Initiative von Wissenschaftern und Künstlern möchte andere Sichtweisen auf aktuelle Probleme aufzeigen
Berlin/Klagenfurt - Ein philosophischer Ritt auf dem Amtsschimmel:
Hinter dem im Dezember 2011 in Berlin gegründeten "Amt für Arbeit an unlösbaren
Problemen und Maßnahmen der hohen Hand" verbirgt sich eine Initiative von
Wissenschaftern und Künstlern, die sich den vermeintlich unlösbaren Problemen
unserer Zeit gemeinsam widmen wollen. Dabei setzen die Protagonisten auf
unkonventionelle Zugänge und unübliche Methoden. Mit an Bord ist auch Arno
Bamme, Professor am Institut für Technik- und Wissenschaftsforschung der Alpe
Adria Universität in Klagenfurt.
Die Gründung des Amtes geht auf eine Initiative des deutschen
Kulturwissenschafters und Aktionskünstlers Bazon Brock zurück, der die
Einrichtung der Institution mit Hilfe der Leuphenia Universität Lüneburg
vorangetrieben hat. Seinen Platz hat das "Amt" im Haus der "Denkerei" am
Berliner Oranienplatz gefunden. Dort werden auch die künftigen Aktivitäten
stattfinden, die zu eigenwilligen Lösungsvorschlägen und Zukunftsszenarien
führen sollen, heißt es in einer Aussendung. Geplant sind Workshops zu
verschiedenen Themen, bei denen sich wissenschaftliche und künstlerische
Veranstaltungen "sandwichartig" abwechseln sollen.
Die Arbeit an den unlösbaren Problemen wird in acht "Sektionen" erfolgen, die
jeweils von einem Fachvorstand geleitet werden. Brock selbst sitzt
beispielsweise der Abteilung für "Evidenzkritik/Müllkulte" vor, für den Bereich
der "Psychopolitik" zeichnet der Philosoph Peter Sloterdijk verantwortlich,
Bamme ist Vorstand der Sektion "Abendländische Epistemologie" (Anm:
"Abendländische Erkenntnistheorie").
Selbstverständlichkeiten infrage stellen
Es gehe "einfach darum, Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen", sowie
den Fortschrittsoptimismus aus der Sicht der Wissenschaft und der Kunst kritisch
zu betrachten, so Bamme im Gespräch mit der APA. Die Kunst habe dabei den
Vorteil, "Dinge formulieren zu können, die man als Wissenschafter so nicht
formulieren kann". Als Forscher müsse "man relativ diszipliniert arbeiten und
das schränkt manchmal die Fantasie ein". Die Kombination der Sichtweisen von
Forschern und Künstlern ergebe einen Freiraum, von dem man sich anregen lassen
könne, so Bammé.
Der kritische, aktionskünstlerisch angehauchte Blick bildet sich beispielhaft
in einem "Experiment" ab, dass in der "Denkerei" auf Anregung von Brock
durchgeführt wurde. Hier versuchte sich ein türkischer Schwertmeister an der
Zerschlagung eines dem "Gordischen Knoten" nachempfundenen Forschungsobjekts. Im
Gegensatz zu dem historischen Vorbild, Alexander dem Großen, konnte der Knoten
aber auf diese Weise nicht durchtrennt werden. "Metaphorisch sollte damit
gezeigt werden, dass sich komplizierte Probleme nicht im Hauruck-Verfahren lösen
lassen", so Bamme.
Bevölkerungswachstum, Finanzmarktkrise oder Kernkraft
Als Beispiele für "unlösbare Probleme" nennt er das Bevölkerungswachstum, die
Finanzmarktkrise, die Umweltverschmutzung oder die Kernkraft. "Meine These ist
aber, dass diese Probleme schon lösbar wären, wenn wir vernünftige
gesellschaftliche Institutionen dazu hätten."
Wie eigenwillig Entscheidungen in der Politik getroffen werden, zeige sich
für den Forscher beispielsweise im Schwenk der deutschen Bundeskanzlerin Angela
Merkel in der Frage der Verlängerung bzw. schlussendlich Nicht-Verlängerung der
Energieerzeugung mittels Atomkraft in Deutschland. "Das Spannende an dieser
Entscheidung ist, dass sich wissenschaftliche Erkenntnisse dazu ja nicht
geändert haben, die Motivation dieses Schwenks lag ganz wo anders." Hier werde
die Diskrepanz sichtbar, dass die Kernkraft Probleme schaffe, die Jahrtausende
bestehen bleiben, die Entscheidungen darüber aber in Vier-Jahres-Zyklen
getroffen werden.
Aber welche Probleme schafft sich nun eine Gesellschaft tatsächlich, welche
von ihnen kann sie lösen, welche nicht und warum? In Bammes Bereich gehe es
darum, vermeintlich Unlösbares im Kontext der jeweiligen Epoche zu sehen, in der
es auftritt. So war es etwa den alten Griechen nicht möglich zu fliegen, weil
sie einerseits die Technologien dazu nicht hatten und anderseits von falschen
Annahmen ausgingen. Eine solche Fehlannahme wäre, dass Ikarus' Flügel
verbrennen, wenn er sich der Sonne nähert. Tatsächlich nehmen die Temperaturen
mit zunehmender Höhe ab, die Griechen wussten das damals aber anscheinend nicht.
Diese Metapher würde sich auch auf aktuelle "unlösbare Probleme" umlegen
lassen. Bamme: "Hätten wir etwa Raketen mit denen man den Atommüll zur Sonne
schießen könnten, wären wir das Problem los, die haben wir aber nicht, zumindest
noch nicht." (APA)