In Misrata sind die bewaffneten Brigaden fast verschwunden, in Tripolis bei Nacht noch präsent
Misrata/Tripolis - Am Stadteingang von Misrata haben Ex-Rebellen einen
Kontrollpunkt eingerichtet. Ihr Waffenarsenal ist eindrucksvoll. Drei
Monate nach dem Tod von Diktator Gaddafi gibt es hier noch zwischen 160
und 170 bewaffnete Brigaden mit jeweils zehn bis etwa 1000 Mann. Die
Kafila-Brigade bewacht die Wirtschaftshochschule. In einem Container
haben Mahdi, ein 20-jähriger Student, und Ahmed, ein 32-jähriger
Lkw-Chauffeur, Schicht. Bewaffnet sind sie mit einer Kalaschnikow, die
auf ihren Namen registriert ist. Beide gehören wie die übrigen 70
Mitglieder seit einem Jahr zur Brigade, die sich um die lokale Moschee
bildete.
Mahdi wurde im Krieg an der Schulter verwundet und war in der Türkei zur
Behandlung. Beide sind nur noch Freizeitrebellen, und beide sehen ihre
Zukunft in einem zivilen Beruf. Ahmed arbeitet bereits wieder als
Fahrer, und Mahdi hofft, dass er seine Studien im Ausland fortsetzen
kann. Rambos oder Waffennarren gebe es in ihren Reihen nicht, sagen sie.
Nur 15 Männer aus der Kafila-Brigade würden sich bei der Polizei oder
der Armee bewerben, schätzt Ahmed. "Misrata ist eine reiche Stadt", fügt
er als Begründung an.
"Richter und Rächer"
In Tripolis ist die Sicherheitslage deutlich angespannter. In den
Außenbezirken sind die Brigaden in den Nachtstunden noch sehr präsent.
"Wir haben zwei in unserer Nachbarschaft. Die einen sind nett und
zuvorkommend, den andern traue ich nicht über den Weg. Sie spielen sich
als Richter und Rächer auf", sagt eine Journalistin.
Jede Nacht sind Schüsse zu hören. Geschossen wird aus Freude am
Schießen, aber immer wieder sterben dabei Unbeteiligte durch
Querschläger. "Hier ganz in der Nähe ist es passiert", sagt der Beamte
im Leichenschauhaus und zeigt auf eine Familie, die um einen jungen Mann
trauert.
"Bärtigen schlichten"
"Die Sicherheitsprobleme sind nicht gravierend, betrunkene Jugendliche
oder Streit um ein Auto", schildert Mohannad, der in einer
Tripolis-Brigade seinen Dienst auf dem zentralen Märtyrer-Platz - dem
ehemaligen Grünen Platz - verrichtet. "Und wenn es Streit zwischen
bewaffneten Brigaden gibt, schlichten die Bärtigen", sagt er. Der
24-Jährige will Polizist werden, er zeigt stolz ein Dossier mit einem
blauen Fragebogen, den die Militär- und Stadträte an die Ex-Rebellen
verteilen. Er hat Polizei angekreuzt. Zur Auswahl standen auch Armee,
Nationalgarde, Grenzwacht und eine Reihe von zivilen Berufen.
Die Bewerbungsfrist läuft bis 7. Februar. Bisher sind erst 40.000
Fragebögen eingegangen, darunter 5000 Bewerbungen für die Polizei. Die
Regierung hofft, dass sich 100.000 bis 150.000 der geschätzten 200.000
Ex-Rebellen registrieren lassen. "Wir wollen sie von der Straße
herunterholen, das ist unser Hauptziel", sagt Vizepremier Mustafa
Abushagur. Zwang soll aber nicht ausgeübt werden. "Die jungen Leute
brauchen eine Perspektive. Ihre Arbeitslosigkeit beträgt offiziell 30
Prozent, tatsächlich sind es wohl 50 Prozent." (DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2012)