Mythos Krebspersönlichkeit

Vermeintlich schuld am Krebs

Regina Philipp, 10. Februar 2012, 10:25
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    foto: gerd altmann/www.pixelio.de

    Auf der Suche nach einer Erklärung für das eigene Leid tauchen häufig Schuldfragen auf.

Die Theorie, dass Menschen aufgrund ihrer Persönlichkeit dazu neigen, an Krebs zu erkranken, ist ein Mythos

Krebspersönlichkeiten erscheinen in vielerlei Hinsicht vorbildhaft: Sie sind ausgeprägt freundlich, sozial angepasst, zurückhaltend, hilfsbereit, friedliebend, selbstlos und stets darum bemüht, niemandem zur Last zu fallen. Kurzum, auf diese Menschen ist hundertprozentig Verlass. Eigenschaften, die jedoch unter dem Verdacht stehen, Krebs auszulösen, werden sie als Unterwürfigkeit, Unsicherheit, reduzierte Emotionalität und Unfähigkeit, eigene Interessen zu verfolgen, interpretiert. Die Idee vom sogenannten Typus carcinomatosus, auch als Typ C bekannt, ist reine Spekulation, der Glaube daran hält sich jedoch hartnäckig. 

Hippokrates und Galenus gelten als Vordenker der psychosozialen Onkogenese, zogen sie doch bereits eine Verbindung zwischen Melancholie und Krebs. Diese Theorie erhielt bis in die Neuzeit große Zustimmung, im 19. Jahrhundert leiteten Ärzte daraus noch Zusammenhänge zwischen Depressionen und Krebs ab. Ein Trugschluss, wie sich zeigte, wurde doch in der Antike unter Melancholie ein Überschuss an schwarzer Galle verstanden, die giftig und damit krebsauslösend wirkte. Geändert hat diese Erkenntnis allerdings nichts. "Im Gegenteil, mit dem Einzug einer einseitigen Auslegung der Psychosomatik wurde dem heutigen Glauben an eine Krebspersönlichkeit auch noch Vorschub geleistet. Dabei wurde bei einzelnen Krankheitsbildern eine Kausalkette zur Persönlichkeit und dem Verhalten generalisiert und ohne Evidenz als allgemeingültige Lehrmeinung auch für Krebs dargestellt", sagt Alexander Gaiger, Hämatologe und Psychoonkologe an der Universitätsklinik für Innere Medizin I am AKH in Wien. Als Brücke zwischen Seele und Krankheit wurde in dieser Betrachtung das Immunsystem deklariert, das, durch persönlichkeitsbedingtes Verhalten angeblich geschwächt, seine Abwehrfunktion verringert.

Interpretation der Lebensgeschichte

Im Zusammenhang mit Überlegungen zur Krebspersönlichkeit existieren mittlerweile zahlreiche Studien. Die meisten davon wurden allerdings retrospektiv durchgeführt. Das bedeutet: Bereits an Krebs Erkrankte wurden untersucht und anhand gefundener Persönlichkeitsmerkmale wurden Rückschlüsse gezogen, welche "Menschentypen" die Betroffenen schon vor ihrer Erkrankung waren. "Das ist nicht zulässig, da die Erfahrung einer lebensbedrohlichen Krankheit einen Einfluss auf die Persönlichkeit und Interpretation der eigenen Lebensgeschichte hat", so der Psychoonkologe.

In den wenigen prospektiven Studien, die gemacht wurden, haben Wissenschaftler Personen über Jahre hinweg beobachtet und untersucht, ob bestimmte Persönlichkeitsmerkmale eine spätere Erkrankung prognostizierbar machen. Stimmige Zusammenhänge fanden sie jedoch nicht. Vielmehr häufen sich indessen die Hinweise, dass die hohen Depressivitätsraten unter Krebskranken auch als Folge der Erkrankung und Therapie verstanden werden können und den Verlauf der Krebserkrankung eventuell beeinflussen. 

