Wenn Bürger eine Schule bauen

Jutta Kalian
10. Februar 2012, 10:59

Bauernladen in der Mensa und Sitzecken am Gang: In der Kärntner Gemeinde Moosburg arbeiten Schüler, Lehrer und Eltern an einem neuen Bildungscampus

Moosburg - Mit gelben Absperrbändern, die man eigens um die Gebäude am Campusgelände gewickelt hat, will man den Besuchern der Neuen Mittelschule in Moosburg schon von weitem zeigen, dass hier etwas nicht Alltägliches passiert: Zu den Besuchern zählten Anfang der Woche nicht nur Schüler, sondern alle Bürger, die die lokale Schulpolitik mitgestalten wollen.

Ort des Geschehens ist die Bibliothek, die kurzerhand zur Ideenwerkstatt umfunktioniert wurde. Dort sammelt ein Team rund um Architekt Roland Gruber Vorschläge, wie der ideale Bildungscampus aussehen könnte.

Aquarium und Leseecke

Lautstark betreten am Vormittag Schüler der Volksschule den Raum. Nacheinander lesen sie von ihren mitgebrachten Blättern vor, was sie sich für ihre Schule wünschen: ein Aquarium etwa, einen zweiten Turnsaal, eine Leseecke und gepolsterte Sessel in den Klassenzimmern. Gruber hört jedem Kind aufmerksam zu, wiederholt die Vorschläge laut und legt sie in der Ideenbox ab. Der Zeitplan ist straff: Als die Schüler fertig sind, klopft schon eine Delegation der Schulverwaltung an. 1.000 Vorschläge wird Gruber am Ende der zwei Tage gesammelt haben.

Zentrale Frage war: Wie kann man den jetzigen Standort, an dem sich Kindergarten, Volksschule, Neue Mittelschule, Hort, Kindertagesstätte und Musikschule befinden, verändern, damit ein idealer Bildungscampus entsteht? Schließlich ist es die Vision der Mittelkärntner 5.000-Einwohner-Gemeinde, bis 2020 zur Bildungsgemeinde Nummer eins in Österreich zu avancieren - und damit zu einem Modell, das österreichweit Nachahmer finden könnte.

Beteiligte suchen Lösungen

Auf dem Weg dorthin setzt man auf Bürgerbeteiligung: Bevor etwas getan wird, werden die Bedürfnisse der Kinder, Eltern und PädagogInnen erhoben. Dazu dient die vom Architekturbüro nonconform entwickelte "vor ort ideenwerkstatt": An mehreren Tagen werden direkt am Ort des Geschehens mit allen Beteiligten Lösungen entwickelt.

Österreichweit fand dieses Konzept schon bei 14 weiteren Projekten Anwendung. Die Erfahrung, die man daraus gezogen hat, lautet: Je mehr Menschen sich einbringen, umso größer ist am Ende die Akzeptanz der entwickelten Szenarien. "Zuerst werden Ideen gesammelt, daraus entwerfen wir dann ein visualisiertes Zukunftsbild", sagt Roland Gruber von nonconform. "Das emotionalisiert viel mehr als ein Text. Die Leute wollen keine schwammige Lösung, sondern etwas Konkretes."

Bauernladen in der Mensa

In die Campus-Planung in Moosburg wurden Schulwart, Reinigungspersonal und KöchInnen genauso einbezogen wie Vertreter von Landes- und Bezirksschulinspektorat. Eingeladen waren auch die Landwirte aus der Region, um darüber zu diskutieren, wie man in der Mensa einen Bauernladen mit regionalen Produkten integrieren könnte - und so den Eltern den Weg in den Supermarkt ersparen.

Kein Kind abgewiesen

Zuallererst war jedoch die Frage zu klären: Ist das Platzangebot am Campus überhaupt ausreichend? "Wir haben das Prinzip, dass wir kein Kind abweisen", sagt Herbert Gaggl (ÖVP), Bürgermeister von Moosburg. In den letzten zwei Jahren musste man daher die Kinderbetreuung von 85 auf 210 Plätze aufstocken. "Das liegt daran, dass die Eltern gesehen haben, bei uns wird nicht nur diskutiert, sondern auch etwas getan", sagt Gaggl, der 2010 den Impuls für die Bildungsgemeinde setzte. Erstes Ergebnis war ein von nonconform ausgeführter Kindergarten-Ausbau - der 2011 den Kärntner Holzbaupreis erhielt.

