Die Wiederkehr der Verrückten

9. Februar 2012, 17:28
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Die US-Band Guided By Voices hat sich zur Reunion entschlossen. Ihr neues Album belegt, dass es schon blödere Ideen gegeben hat

Reunionen haftet oft etwas Unsympathisches oder Verzweifeltes an. Entweder kehren reiche Säcke wieder, denen das Weinverkosten in den Orchideenzuchtpausen langweilig geworden ist, oder Bands, die hoffen, dass sich die Eigenheimfinanzierung mit einer zweiten Runde doch noch ausgeht. Grundsätzlich ist die US-Band Guided By Voices, kurz: GBV, zweiter Kategorie zuzurechnen. GBV ist irgendwann in der ersten Hälfte der Nullerjahre die Puste ausgegangen. Trennung, Solokarriere des Sängers Robert Pollard, bla bla bla.

Immerhin hatte sich die Formation aus Dayton, Ohio, in den zwei Jahrzehnten davor eine dackeltreue Anhängerschaft erspielt. Wobei GBV die Band in den ersten Jahren bloß als engagierte Feierabend-Partie am Laufen hielt, die in Kleinstauflagen veröffentlichte und Konzerte nur gab, wenn alle Mitglieder zeitgleich einen Babysitter organisieren konnten oder nicht wegen Kleinkriminalität eine Kreativpause nehmen mussten. Zu Beginn der 1990er-Jahre nahm man allen kaltgestellten Mut zusammen und versuchte sich profimäßig. Schließlich beobachtete GBV damals, wie ähnliche Tunichtgute plötzlich Weltkarrieren machten. Doch ihr zu unterstellen, sie hätte sich dafür gebückt, wäre falsch. Dazu war ihre Musik zu wenig gefällig.

Zwar wurde gerade ein blonder Lümmel mit seiner ebenfalls schäbig selbstgestrickten Musik zum Slacker-Gott, anders als Beck waren die Low-Fi-Stücke von Guided By Voices aber melodiesüchtige Miniaturen, denen kaum je eine längere Laufzeit als zwei Minuten zugestanden wurde. Das waren Schübe eher noch als Songs, verdichtete Ideen, die nach 70 Sekunden und akuter Verdurstungsgefahr Pollards wieder abgedreht wurden. Zwanzig, dreißig Songs auf ein Album zu packen war unter diesen Vorzeichen kein Problem, die Lieder oft so dicht aneinandergereiht, dass die Übergänge gar nicht richtig bemerkbar waren. Irgendwann wurde das selbst den Schöpfern zu anstrengend - wer will schon für die Setlist jedes Mal eine Klopapierrolle vollschreiben? -, und man versuchte sich am großen Format, am Drei-, Vier-Minuten-Song. Damit landete man artgerecht bei einem Major-Label, bis eben irgendwann nichts mehr ging.

Nach sieben Jahren ohne Guided By Voices hat die Band um ihren notorischen Cheftrinker nun ein neues Album veröffentlicht. Let's Go Eat The Factory heißt dieses kryptisch und erfreut mit den besten Merkmalen dieser seltsamen Band, die bei ihrem späten Wiendebüt darauf bestanden hatte, dass Pollard zu Beginn des Konzerts eine volle Kiste Bier auf die Bühne gestellt bekommt. Am Ende war nicht viel übrig.

Let's Go Eat The Factory bietet 21 Songs. Manche davon sind Knirpse, andere g'standene Lackel. Pollard klingt wahlweise wie er selbst, nach einem milde gestimmten David Bowie oder Michael Stipe mit Sauerzitrone im Fencheltee. Die Band spielt derweil großartige Popsongs wie Wave, Chocolate oder schräge Rockstücke wie The Head oder The Unsinkable Fats Domino. Letztgenanntes klingt nach diesem euphorischen Undergroundrock vom Beginn der 1990er-Jahre, als es für kurze Zeit so schien, als könnten die tollen, aufregenden Bands die Welt übernehmen, was dann aber doch nur Pearl Jam und Nickelback gelungen ist.

Guided By Voices 2012, das ist also ein etwas unerwartetes Meisterwerk. Beatles plus Bowie plus Fuck You durch friedhofsblonden Punkrock mal Low-Fi samt UFO-Sichtungen und Streichern. Darauf eine Kiste Bier.  (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2012)

Guided By Voices: "Let's Go Eat The Factory" (Fire Records / Vertrieb: Trost)

  • Friedhofsblond zwar, aber auf der Höhe ihrer verwegenen Kunst: die 
US-Band Guided By Voices.
    foto: trost

    Friedhofsblond zwar, aber auf der Höhe ihrer verwegenen Kunst: die US-Band Guided By Voices.

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