Patent-Troll könnte das Web ins Wanken bringen

9. Februar 2012, 14:22
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Eolas beansprucht "interaktives Web" für sich und klagt Google und Co. auf 600 Mio. Dollar Schadenersatz

Die Stadt Tyler in Texas ist nicht für Technologiekonzerne und junge Online-Start-ups bekannt. Das Städtchen zählt knapp 100.000 Einwohner und wird freundlich "Hauptstadt der Rosen" genannt. Doch das ansonsten ruhige Rosennest wird zumindest der IT-Branche in den kommenden Monaten schlaflose Nächte bereiten. Der Grund: Biologe Michael Doyle, genauer gesagt dessen Firma Eolas Technologies, hat Tylers Gericht auserwählt, um von Amazon bis Google praktisch alle großen Internet-Konzerne zu verklagen. Die Unternehmen würden seit Jahren gegen grundlegende Patente zur Nutzung interaktiver Web-Inhalte verstoßen, berichtet das Wired Magazine.

Online-Videos bis Suchvorschläge

Doyle und dessen Anwälte behaupten, Doyle und zwei seiner Kollegen hätten Anfang der 1990er Jahre das "interaktive Web" erfunden und noch vor allen anderen patentieren lassen. Das gehe auf eine Forschungsarbeit aus dem Jahr 1993 an der University of California in San Francisco zurück, die es Ärzten ermöglichte, Embryonen über das WWW und einen Webbrowser anzusehen. Obwohl Doyle oder Eolas nie ein tatsächliches Produkt basierend auf diesen Technologien auf den Markt brachte, schließe das Patent heute alltägliche Funktionen wie das Rotieren eines Bildes im Browser, die Betrachtung von Online-Videos und Suchvorschläge in einer Suchleiste ein. Gefordert werden Schadenersatz- und Lizenzzahlungen von über 600 Millionen US-Dollar.

Troll mit Geschichte

Eolas konnte in seiner Unternehmensgeschichte zwar noch kein bekanntes Online-Produkt hervorbringen, machte sich in der Vergangenheit allerdings mehr als einmal einen Namen in der IT-Welt. 2007 erzielte man nach einem turbulenten Patentrechtsverfahren mit Microsoft eine außergerichtliche Einigung und dürfte inoffiziellen Angaben zufolge gut über 100 Millionen US-Dollar erhalten haben. Bereits damals in Kreisen als "Patent-Troll" bezeichnet, strebte Eolas 2009 weitere Klagen gegen mehr als 20 IT-Konzerne an - alle aufgrund des "interaktiven Webs". Die meisten Firmen, darunter auch Apple, Blockbuster und eBay, einigten sich außergerichtlich. Die restlichen acht verbleibenden Unternehmen treten nun in Tyler an.

Millionenklage

Rund die Hälfte der geforderten 600 Millionen Dollar Schadenersatz will Eolas von Google und Yahoo einstreichen. Amazon, Adobe, GoDaddy, JC Penney, Staples und CDW Corp sind ebenfalls betroffen. Aufseiten der Verteidigung stehen nicht nur Unternehmensanwälte, auch der Erfinder des WWW, Tim Berners-Lee, ist eingeflogen, um sich vor der achtköpfigen Jury für Web-Standards einzusetzen.

In einem ersten Schritt wird das Gericht über die Zulässigkeit der Klage entscheiden. Sollte Eolas diese Runde überstehen, plant die Firma, die acht Konzerne in drei Verfahren auf Schadenersatz zu klagen.

  • Eolas beansprucht Patentrecht auf "interaktives Web" für sich.
    foto: derstandard.at/screenshot

    Eolas beansprucht Patentrecht auf "interaktives Web" für sich.

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