Platz hat man jetzt am Moosburger Campus genug, meint Schulbauexperte Michael Zinner. "Die Räume werden aber qualitativ nicht gut genutzt. Die Beteiligten müssen jetzt lernen, dass sie in den bestehenden baulichen Strukturen genügend Möglichkeiten haben." Es seien eben Strukturen, die im Lauf der Zeit gewachsen sind, entgegnet Bürgermeister Gaggl.

"Von allen Seiten wird mehr Miteinander gefordert", sagt Prozess-Beraterin Ingrid Preissegger. "Wenn zum Beispiel eine Kindergarten-Pädagogin genau weiß, welche Talente und Schwächen ein Kind hat oder welcher Lerntyp es ist, wäre es ja sinnvoll, dieses Wissen an die Volksschul-Lehrerin weiterzugeben. Im Moment geht dabei viel Know-how zwischen den Schulstufen verloren."

Offenes Lernen ohne Zäune

Mehr Miteinander stand auch bei den Kindern auf der Wunschliste. Das wird im Moment noch dadurch erschwert, dass alle Bildungseinrichtungen, vom Kindergarten bis zur Mittelschule, in eigenen Gebäuden untergebracht sind, teilweise getrennt durch Zäune. In dem Lösungsvorschlag, den nonconform aus 1.000 eingegangenen Ideen erarbeitet hat, sollen die Zäune wegkommen, weitere bauliche Umgestaltungen sind innerhalb der nächsten acht Jahre geplant. Die Unterrichtsräume sollen so verändert werden, dass offenes Lernen möglich ist. Dazu will man auch die Gänge aus den 1950er Jahren um Sitz- und Lernecken erweitern, für die PädagogInnen sind Rückzugsräume geplant, in denen sie sich in Ruhe vorbereiten können.

Herzstück des Campus und Bindeglied zwischen den einzelnen Gebäuden soll die Mensa werden. Als Nächstes werden die Vorschläge auf ihre Umsetzung hin präzisiert und im Frühjahr öffentlich vorgestellt. (Jutta Kalian, derStandard.at, 10.2.2012)

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22 Postings
Auch nicht schlecht, sehr zu empfehlen

http://www.youtube.com/watch?v=a... CDsqtZOef7

paar kinder mit macbooks - paassst.

Bezahlt der Bauernladen ...

... in der Mensa auch eine adäquate Miete? Oder findet da wieder Klientelförderung durch die Hintertür statt?

Neider, Neider, Neider

Hui, scheinbar wer von der Lebensmittelindustrie *g* ... bleibt zu hoffen, dass der Bauernladen keine Miete bezahlt und der Ausgleich durch andere Aktivitäten erfolgt ... immerhin würde eine Gegenleistung in Form von Aktivitäten für die Kinder mehr bringen. Die Kinder und die ansässigen zuerst, danach erst der Rest!

zu wissen, dass die Schüler gesunde und biologische Waren als Jause bekommen, sollte Ausgleich genug sein

das klingt schon ein bisserl nach

neidgesteuerter paranoia.

wieso sollen "landwirte der region" nicht davon profitieren dürfen, wenn sie sich konstruktiv an einer umfassenden bildung (nicht: ausbildung!!!) unserer kinder und jugendlichen einbringen möchten?

freilich sollte garantiert sein, dass sie nur bio-produkte, also gutes und gesundes essen in die schule bringen, um einen beitrag dafür zu leisten, dass alle dort arbeitenden und lernenden auch gerne in die schule gehen.

doch ich sehe schon: im suderanten-stadel ösi-land mit seinen ängstlich-hysterischen öseln wird erst das negative, der "haken an der geschichte" gesucht, anstatt über das "wie" zu reden.