Für krebskranke Menschen besitzen empirische Studien jedenfalls eine geringe Relevanz, viel mehr geht es hier um gefühlte Plausibilität. "Die Diagnose Krebs ändert das Leben der Betroffenen im Bruchteil einer Sekunde. Dinge, die bis zu diesem Zeitpunkt selbstverständlich waren, werden plötzlich in Frage gestellt", weiß Gaiger. Der Erkrankung ausgeliefert, wollen Erkrankte das Unbegreifbare verstehen. Beim Krebs umso mehr, als seine Ursache anders als beispielsweise bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen schwer fassbar ist. Auf der Suche nach einer Erklärung für das eigene Leid tauchen dabei häufig Schuldfragen auf. Die Vermutung, dass bestimmte Charakterzüge ursächlich für die Entstehung von Krebs verantwortlich sind, wird von vielen betroffenen Menschen ganz spontan assoziiert. "Diese Selbstanklagen erfüllen insofern ihren Zweck, als die Hoffnung besteht, dass durch Änderung bestimmter Wesenszüge die Genesung gefördert wird", erklärt der Experte und betrachtet die Auseinandersetzung mit dem Mythos Krebspersönlichkeit und dem vermeintlich schuldhaften Verhalten als vergeudete Energie.

Traumatische Erfahrungen

Nicht immer findet das seelische Ungleichgewicht seine Begründung jedoch in einer eventuell vorhandenen Krebspersönlichkeit. "Eine Überlegung, bezogen auf den Einfluss psychischer Faktoren, war auch, dass massive Traumata in der Vergangenheit zum Ausbruch einer Krebserkrankung führen könnten", so Gaiger. Eine Hypothese, die der Hämatologe allerdings sofort widerlegt: "Das mittlere Alter von Krebspatienten liegt zwischen 57 und 60 Jahren. Und so traurig es ist, aber in diesem Alter hat bereits fast jeder eine traumatische Erfahrung hinter sich."

Demnach müsste nicht nur praktisch jeder 60-Jährige unter einer Krebserkrankung leiden, sondern auch sämtliche Menschen, die in Kriegsgebieten leben beziehungsweise Opfer von Naturkatastrophen sind. "Das ist aber keineswegs der Fall", ergänzt Gaiger und bezeichnet Krebs nach dem heutigen Verständnis selbst als Naturkatastrophe. 

Ebenso wie Tsunamis und Erdbeben entstehen nämlich auch Krebserkrankungen multifaktoriell. "Typischerweise wird psychischen Faktoren, die für die Entstehung einer schweren Erkrankung eigentlich irrelevant sind, eine sehr große Bedeutung beigemessen, während hochrelevante Umstände für die Entstehung oder den Verlauf einer Krankheit völlig ignoriert werden", betont der Psychoonkologe und nimmt hier Bezug auf den sozioökonomischen Status und Lebensstil.

Armut, Bildungsmangel, hoher BMI, ungesunde Ernährung und wenig körperliche Bewegung macht er im Wesentlichen für den Umgang und die Bewältigung einer Krebserkrankung verantwortlich. "Geld ändert zwar nichts am menschlichen Leid, erleichtert aber den finanziellen Druck und ist neben einem Informationsmangel ein gravierender Faktor in der Entwicklung von Depressionen", ergänzt er.

Onkologische Rehabilitation

Um das Puzzle Leben neu zusammenzusetzen, wäre seiner Einschätzung nach eine befruchtende Begegnung zwischen dem behandelnden Arzt und dem Patienten sinnvoll. Diese rückt durch die standardisierte Medizin jedoch zunehmend in den Hintergrund. "Stattdessen werden Theorien und Ideologien als Hilfsmittel herangezogen, um diese Aufgabe zu bewältigen", so Gaiger.

