambos oder Waffennarren gebe es in ihren Reihen nicht, sagen sie. Nur 15 Männer aus der Kafila-Brigade würden sich bei der Polizei oder der Armee bewerben, schätzt Ahmed. "Misrata ist eine reiche Stadt", fügt er als Begründung an.

"Richter und Rächer"

In Tripolis ist die Sicherheitslage deutlich angespannter. In den Außenbezirken sind die Brigaden in den Nachtstunden noch sehr präsent. "Wir haben zwei in unserer Nachbarschaft. Die einen sind nett und zuvorkommend, den andern traue ich nicht über den Weg. Sie spielen sich als Richter und Rächer auf", sagt eine Journalistin.

Jede Nacht sind Schüsse zu hören. Geschossen wird aus Freude am Schießen, aber immer wieder sterben dabei Unbeteiligte durch Querschläger. "Hier ganz in der Nähe ist es passiert", sagt der Beamte im Leichenschauhaus und zeigt auf eine Familie, die um einen jungen Mann trauert.

"Bärtigen schlichten"

"Die Sicherheitsprobleme sind nicht gravierend, betrunkene Jugendliche oder Streit um ein Auto", schildert Mohannad, der in einer Tripolis-Brigade seinen Dienst auf dem zentralen Märtyrer-Platz - dem ehemaligen Grünen Platz - verrichtet. "Und wenn es Streit zwischen bewaffneten Brigaden gibt, schlichten die Bärtigen", sagt er. Der 24-Jährige will Polizist werden, er zeigt stolz ein Dossier mit einem blauen Fragebogen, den die Militär- und Stadträte an die Ex-Rebellen verteilen. Er hat Polizei angekreuzt. Zur Auswahl standen auch Armee, Nationalgarde, Grenzwacht und eine Reihe von zivilen Berufen.

Die Bewerbungsfrist läuft bis 7. Februar. Bisher sind erst 40.000 Fragebögen eingegangen, darunter 5000 Bewerbungen für die Polizei. Die Regierung hofft, dass sich 100.000 bis 150.000 der geschätzten 200.000 Ex-Rebellen registrieren lassen. "Wir wollen sie von der Straße herunterholen, das ist unser Hauptziel", sagt Vizepremier Mustafa Abushagur. Zwang soll aber nicht ausgeübt werden. "Die jungen Leute brauchen eine Perspektive. Ihre Arbeitslosigkeit beträgt offiziell 30 Prozent, tatsächlich sind es wohl 50 Prozent." (DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2012)

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    Ein im Krieg zerstörtes Gebäude in Misrata. In der libyschen Stadt haben die ehemaligen Rebellen keine Aufgabe mehr, die meisten sind arbeitslos.

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