Gott und das liebe Geld

Interview10. Februar 2012, 06:15
216 Postings

Der Herr gibt, der Herr nimmt - das könnte man auch über den Euro sagen. Wie weit sich eine Politik-Elite dabei winden kann, erklärt Geldpsychologe Tarek el Sehity

Während das Land vor dem Abgrund steht, scheint die griechische Politikspitze lange und beharrlich mit der Unterstützung der Geberstaaten zu spielen. Kompromisse werden versprochen, aufgeschoben und nicht eingehalten, Entscheidungen getroffen, die nur noch eine kleine Elite versteht. Leidtragende sind die Bürger. Sie werden von Regierungen regiert, die sie nicht gewählt haben. Tarek el Sehity, Experte für Vermögenskultur und Vermögenspsychologie, erklärt im Interview mit derStandard.at, warum Edelmetalle wirtschaftliche Sicherheit bieten, unser gegenwärtiges Geldsystem kein Sparen mehr erlaubt, was Italien mit den GUS-Staaten verbindet und Gott mit Geld.

derStandard.at: Ist das Vertrauen in unser Wirtschaftssystem verloren gegangen?

El Sehity: Die wirtschaftliche und auch gesellschaftliche Situation, in der wir uns momentan befinden, gleicht einem gigantischen Autobus, ausgestattet mit Sicherheitsgurten in der ersten Reihe und keinen dahinter. Einem Bus, der sich mit beschleunigter Geschwindigkeit einer uneinsichtigen Stelle nähert. Insassen der zweiten und dritten Reihe erkennen die Gefahr und beginnen sich nach Gurten umzusehen, während die hinteren Reihen auf ihren Bildschirmen die letzten Szenen eines Blockbusters verfolgen.

Erklärt sich das Verhalten der Insassen durch ihr unerschütterliches Vertrauen in die Fahrleistung des Fahrers? Ist es Vertrauen, das kaum jemanden nach einem Sicherheitsgurt suchen lässt? Oder könnte es sein, dass man weder von Gefahr noch Gurt Kenntnis hat? Vertrauen setzt voraus, dass ich irgendwann eine Vertrauensentscheidung getroffen habe. Was unser Vertrauen in das Geldsystem betrifft, so sitzen wir gewissermaßen von Geburt an in diesem Bus und haben die Sicherheitsgurte sogar eigenständig entfernt. Dieser wirtschaftliche Sicherheitsgurt war über Jahrtausende in den verschiedensten entwickelten Kulturen das physische Edelmetall.

derStandard.at: Warum sollten Edelmetalle wirtschaftliche Sicherheit bieten?

El Sehity: Es hilft hier, sehr konkret die Situation eines Papiergeldbesitzers mit der eines Goldbesitzers zu vergleichen. Der Goldbesitzer vertraut in die physische Qualität des Metalls, das er in Händen hält und eigenständig auf Echtheit kontrollieren kann. Er muss seinen Fähigkeiten der Kontrolle vertrauen. Das Gewicht der Substanz informiert über den Handelswert. Der Papiergeldbesitzer überprüft die Sicherheitsmerkmale und liest den Nominalwert des Geldscheins. Alles an diesem Geldschein ist willkürlich von einer Institution entschieden, und sein Handelswert steht und fällt mit der Entscheidung dieser Institutionen. Der Goldbesitzer weiß, dass Edelmetalle kein Verfallsdatum haben. Der Geldscheinbesitzer kann sich bei der Institution über Geldmengenstatistiken informieren. Kurz: Während die Kaufkraft des Geldscheinbesitzers zu 100 Prozent von der Entscheidungswillkür einer Institution abhängt, ergibt sich die Kaufkraft der Edelmetalle aus ihrer natürlichen Limitierung.

derStandard.at: Eine nicht neue Erkenntnis?