Als Psychoonkologe steht er den Patienten unterstützend zur Seite. Mit fokussierten Kurzzeittherapien gilt es unter anderem Schuldfragen zu klären, den Patienten Wege aus ihrer Hilflosigkeit und Verunsicherung zu zeigen und Ressourcen zu mobilisieren. Zunehmend mehr Bedeutung bekommt auch die onkologische Rehabilitation, die sich vorrangig mit der Reintegration von Krebspatienten in die Gesellschaft und der Verbesserung der Lebensqualität auseinandersetzt. "Damit rücken wir dem Ziel 'Vom Überleben zum Leben' ein Stück näher", resümiert Gaiger. (derStandard.at, 10.2.2012)

Kommentar posten
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Caroline P.
 
00
23.2.2012, 20:54
Mit dem Mythos der "Krebspersönlichkeit"

halten sich meines Erachtens die (noch) nicht Betroffenen den schwer zu ertragenden Gedanken vom Leibe, dass der Ausbruch dieser Krankheit vielleicht doch zufälligen/ genetisch bedingten/ sonstigen nicht einfach so steuerbaren Faktoren zuzuschreiben ist.
Indem sie den Erkrankten in beispiellosem Mangel an Empathie "Selber schuld!" zuraunen, können sie sich auf der Gewinnerseite der "gesunden Persönlichkeiten" wähnen. Widerlich.

nike samothrake
01
22.2.2012, 00:26
wir alle wissen nach wie vor nichts über krebs

mein gesunder, sich sehr bewegender, heiterer mann starb innerhalb von 5 monaten nach der diagnose. er war 48. natürlich gab es in seinem leben einige traumata. ohne selbige geht ein menschenleben gar nicht.
ich selber bin schon mein ganzes leben krank, kann auf eine unzahl von traumata körperlicher und psychischer natur verweisen und habe keinen krebs.
traurigerweise wird immer noch zu wenig geforscht. eine naturkatastrophe ist heute schon vorhersehbarer wie eine krebserkrankung. warum ich hier überhaupt was schreibe? weil es doch erstaunlich ist, wie viele so vermeintlich allwissend sind. eines kann ich mit sicherheit sagen - es kann jeden erwischen....wirklich jeden..

mit_abstand
60
15.2.2012, 17:46

natürlich hat die persönlichkeit einfluss auf die entstehung von krebs. unter persönlichkeit fallen ja auch dinge wie faulheit, selbstwert usw. daraus resultiert z.b. im falle von faulheit ein bewegungsmangel, der ein direkter einflussfaktor ist.

bingoX
02
14.2.2012, 15:19
Würde bedeuten

dass Stressfaktoren keinerlei auswirkung auf den Körper haben.

ein mensch
00
14.2.2012, 13:26
Gibts verlässliche zahlen

zu immunsystem (impfen vor ende des 3. lebensjahrs und sonstige frühe beanspruchungen) und krebs?

Colette
02
14.2.2012, 12:16
das mit der schuld ist überhaupt ein problem.

siehe schlingensiefs stück "mea culpa". jeder der krebs bekommt wird diesen darauf zurückführen, dass er sich falsch verhalten hat, da die illusion verbreitet wird, krebs lasse sich zuverlässig verhindern. in wahrheit reduziere ich mein risiko nur, wenn ich mich gesund ernähre/nicht rauche/bewege etc.

gawi
 
13
13.2.2012, 12:00
Was für ein Schwachsinn!

Und eine Verhöhung der Angehörigen, die ein Familienmitglied durch Krebs verloren haben.
Ich habe zur Zeit übrigens eine Schnupfenpersönlichkeit....

Toeris
00
13.2.2012, 14:52

Hast du den Artikel gelesen?

wurzen sepp
 
00
14.2.2012, 14:46
nicht nötig, um einen blödsinn zu schreiben.

gnu1
00
13.2.2012, 09:17
zur Krankheit noch die Schuld dazu

http://diewahrheit.at/video/kra... e-versager

Dramaqueen
122
13.2.2012, 01:39
Herr Gaiger!!! Nicht die traumatische Erfahrung

sondern die Bewältigung davon ist der Auslöser und dazwischen liegen ca. 10 Jahre bis zum Ausbruch!

Herrgott, wie lange braucht dieses Grundwissen in die Schulmedizin?

