Die US-Band Guided By Voices hat sich zur Reunion entschlossen. Ihr neues Album belegt, dass es schon blödere Ideen gegeben hat
Reunionen haftet oft etwas Unsympathisches oder Verzweifeltes an.
Entweder kehren reiche Säcke wieder, denen das Weinverkosten in den
Orchideenzuchtpausen langweilig geworden ist, oder Bands, die hoffen,
dass sich die Eigenheimfinanzierung mit einer zweiten Runde doch noch
ausgeht. Grundsätzlich ist die US-Band Guided By Voices, kurz: GBV,
zweiter Kategorie zuzurechnen. GBV ist irgendwann in der ersten Hälfte
der Nullerjahre die Puste ausgegangen. Trennung, Solokarriere des
Sängers Robert Pollard, bla bla bla.
Immerhin hatte sich die Formation aus Dayton, Ohio, in den zwei
Jahrzehnten davor eine dackeltreue Anhängerschaft erspielt. Wobei GBV
die Band in den ersten Jahren bloß als engagierte Feierabend-Partie am
Laufen hielt, die in Kleinstauflagen veröffentlichte und Konzerte nur
gab, wenn alle Mitglieder zeitgleich einen Babysitter organisieren
konnten oder nicht wegen Kleinkriminalität eine Kreativpause nehmen
mussten. Zu Beginn der 1990er-Jahre nahm man allen kaltgestellten Mut
zusammen und versuchte sich profimäßig. Schließlich beobachtete GBV
damals, wie ähnliche Tunichtgute plötzlich Weltkarrieren machten. Doch
ihr zu unterstellen, sie hätte sich dafür gebückt, wäre falsch. Dazu war
ihre Musik zu wenig gefällig.
Zwar wurde gerade ein blonder Lümmel mit seiner ebenfalls schäbig
selbstgestrickten Musik zum Slacker-Gott, anders als Beck waren die
Low-Fi-Stücke von Guided By Voices aber melodiesüchtige Miniaturen,
denen kaum je eine längere Laufzeit als zwei Minuten zugestanden wurde.
Das waren Schübe eher noch als Songs, verdichtete Ideen, die nach 70
Sekunden und akuter Verdurstungsgefahr Pollards wieder abgedreht wurden.
Zwanzig, dreißig Songs auf ein Album zu packen war unter diesen
Vorzeichen kein Problem, die Lieder oft so dicht aneinandergereiht, dass
die Übergänge gar nicht richtig bemerkbar waren. Irgendwann wurde das
selbst den Schöpfern zu anstrengend - wer will schon für die Setlist
jedes Mal eine Klopapierrolle vollschreiben? -, und man versuchte sich
am großen Format, am Drei-, Vier-Minuten-Song. Damit landete man
artgerecht bei einem Major-Label, bis eben irgendwann nichts mehr ging.
Nach sieben Jahren ohne Guided By Voices hat die Band um ihren
notorischen Cheftrinker nun ein neues Album veröffentlicht. Let's Go Eat
The Factory heißt dieses kryptisch und erfreut mit den besten Merkmalen
dieser seltsamen Band, die bei ihrem späten Wiendebüt darauf bestanden
hatte, dass Pollard zu Beginn des Konzerts eine volle Kiste Bier auf die
Bühne gestellt bekommt. Am Ende war nicht viel übrig.
Let's Go Eat The Factory bietet 21 Songs. Manche davon sind Knirpse,
andere g'standene Lackel. Pollard klingt wahlweise wie er selbst, nach
einem milde gestimmten David Bowie oder Michael Stipe mit Sauerzitrone
im Fencheltee. Die Band spielt derweil großartige Popsongs wie Wave,
Chocolate oder schräge Rockstücke wie The Head oder The Unsinkable Fats
Domino. Letztgenanntes klingt nach diesem euphorischen Undergroundrock
vom Beginn der 1990er-Jahre, als es für kurze Zeit so schien, als
könnten die tollen, aufregenden Bands die Welt übernehmen, was dann aber
doch nur Pearl Jam und Nickelback gelungen ist.
Guided By Voices 2012, das ist also ein etwas unerwartetes Meisterwerk.
Beatles plus Bowie plus Fuck You durch friedhofsblonden Punkrock mal
Low-Fi samt UFO-Sichtungen und Streichern. Darauf eine Kiste Bier. (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2012)
Guided By Voices: "Let's Go Eat The Factory" (Fire Records / Vertrieb:
Trost)