El Sehity: Carl Menger, der Gründer der Österreichischen Schule, brachte es Ende des 19. Jahrhunderts auf den Punkt: Gold ist Geld, weil es nicht zerstörbar ist, leicht erkennbar und auch teilbar ist – alles Charakteristika, die ein hervorragendes Geld kennzeichnen. Dies ist wichtig, in Erinnerung zu rufen. Gerade die gegenwärtige neoklassische Ökonomie vertritt mit Vehemenz ein seltsames Geldmodell, in dem das menschliche Bedürfnis nach ökonomischer Sicherheit – der Grund unseres Sparverhaltens – als irrational und gar wirtschaftsschädlich erachtet wird.

derStandard.at: Die Folge?

El Sehity: Folglich finden wir eine Geldtheorie, in der das einfache Sparen einer Investition gleichgesetzt wird. Und tatsächlich erlaubt uns unser gegenwärtiges Geldsystem kein Sparen mehr. Jeder "Sparer" ist heute ein unbewusster Investor, jedes "Sparbuch" eine Anlage. Interessanterweise wird dies jedoch kaum erkannt beziehungsweise verstanden. Ich denke, wir wären gut beraten, uns in der gegenwärtigen Situation virtueller Umbrüche das substanzielle Wesen des Geldes in Erinnerung zu rufen. Auch die Sprache liefert uns hierzu einen Hinweis: Geld kommt von Gelten, Gültigkeit – eine Qualität, die besonders die zeitlosen Metalle gut beschreibt.

derStandard.at: Wie ausgeprägt ist das Verständnis bezüglich des Geldsystems generell?

El Sehity: Eine gemeinsame Studie mit Erich Kirchler (Professor für Wirtschaftspsychologie an der Universität Wien, Anm.) brachte ein erstaunliches Ergebnis: So meinen etwa 60 Prozent der Befragten, dass unser heutiges Geld durch Gold gedeckt sei. Tatsächlich existiert die Golddeckung je nach Land seit der Zwischenkriegszeit oder dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Unser globales Geldsystem operiert seit 1971 ohne Golddeckung.

derStandard.at: Was sagt dieser Befund für den Alltag aus?

El Sehity: Bezüglich Geld herrschen große Missverständnisse vor. Menschen haben sehr unterschiedliche Auffassungen von dem "Ding", das sie tagtäglich verwenden. Ihnen ist nicht zugänglich, wie das Papiergeld als Konzept aufzufassen ist, wie es funktioniert.

derStandard.at: Könnte man Geld als gesellschaftliche Religion ansehen?

El Sehity: In jeder Hinsicht. Dies verdeutlicht sich, wenn man die zeitliche Dimension in jedem Wirtschaftshandel berücksichtigt. Durch den Einsatz von Geld lösen wir ein zeitliches Problem: Ich zahle, also gebe Geld, damit ich Gut beziehungsweise Dienstleistung erhalte. Das Geld selbst stellt hier für den anderen ein Versprechen auf eine Gegenleistung dar und nicht die Gegenleistung selbst. Derjenige, der das Geld nimmt – der Verkäufer -, hofft darauf, dass er in der Zukunft dieses Geld gegen die erwünschte Leistung eintauschen kann. Interessant ist hierbei, dass wir bereit sind, gegen den Vorweis einer Geldmenge unser gesamtes Gut und vielleicht auch sehr viele Leistungen zu "opfern".

derStandard.at: Wie begründet sich diese Macht?

El Sehity: Wenn man danach sucht, wie sich die Macht dieser Papiere begründet, so findet sich der einzige konkrete Hinweis in einer Gesetzesstelle, die das Papier als gesetzliches Zahlungsmittel ausweist. Kaum jemand kennt den konkreten Gesetzestext, und wer ihn kennt, nimmt wenig Verbindlichkeit in diesem wahr. Die Macht, die vom Papier ausgeht, ist sprichwörtlich ungedeckt, blank. Dort, wo jemand oder etwas die zukünftige Gegenleistung garantieren soll, befindet sich tatsächlich nichts beziehungsweise niemand. Wir glauben einfach daran und organisieren uns über diesen Glauben. Unsere Wirtschaftswissenschaften erfüllen hierbei die Aufgabe der mittelalterlichen Scholastik – zu beweisen, was nicht ist – und teilen hierbei leider auch viele fundamentalistische Züge mit ihr.

derStandard.at: Man kann demnach von einem "Glauben" in das Geld sprechen?

