Wenn Bürger eine Schule bauen

Bauernladen in der Mensa und Sitzecken am Gang: In der Kärntner Gemeinde Moosburg arbeiten Schüler, Lehrer und Eltern an einem neuen Bildungscampus

Moosburg - Mit gelben Absperrbändern, die man eigens um die Gebäude am Campusgelände gewickelt hat, will man den Besuchern der Neuen Mittelschule in Moosburg schon von weitem zeigen, dass hier etwas nicht Alltägliches passiert: Zu den Besuchern zählten Anfang der Woche nicht nur Schüler, sondern alle Bürger, die die lokale Schulpolitik mitgestalten wollen.

Ort des Geschehens ist die Bibliothek, die kurzerhand zur Ideenwerkstatt umfunktioniert wurde. Dort sammelt ein Team rund um Architekt Roland Gruber Vorschläge, wie der ideale Bildungscampus aussehen könnte.

Aquarium und Leseecke

Lautstark betreten am Vormittag Schüler der Volksschule den Raum. Nacheinander lesen sie von ihren mitgebrachten Blättern vor, was sie sich für ihre Schule wünschen: ein Aquarium etwa, einen zweiten Turnsaal, eine Leseecke und gepolsterte Sessel in den Klassenzimmern. Gruber hört jedem Kind aufmerksam zu, wiederholt die Vorschläge laut und legt sie in der Ideenbox ab. Der Zeitplan ist straff: Als die Schüler fertig sind, klopft schon eine Delegation der Schulverwaltung an. 1.000 Vorschläge wird Gruber am Ende der zwei Tage gesammelt haben.

Zentrale Frage war: Wie kann man den jetzigen Standort, an dem sich Kindergarten, Volksschule, Neue Mittelschule, Hort, Kindertagesstätte und Musikschule befinden, verändern, damit ein idealer Bildungscampus entsteht? Schließlich ist es die Vision der Mittelkärntner 5.000-Einwohner-Gemeinde, bis 2020 zur Bildungsgemeinde Nummer eins in Österreich zu avancieren - und damit zu einem Modell, das österreichweit Nachahmer finden könnte.

Beteiligte suchen Lösungen

Auf dem Weg dorthin setzt man auf Bürgerbeteiligung: Bevor etwas getan wird, werden die Bedürfnisse der Kinder, Eltern und PädagogInnen erhoben. Dazu dient die vom Architekturbüro nonconform entwickelte "vor ort ideenwerkstatt": An mehreren Tagen werden direkt am Ort des Geschehens mit allen Beteiligten Lösungen entwickelt.

Österreichweit fand dieses Konzept schon bei 14 weiteren Projekten Anwendung. Die Erfahrung, die man daraus gezogen hat, lautet: Je mehr Menschen sich einbringen, umso größer ist am Ende die Akzeptanz der entwickelten Szenarien. "Zuerst werden Ideen gesammelt, daraus entwerfen wir dann ein visualisiertes Zukunftsbild", sagt Roland Gruber von nonconform. "Das emotionalisiert viel mehr als ein Text. Die Leute wollen keine schwammige Lösung, sondern etwas Konkretes."

Bauernladen in der Mensa

In die Campus-Planung in Moosburg wurden Schulwart, Reinigungspersonal und KöchInnen genauso einbezogen wie Vertreter von Landes- und Bezirksschulinspektorat. Eingeladen waren auch die Landwirte aus der Region, um darüber zu diskutieren, wie man in der Mensa einen Bauernladen mit regionalen Produkten integrieren könnte - und so den Eltern den Weg in den Supermarkt ersparen.

Kein Kind abgewiesen

Zuallererst war jedoch die Frage zu klären: Ist das Platzangebot am Campus überhaupt ausreichend? "Wir haben das Prinzip, dass wir kein Kind abweisen", sagt Herbert Gaggl (ÖVP), Bürgermeister von Moosburg. In den letzten zwei Jahren musste man daher die Kinderbetreuung von 85 auf 210 Plätze aufstocken. "Das liegt daran, dass die Eltern gesehen haben, bei uns wird nicht nur diskutiert, sondern auch etwas getan", sagt Gaggl, der 2010 den Impuls für die Bildungsgemeinde setzte. Erstes Ergebnis war ein von nonconform ausgeführter Kindergarten-Ausbau - der 2011 den Kärntner Holzbaupreis erhielt.

Platz hat man jetzt am Moosburger Campus genug, meint Schulbauexperte Michael Zinner. "Die Räume werden aber qualitativ nicht gut genutzt. Die Beteiligten müssen jetzt lernen, dass sie in den bestehenden baulichen Strukturen genügend Möglichkeiten haben." Es seien eben Strukturen, die im Lauf der Zeit gewachsen sind, entgegnet Bürgermeister Gaggl.

"Von allen Seiten wird mehr Miteinander gefordert", sagt Prozess-Beraterin Ingrid Preissegger. "Wenn zum Beispiel eine Kindergarten-Pädagogin genau weiß, welche Talente und Schwächen ein Kind hat oder welcher Lerntyp es ist, wäre es ja sinnvoll, dieses Wissen an die Volksschul-Lehrerin weiterzugeben. Im Moment geht dabei viel Know-how zwischen den Schulstufen verloren."

Offenes Lernen ohne Zäune

Mehr Miteinander stand auch bei den Kindern auf der Wunschliste. Das wird im Moment noch dadurch erschwert, dass alle Bildungseinrichtungen, vom Kindergarten bis zur Mittelschule, in eigenen Gebäuden untergebracht sind, teilweise getrennt durch Zäune. In dem Lösungsvorschlag, den nonconform aus 1.000 eingegangenen Ideen erarbeitet hat, sollen die Zäune wegkommen, weitere bauliche Umgestaltungen sind innerhalb der nächsten acht Jahre geplant. Die Unterrichtsräume sollen so verändert werden, dass offenes Lernen möglich ist. Dazu will man auch die Gänge aus den 1950er Jahren um Sitz- und Lernecken erweitern, für die PädagogInnen sind Rückzugsräume geplant, in denen sie sich in Ruhe vorbereiten können.

Herzstück des Campus und Bindeglied zwischen den einzelnen Gebäuden soll die Mensa werden. Als Nächstes werden die Vorschläge auf ihre Umsetzung hin präzisiert und im Frühjahr öffentlich vorgestellt. (Jutta Kalian, derStandard.at, 10.2.2012)

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