"Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen" nimmt Arbeit auf

9. Februar 2012, 12:47
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Initiative von Wissenschaftern und Künstlern möchte andere Sichtweisen auf aktuelle Probleme aufzeigen

Berlin/Klagenfurt - Ein philosophischer Ritt auf dem Amtsschimmel: Hinter dem im Dezember 2011 in Berlin gegründeten "Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen und Maßnahmen der hohen Hand" verbirgt sich eine Initiative von Wissenschaftern und Künstlern, die sich den vermeintlich unlösbaren Problemen unserer Zeit gemeinsam widmen wollen. Dabei setzen die Protagonisten auf unkonventionelle Zugänge und unübliche Methoden. Mit an Bord ist auch Arno Bamme, Professor am Institut für Technik- und Wissenschaftsforschung der Alpe Adria Universität in Klagenfurt.

Die Gründung des Amtes geht auf eine Initiative des deutschen Kulturwissenschafters und Aktionskünstlers Bazon Brock zurück, der die Einrichtung der Institution mit Hilfe der Leuphenia Universität Lüneburg vorangetrieben hat. Seinen Platz hat das "Amt" im Haus der "Denkerei" am Berliner Oranienplatz gefunden. Dort werden auch die künftigen Aktivitäten stattfinden, die zu eigenwilligen Lösungsvorschlägen und Zukunftsszenarien führen sollen, heißt es in einer Aussendung. Geplant sind Workshops zu verschiedenen Themen, bei denen sich wissenschaftliche und künstlerische Veranstaltungen "sandwichartig" abwechseln sollen.

Die Arbeit an den unlösbaren Problemen wird in acht "Sektionen" erfolgen, die jeweils von einem Fachvorstand geleitet werden. Brock selbst sitzt beispielsweise der Abteilung für "Evidenzkritik/Müllkulte" vor, für den Bereich der "Psychopolitik" zeichnet der Philosoph Peter Sloterdijk verantwortlich, Bamme ist Vorstand der Sektion "Abendländische Epistemologie" (Anm: "Abendländische Erkenntnistheorie").

Selbstverständlichkeiten infrage stellen

Es gehe "einfach darum, Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen", sowie den Fortschrittsoptimismus aus der Sicht der Wissenschaft und der Kunst kritisch zu betrachten, so Bamme im Gespräch mit der APA. Die Kunst habe dabei den Vorteil, "Dinge formulieren zu können, die man als Wissenschafter so nicht formulieren kann". Als Forscher müsse "man relativ diszipliniert arbeiten und das schränkt manchmal die Fantasie ein". Die Kombination der Sichtweisen von Forschern und Künstlern ergebe einen Freiraum, von dem man sich anregen lassen könne, so Bammé.

Der kritische, aktionskünstlerisch angehauchte Blick bildet sich beispielhaft in einem "Experiment" ab, dass in der "Denkerei" auf Anregung von Brock durchgeführt wurde. Hier versuchte sich ein türkischer Schwertmeister an der Zerschlagung eines dem "Gordischen Knoten" nachempfundenen Forschungsobjekts. Im Gegensatz zu dem historischen Vorbild, Alexander dem Großen, konnte der Knoten aber auf diese Weise nicht durchtrennt werden. "Metaphorisch sollte damit gezeigt werden, dass sich komplizierte Probleme nicht im Hauruck-Verfahren lösen lassen", so Bamme.

Bevölkerungswachstum, Finanzmarktkrise oder Kernkraft

Als Beispiele für "unlösbare Probleme" nennt er das Bevölkerungswachstum, die Finanzmarktkrise, die Umweltverschmutzung oder die Kernkraft. "Meine These ist aber, dass diese Probleme schon lösbar wären, wenn wir vernünftige gesellschaftliche Institutionen dazu hätten."

Wie eigenwillig Entscheidungen in der Politik getroffen werden, zeige sich für den Forscher beispielsweise im Schwenk der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Frage der Verlängerung bzw. schlussendlich Nicht-Verlängerung der Energieerzeugung mittels Atomkraft in Deutschland. "Das Spannende an dieser Entscheidung ist, dass sich wissenschaftliche Erkenntnisse dazu ja nicht geändert haben, die Motivation dieses Schwenks lag ganz wo anders." Hier werde die Diskrepanz sichtbar, dass die Kernkraft Probleme schaffe, die Jahrtausende bestehen bleiben, die Entscheidungen darüber aber in Vier-Jahres-Zyklen getroffen werden.

Aber welche Probleme schafft sich nun eine Gesellschaft tatsächlich, welche von ihnen kann sie lösen, welche nicht und warum? In Bammes Bereich gehe es darum, vermeintlich Unlösbares im Kontext der jeweiligen Epoche zu sehen, in der es auftritt. So war es etwa den alten Griechen nicht möglich zu fliegen, weil sie einerseits die Technologien dazu nicht hatten und anderseits von falschen Annahmen ausgingen. Eine solche Fehlannahme wäre, dass Ikarus' Flügel verbrennen, wenn er sich der Sonne nähert. Tatsächlich nehmen die Temperaturen mit zunehmender Höhe ab, die Griechen wussten das damals aber anscheinend nicht.

Diese Metapher würde sich auch auf aktuelle "unlösbare Probleme" umlegen lassen. Bamme: "Hätten wir etwa Raketen mit denen man den Atommüll zur Sonne schießen könnten, wären wir das Problem los, die haben wir aber nicht, zumindest noch nicht." (APA)

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