El Sehity: Ja. Religion in ihrer Begrifflichkeit von "religere" bedeutet so viel wie "zusammenbinden". Dort, wo wir einander nicht ausreichend vertrauen, um etwas füreinander zu tun, geben wir Geld. Wir geben und nehmen es, weil wir daran glauben, dass es auch die anderen tun. Der Funktion des Geldes liegt also notwendigerweise eine Gläubigkeit zugrunde. Betrachten wir den US-Dollar: "In god we trust". Hier appelliert der Geldschöpfer (die US-Notenbank, Anm.) sehr geschickt an den mächtigen mentalen Prozess des unbelegten Glaubens. Und tatsächlich findet sich in diesem Glauben die Grundlage für unseren freien Handel. Wir hoffen darauf, dass der Handelspartner unseren Glauben teilt und vor allem: dass man Gut und Leistung für Geld bekommt. Wesentlich allgemeiner und tragender findet sich dieses gesellschaftliche Ordnungsprinzip in den Religionen. Kommen wir überein, dass wir beide Katholiken, Moslems oder Juden sind, verlassen wir uns auch darauf, dass bestimmte Handlungen zu unterlassen und andere erstrebenswert sind. Dies vereinfacht das gesellschaftliche Zusammenleben enorm.

derStandard.at: Was bedeutet das für unsere Währungen?

El Sehity: Die zeitlosen Metalle sind durch reputationsreiche Finanzinstitutionen ersetzt worden, die seit einigen Jahrzehnten scheinbar so gut wie Gold funktionieren. Die Psychologie dieser Institutionen ist notwendigerweise eine auf Stabilität, Macht und Ruhe gemünzte. Ebenso Privatbanken: Garanten von Versprechen und Verträgen. Die gute gesellschaftliche Reputation dieser Institutionen bildet wortwörtlich die Substanz des Papiergeldes. Die Finanzinstitutionen verlieren seit Beginn der Finanzkriese ihre gute Reputation uns somit ihren Geldstatus. Welches Geldsystem auch immer unser gegenwärtiges ersetzen wird, es kann sich nicht der verlorenen Reputation unserer bestehenden Institutionen bedienen.

derStandard.at: Wenn Geld Vertrauen oder Religion ist, wie fühlt sich dann der Grieche, wenn sein Land pleite ist?

El Sehity: Jene, die verstehen, was passiert, fühlen sich verraten, die übrigen erleben Panik. Wer keine Vorstellung von der Natur des wirtschaftlichen Zusammenbruchs hat, hat keinen Handlungsplan zur Verfügung, um an einer Lösung zu arbeiten. Eine vorrübergehende Orientierungslosigkeit tritt ein, und die Suche nach Erklärungen und Schuldigen aktiviert sich. Man verdeutliche sich dies: All das, woran der Grieche geglaubt hat, für das er gearbeitet hat, löst sich innerhalb weniger Monate auf, ohne persönlich etwas verschuldet zu haben. Was zu befürchten ist, sind die populistischen Erklärungen, die den sinnlosen Kampf zwischen den Ärmsten anheizen werden. Wenn man die Ergebnisse aktueller Studien bedenkt, wonach 87 Prozent der Bürger bei der Eurokrise nicht durchblicken, aber dafür zahlen müssen, so lässt sich das Potenzial des gesellschaftlichen Unmutes kaum unterschätzen.

derStandard.at: Gerade im Fall Griechenlands kommen die versprochenen Reformen nur sehr zögerlich zustande ...

