Denkmalschützer-Initiative gegen Umbau des Plenarsaales

9. Februar 2012, 13:42
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ICOMOS und docomomo: "Baudenkmal der 50er-Jahre" sollte respektvoll renoviert werden

Wien - Ein Plädoyer gegen die "Zerstörung" des Nationalrats-Sitzungssaales des österreichischen Parlamentsgebäudes gaben am Donnerstag in einer Pressekonferenz Architekturexperten von ICOMOS Austria und docomomo_austria ab - unterstützt vom früheren ÖVP-Bundesrat Georg Spiegelfeld. Der 1956 eröffnete Sitzungssaal sei ein einzigartiges Baudenkmal der Moderne. Mit dem vom Ausschreibungssieger Heidl geplanten "Radikalumbau" würde es zerstört - und überdies viel mehr Kosten verursacht als durch eine respektvolle Renovierung, betonte Norbert Mayr, Präsident von docomomo-austria.

Für die Renovierung - mit Erneuerung des Teppichs, der äußeren Dachhaut, der Lüftungs- und Elektroanlagen - würde ein einstelliger Millionenbetrag reichen, während für die Generalsanierung des Parlaments ein dreistelliger Betrag (um die 300 Mio. Euro) vorgesehen seien, betonte Spiegelfeld, der als Denkmalpfleger aktiv ist.

"Fachschule für medizinische Geräte" statt "Befreiung von der Nazi-Ästhetik"?

In einem Gebäude mit so großer symbolischer und architekturgeschichtlicher Bedeutung dürfe man nicht "in der Ideologie der Ikea-Einrichtung alle fünf Jahre alles rausschmeißen und erneuern", betonte Walter Lipp, Präsident des Österreichs-Komitees des UNESCO-Denkmalbeirates ICOMOS (International Council on Monuments and Sites). Die große Bedeutung des Plenarsaales belege ein von der Universität für angewandte Kunst 2010 erstelltes Gutachten - das aber erst Ende 2011 auf der Homepage des Parlaments veröffentlicht worden sei.

Der Architekturtheoretiker Jan Tabor unterstrich den hohen Wert des Plenarsaales, der nach einem Bombenschaden von den Architekten Fellerer und Wörle - mit Referenzen an den Parlamentserbauer Theophil Hansen - neu gestaltet wurde. Es handle sich um "ein Weltdenkmal", das einzige noch ganz erhaltene Denkmal der Architektur der 50er-Jahre in Österreich, das für die "pure Moderne" und die "Befreiung von der Nazi-Ästhetik" stehe. Ganz anders beurteilte er den Entwurf des Linzer Architekturbüros Heidl für den Umbau: Mit dem weißen Anstrich für die Nussholztäfelungen sähe der Plenarsaal aus "wie ein beliebiger billiger Hörsaal in einer Fachschule für medizinische Geräte", befand Tabor.

Die Experten haben noch Hoffnung: Bis jetzt liege beim Denkmalamt noch kein Antrag des Parlaments auf Umgestaltung vor - obwohl die Ausschreibung für den Umbau des Sitzungssaales schon 2008 beendet wurde. Und auch bei den Kammerspielen des Landestheaters Linz sei es gelungen, die Verantwortungsträger von einer radikalen Neugestaltung abzubringen. Außerdem sollte man doch erst die diskutierten Reformen - wie die Verkleinerung des Nationalrates - umsetzen, ehe man die Räume umbaue, empfahl Mayr, der Präsident des Experten-Netzwerks docomomo_austria, das als offizieller Berater der UNESCO für Baudenkmäler der Moderne fungiert. 

EU-weite Ausschreibung bis Anfang 2013

Im Mai soll - nach der Befassung des Rechnungshofes im Zuge der begleitenden Kontrolle - die Ausschreibung für den Generalplaner für die Parlamentsrenovierung starten. Wie weit das Projekt des Büros Heidl für die Neugestaltung des Plenarsaales in die Generalsanierung integriert wird, steht noch nicht fest. Dies abzustimmen, werde Sache des Generalplaners sein, hieß es am Donnerstag im Büro von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer. Der Kritik der Architekturexperten trat der Sprecher Prammers entgegen: Ein wesentlicher Aspekt der Entscheidung für das Heidl-Projekt sei gewesen, dass dieses am behutsamsten mit dem bestehenden Saal umgehe.

Was genau die Sanierung von Plenarsaal und Parlament insgesamt bringen wird, wird erst Mitte 2013 feststehen. Denn die zweistufigen EU-weite Ausschreibung wird bis Anfang 2013 laufen, Mitte 2013 soll die Entscheidung über den Generalplaner fallen. Die vorlaufige Kostenschätzung: 260 Mio. Euro kosten demnach die notwendigen Sanierungsmaßnahmen, weitere 40 Mio. müsste man für "effizienzsteigernde Maßnahmen" (etwa Ausbau der Dachräume für Büros) aufbringen - geschätzt mit Stand 2010, plus/minus 20 Prozent und exklusive Mehrwertsteuer. (APA)

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