Nicht nur in Kärnten wird vieles sehr viel besser, wenn sich die Politik heraushält!

ja, sonst kommt am ende wieder so eine schule in hakenkreuzform raus, wie das st. martin gymnasium in villach...

hakenkreuz oder: ein quadrat mit 4 angefügten rechtecken,

und ich war dort 8 jahre lang als schülerin und es hat politisch auf mich überhaupt nicht abgefärbt. im gegenteil.

ich begrüße die initiative in moosburg.

jaja, eh, ich kenne auch politisch "normale" menschen, die diese schule besucht haben. nicht der inhalt ist das problem sondern die verpackung :-)

"...sagt Herbert Gaggl (ÖVP) ..."

Meine ganz subjektive Meinung II:

Ich bin Projektleiter/Lehrer/Mentor in einer innovativen Schule und arbeite im Rahmen eines prekären Dienstverhältnisses (weil der Staat Angst hat und sein Geld lieber nur konfessionellen Schulen schenkt).
Aber auch ich habe Angst: ich würde als Physiklehrer nie in die offenen Arme der öffentlichen Schulen laufen, weil ich Angst habe dort meine Vorstellungen von gutem Unterricht nicht umsetzten zu können.

Hut ab vor dem Projekt!

Meine ganz subjektive Meinung:

Wieso werden die Räumlichkeiten - die es ja gibt - nicht auch nach einer Unterrichtstunde genützt?
Weil die Lehrer/Direktoren/Schulräte Angst haben dass sie demoliert werden.
Wieso wird den Schulen nicht jene Autonomie eingeräumt, die sie brauchen würden ihre Vorstellung von guter Schule umzusetzen und somit das lokale Potential zu verwerten, anstatt es im Einheitsbrei ersticken zu lassen?
Weil die entsprechenden Personen Angst haben, dass dadurch nicht mehr die Qualität der Schulen gesichert ist.
Wieso hängt an der Institution Schule ein gigantischer Verwaltungsapparat und weist auf der anderen Seite einen Mangel an wichtigem Personal (Schulpsychologen, Stützlehrer) auf?
Weil die Politiker Angst haben nicht mehr gewählt zu werden.

ich freue mich sehr...

von innovativen konzepten aus kärnten zu hören. tut wirklich gut, über kärnten (einmal) positives zu lesen!! (ehrlich und freudig gemeint)

...einmal etwas Positives...

Grüner Punkt für das Posting, bis auf das "einmal", es gibt in Kärnten genausoviel Positives und Negatives wie in jedem anderen Bundesland, nur wird aus Kärnten, speziell hier, einseitig berichtet. Mfg

kärnten hat auch noch anderes zu bieten als das politische geplänkel

Geniales Projekt

Eine zentrale Mensa mit Bauernladen und regionalen Produkten ... die Idee ist wirklich sehr gut, fehlt nur noch ein großer Schulgarten und die Kinder lernen von Anfang an, was frische Produkte sind, wie diese entstehen und welche gewaltigen Vorteile diese haben.

Bleibt nur zu hoffen, dass genug Geld da ist um den Kindern einen einzigartigen Campus zu gönnen!

Ja, aus Sicht der Bauern sicher optimal, so kann man die Kunden gleich von klein auf abrichten.

abrichten?

Kinder mit natürlichen und regionalen Produkten zu konfrontieren ist jedenfalls vernünftiger, als jene Eltern, die Fertigfutter, FastFood und Zuckergetränke verteilen.

McDonalds, Burger King und Co sind wohl kaum das passende -> ein Blick in die USA genügt!

...so wie coca-cola- und red-bull-automaten, gell, Sie naseweis?

Schon gut, 5er.

Dir gefällt es wohl besser, wenn die Kinder von klein auf von McDonald versorgt werden.

"Bleibt nur zu hoffen, dass genug Geld da ist um den Kindern einen einzigartigen Campus zu gönnen!"

Richtig, an den zur Verfügung stehenden Geldmitteln wird das ganze Vorhaben schlußendlich zu bewerten sein.

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