El Sehity: Es wird viel Falsches über die Medien transportiert: Nationalistische Klischees, wie die "faulen Griechen", oder die "korrupten Italiener", kommen hoch und werden als Erklärungsmodel für die Krise herangezogen. Man sollte zum Beispiel in Erinnerung behalten, dass "die" Griechen gegenwärtig von einer Regierung regiert werden, die sie nie gewählt haben, ebenso auch "die" Italiener. Man muss dringend von Pauschalierungen Abstand nehmen. Es geht um Menschen, Pensionisten, Familien mit Kindern und Jugendliche, die seit Jahren um ihre Zukunft betrogen werden. Die so genannten Reformen, die Sie ansprechen, betreiben meines Erachtens nichts als eine beschleunigte Verteilung von unten nach oben in mittlerweile historischen Proportionen.

derStandard.at: Was hat die Politik falsch gemacht?

El Sehity: In der Politik ist es inhaltlich still geworden. Dies ist ein interessantes Phänomen, das sich aus der scheinbaren Unabwendbarkeit einer wachsenden Gefahr ergibt: Man zeigt sich professionell bemüht und besorgt in der Behandlung der Symptome, vermeidet es aber, sich den Ursachen zuzuwenden. Höhere Steuern, weniger öffentliche Ausgaben, höheres Pensionsalter, geringere Pension usw. – ist uns die Pro-forma-Rettung dieses Finanzsystems so viel wert? Und wem denn wirklich? Im Falle von Griechenland geht es so weit, dass man für diese zweifelhaften Rettungsversuche dem Land seine staatliche Hoheit nimmt. Wirtschaftlich gesehen ist Griechenland gegenwärtig ein besetztes Land.

derStandard.at: Und Italien?

El Sehity: Die italienischen Medien verfolgen die Entwicklungen in Griechenland mit sehr viel Empathie. Innerhalb kürzester Zeit fanden wir in Italien Verhältnisse vor, die jenen der früheren GUS-Staaten ähneln: lange Schlangen bei der Nahrungsmittelversorgung. Dies sind leise und doch deutliche Vorzeichen einer nahenden Wirklichkeit. Unser gesellschaftliches Gefüge beginnt zu zerbrechen. Die wenigsten glauben noch an die gemeinsame Idee des Staates. Es ist abzusehen, dass sich nach den nationalen Eliten auch die nationalen Steuerzahler vom Gesellschaftsvertag verabschieden. Es ist zu fragen, ob wir diesem noch lange nachtrauern wollen, oder ob wir uns nicht schon aktiv um die Realisierung einer neuen Gesellschaft bemühen wollen. Die Geldfrage ist hierbei sicherlich eine der ersten, die zu klären ist. (ch, derStandard.at, 10.2.2012)

TAREK EL SEHITY ist seit 2009 Assistenzprofessor am Institut für Vergleichende Vermögenskultur und Vermögenspsychologie (IVV) der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien Paris.

El Sehity studierte Psychologie an den Universitäten Paris 5 (René Descartes), Liechtenstein, Roma 1 (La Sapienza) und Wien. Seine Forschungsinteressen umfassen die sozialen und kognitiven Grundlagen des Wirtschaftslebens mit einem speziellen Schwerpunkt auf der Psychologie des Geldes und der Vermögenskultur.

  • Tarek el Sehity: "In der Politik ist es inhaltlich still geworden. Dies ist ein 
interessantes Phänomen, das sich aus der scheinbaren Unabwendbarkeit 
einer wachsenden Gefahr ergibt: Man zeigt sich professionell bemüht und 
besorgt in der Behandlung der Symptome, vermeidet es aber, sich den 
Ursachen zuzuwenden."
    foto: privat

    Tarek el Sehity: "In der Politik ist es inhaltlich still geworden. Dies ist ein interessantes Phänomen, das sich aus der scheinbaren Unabwendbarkeit einer wachsenden Gefahr ergibt: Man zeigt sich professionell bemüht und besorgt in der Behandlung der Symptome, vermeidet es aber, sich den Ursachen zuzuwenden."

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Laut Studien blicken 87 Prozent der Bürger in Europa bei der Eurokrise nicht mehr durch. Politiker verkaufen unterdessen der Bevölkerung waghalsige Entscheidungen als das Selbstverständlichste der Welt.

    (Irina Naumenko während der Show "Varekai" des Cirque du Soleil 2008 in Wien.)

Share if you care.