Wiener Wissenschafter liefern neue Daten zur Extension der ägäischen Platte vor zehn Millionen Jahren
Wien - Was sich im Boden unter dem östlichen Mittelmeer abspielt, galt bislang als einigermaßen geklärt und gesichert - ein Irrtum, wie sich nun herausgestellt hat. Wiener Forscher konnten anhand von Analysen von
Gesteinsschichten, die ursprünglich tief unter der Erde lagen, zeigen, dass die
Erdkruste in der Ägäis vor etwa zehn Millionen Jahren nicht nur in eine Richtung
gedehnt wurde, wie bislang angenommen. Auf den westlichen Kykladen fanden sie Hinweise darauf, dass das
bisherige Modell der unterirdischen Bewegungen in der Region einer Überholung
bedarf. Ihre Ergebnisse wurden kürzlich in dem Fachjournal "Lithosphere"
veröffentlicht.
Im Rahmen eines vierjährigen FWF-Projekts hat sich Bernhard Grasemann vom
Department für Geodynamik und Sedimentologie der Universität Wien mit der
geologischen Struktur der westlichen Inseln der Kykladen in der südlichen Ägäis
befasst. Diese Region sei im Gegensatz zu den östlichen und nördlichen Inseln
bisher von der Wissenschaft "ein wenig stiefmütterlich" behandelt worden, so der
Forscher.
Im Osten und Norden der Inselgruppe wurden in den 1980er und 90er Jahren
große Störungsstrukturen entdeckt. Diese sogenannten "Abscherungshorizonte" sind Ergebnisse von Vorgängen, bei denen Gesteine, die ursprünglich tief in der
Erdkruste gelegen haben, durch Erdbeben an die Oberfläche gelangt sind. Diese
Strukturen zeigen eine starke Dehnung - eine Extension - dieses Teils der
Erdkruste an. Die Art der Verformung lässt darauf schließen, dass das Gestein
vor ungefähr zehn Millionen Jahren Richtung Norden geschoben wurde. Seitdem
gehen alle gängigen Modelle zur Bewegung der tektonischen Platte im ägäischen
Raum von einer "nordgerichteten Extension" aus, so Grasemann.
Gigantisches Störungssystem
"Wir haben aber auf den Westkykladen ein gigantisches Störungssystem
gefunden", dass in Richtung Süden gedriftet ist. Laut den Analysen der Wiener
Forscher fand diese "spiegelverkehrte" Bewegung etwa zur gleichen Zeit statt,
wie die Bewegungen nach Norden im nordöstlichen Teil der Inseln. "Diese
Entdeckung hat eigentlich dazu geführt, dass wir jetzt ein völlig neues Modell
von der Extension der ägäischen Platte haben", so der Wissenschafter. Es sei nun
klar, dass die Platte damals gleichzeitig in Richtung Norden und an einer
anderen Stelle nach Süden hin gedehnt wurde.
"Das ist deshalb spannend, weil solche Bewegungen zur Zeit auch unter dem
griechischen Festland im Bereich des Golfs von Korinth ablaufen." Diese Vorgänge
sind dafür verantwortlich, dass in der Region immer wieder starke Erdbeben
stattfinden. Da diese Bewegungen aber in etwa zehn Kilometern Tiefe ablaufen,
könne man sie nicht wissenschaftlich untersuchen. Man habe hier nun eine
ähnliche Entwicklung gefunden, die zwar vor sehr langer Zeit stattgefunden hat,
an der sich aber die Deformationen ablesen und die Mechanismen dahinter
studieren lassen. "Um solche Abläufe direkt anschauen zu können, muss man auf
alte Systeme zurückgreifen", so der Forscher.
Neudatierung
Für ihre Untersuchungen mussten die Wissenschafter Karten mehrerer Inseln
überarbeiten oder komplett neu zeichnen. Die Proben der Gesteine aus den
Störungsstrukturen wurden in Wien mit Hilfe eines Rasterelektronenmikroskops
untersucht. In Zusammenarbeit mit amerikanischen Kollegen konnten die Zeitpunkte
ihrer Entstehung genau datiert werden.
Auf eine "alte Diskussion" unter den Wissenschaftern, die sich mit
Plattentektonik befassen, habe die Entdeckung direkte Auswirkungen.
Grundsätzlich stelle sich nämlich die Frage, ob die Extension einer Platte
symmetrisch - also mit zwei gegengerichteten Störungssystemen - oder
asymmetrisch abläuft. Bisher habe die Ägäis immer als Beispiel für eine
asymmetrische Extension gegolten, "unsere Ergebnisse haben aber gezeigt, dass es
sich auch hier um ein symmetrisches System handelt", so Grasemann. (APA, red)