Lectrice
02
14.2.2012, 18:30

Ohne Schulmedizin sind die Leute früher elendig verreckt mit oder ohne Trauma. Abgesehen davon hätte nach den dubiosen Lehren die Kriegsgeneration ziemlich geschlossen an Krebs erkranken müssen.

readymate
04
13.2.2012, 11:22
Woher

haben S' denn dieses "Grundwissen"...?

.

Prinzessin Li
83
13.2.2012, 01:28

Krebs ist keine Krankheit - Krebs ist ein Überlebensmechanismus
http://www.amazon.de/Krebs-ist... 0979275741
22 Rezensionen bei Amazon

janek
46
12.2.2012, 22:30
widerlich die Versuche Krebsursachen als Krankheit der Psyche darzustellen

Psychopfuscher die bei sterbenskranken auch noch mit ihren Halbwahrheiten Geld verdienen wollen!

Green Spirit
65
12.2.2012, 21:27
unvollständig der Experte und die Postings

Grundsätzlich gebe ich dem Experten recht, wenn er davor warnt, der Psyche die Schuld am Krebsgeschehen zu geben. Das könnte nämlich davon ablenken, nach anderen Ursachen intensiv zu forschen. Aber genauso unreif finde ich die Reaktion der meisten Poster; als ob sie schon lange sehnsüchtig auf eine solche Absolution gewartet hätten, sich ab nun nicht mehr mit ihrer vielleicht kranken Psyche beschäftigen zu müssen. Fakt ist, dass Nervenzellen und Immunzellen sich aneinander anlagern und Substanzen und Informationen austauschen und nach psychischem Schock in der Regel ein Immunschock messbar folgt. Und das soll keinerlei Auswirkung auf die körpereigene Abwehr von Krebs haben? Illusion!

Toeris
20
12.2.2012, 21:30

Das mit den Personen, die Badewannen stricken, hatten wir hier zu dem Thema schon mehrfach. Wiederholung braucht's nicht.

Colette
01
14.2.2012, 11:51

erst hab ich gelesen "in" badewannen stricken und dachte mir da wird ja das strickzeug nass. aber was soll "badewannen stricken" bedeuten?

Lectrice
01
14.2.2012, 18:32

Dass jemand statt e. undurchlässigen Wanne (die soll ja Wasser halten) eine durchlässige baut - mit einem Wort sich "einen Topfen zusammenreimt".

Colette
00
15.2.2012, 14:00

ah, danke. hatte ich noch nie gehört!

FAIL
15
12.2.2012, 12:07
"jede zelle meines körpers ist glücklich, ...

... jede körperzelle fühlt sich wohl.
jede zelle an jeder stelle,
jede zelle ist voll gut drauf!"

http://www.youtube.com/watch?v=ZTjyRu88PRE

A Voice
25
12.2.2012, 08:49
Danke für den Artikel

utarefson
16
11.2.2012, 22:43
Ein Lichtblick von Artikel im sonst ungesunden Standard!

Aber die Analyse der Postings zeigt, dass eben gute Artikel von einem Großteil der Poster nicht verstanden wird bzw. an der dogmatischen Denksperre nicht vorbeikommt.

astemp79
257
11.2.2012, 20:38
Es geht nicht um Schuld.

Sondern es geht darum, dass es Menschen gibt, die einen Groll, einen Schmerz, ein Trauma, eine ungelöste Begebenheit mit sich herumschleppen, die nicht verzeihen und nicht loslassen können. Konflikte mit den Eltern, mit Menschen, die ihnen etwas angetan haben (seelisch oder körperlich, oft auch unbewusst). Die Konflikte und Gefühle können sehr lange zurück liegen, und es braucht dennoch nur einen damit resonierenden Auslöser, um genau diese Emotionen wieder hervorzuholen und im Körper zu manifestieren.
Die Menschen, die in meinem Leben Krebs bekamen, hatten alle so einen Konflikt, der unverziehen war und deshalb ungelöst blieb ...
... jeder sollte sein Inneres erkennen - und Frieden schließen.

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