Wie man den Schmerz zu lieben beginnt

  • Erschienen bei Studio Canal, Region 2
    foto: studio canal

    Erschienen bei Studio Canal, Region 2

In John Flynns Rachethriller "Rolling Thunder" geht der Krieg zu Hause in die Verlängerung

Müllschlucker sind in US-Küchen häufiger anzutreffen: Alles, was sich in einer Abwasch an Ekligem so ansammelt, zerkleinern sie zu Brei. In John Flynns Film Rolling Thunder (der deutsche Verleihtitel lautete Der Mann mit der Eisenkralle) aus dem Jahr 1977 ist es jedoch der Arm des Helden, der damit verstümmelt wird - kein Haushaltsunfall, sondern ein Folterversuch von Einbrechern. Statt einer neuen Hand erhält der eben in die USA zurückgekehrte Vietnam-Veteran Rane (William Devane) eine Prothese, an deren Ende eine metallene Griffzange befestigt ist. Zurechtgeschliffen wird sie zur gefährlichen Waffe, die der geschundene Protagonist auf seinem Rachefeldzug - er muss mitansehen, wie sein Sohn und seine Frau erschossen werden - geschickt (und äußerst effektiv) einzusetzen versteht.

Anders als man bei einer solchen Handlung vermuten würde, ist Rolling Thunder - beim britischen Ableger von Studio Canal nun als Double Play (DVD und Blu Ray) erschienen - kein augenzwinkerndes B-Movie. Das Drehbuch stammt von niemand Geringerem als Paul Schrader, der hier ähnlich wie in Taxi Driver der seelischen Verfassung eines Mannes nachspürt, der den Krieg in der Heimat verlängert, weil er ihm zur zweiten Natur geworden ist. Wie de Niros Travis Bickle ist auch Rane ein Irrläufer: innerlich erkaltet, äußerlich schmerzunempfindlich, mit stoischer Miene am Werk. Regisseur John Flynn, ein zeitlebens unterschätzter Genre-Pragmatiker, von dem etwa auch der Neo-noir-Thriller The Outfit stammt, verleiht dem Film bei aller eruptiven Gewalt eine untergründige Traurigkeit. Einer der größten Fans des Films ist übrigens Quentin Tarantino. (Dominik Kamalzadeh  / DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2012)

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