Eine Winterwunschreise

Kanada im Winter: Von der Hudson Bay, Neufundland und dem Arktischen Meer will er schreiben, der Schriftsteller. Und dann kommt alles ganz anders

Wir hatten mit Schnee gerechnet, und mit dem Winter, verständlicherweise Ende Dezember in Québec. Durfte die Umgebung Montreals doch mit jedem Recht der Metereologie, Geografie oder gleich welcher Wissenschaft als Schneeloch bezeichnet werden. Wenige Tage vor dem Abflug dann die Nachricht, dass rings um Montreals Insel alles grün wäre. Schlechte Neuigkeiten angesichts des Vorhabens, nach der Reise vom Winter zu erzählen: von gefrorenen Seen, verschneiten Bäumen, eiskalter Luft und weißen Ebenen. Von einem Winter zwischen Grönland und Alaska.

Denn so malte ich ihn mir bereits eineinhalb Monate vor der Reise aus. Auf der Flucht vor dem Novembernebel, im Zug von Wien Richtung Westen. Kurz nach Salzburg wachte G. auf, draußen strahlte die Morgensonne durch die letzten Nebelfetzen. Wir sahen aus den Zugfenstern, und irgendwann fragte sie mich, ob ich von unserer Winterreise nach Kanada eine Geschichte schreiben würde. So wie von unserer Reise im Winter davor, nach Afrika. Da es etwas Schönes sei, sagte sie, wenn Geschichten vom Reisen blieben. Dem Mann im Schriftsteller gefiel das, und er nahm sich vor, von dieser Reise eine ganz besondere zu schreiben. Eine helle, weite Geschichte über den Winter, über Schnee und Eis. Und tatsächlich, trotz der ursprünglichen Nachricht von grünen Wiesen, in letzter Sekunde stand der Winter dem Mann bei:

"This is your Captain speaking ...", zu Beginn des Landeanflugs die Meldung von Schneefall. Nachmittags hatte es begonnen, und das Schneien dauerte im Licht der Autoscheinwerfer noch an, knirschte beim Einparken, knirschte beim Aussteigen, und war weiß genug für eine Ankunft, war weiß genug für ein erstes Aufwachen. Vom Winter aber hätte das Schneien selbst dann nicht genug erzählt, wenn uns der am dritten Tag prognostizierte Schneesturm erreicht hätte.

Vorerst waren wir jedoch froh über den Schnee. Und ich war es in diesen Tagen ganz besonders. Dort, in St. Lazare, an der Spitze des Landdreiecks an der Mündung des Ottawa River in den St.-Laurenz-Strom, wo die Bäume nach dem Aufwachen wie schwarzgraue Schattenstriche zwischen den Häusern standen.

Blauer Himmel strahlte durch die lichten, hohen Kronen. Der leichte Pulverschnee hielt selbst am dünnsten Geäst. Und die Weihnachtsbeleuchtungen an den Häusern erschienen abends wie Markierungen von Höhlenzugängen - um eine Spur zu strahlende Markierungen vielleicht.

Am zweiten Tag fiel wieder Schnee, nicht mehr als am ersten, genug aber, die weiße Oberfläche zu wahren. Am dritten Tag fror es bis minus achtzehn Grad, dann zog der angekündigte Schneesturm wenige Kilometer entfernt vorbei. Doch der Schnee knirschte, und der Hund der Gastgeber lag nach den Spaziergängen mit ausgestreckten Beinen auf der Seite, bewegte höchstens die Ohren, während der Sohn unserer Gastgeber mit seinen St. Lazare Hawks das erste Spiel des feiertäglichen Eishockeyturniers mit 2:10 verlor.

Reihenhaussiedlung mit Vogelnamen

Vor ein paar Jahren, so wurde uns erzählt, habe es in diesem Teil St. Lazares nur Wald gegeben. Deshalb kurvten sich die Gassen so gleichmäßig und trugen Namen wie Bourgogne und Beaujolais, während sie ein Stück weiter durchgängig nach Vogelnamen hießen. Es war eine am Reißbrett entwickelte Siedlung, durch die unsere täglichen Spaziergänge führten, so künstlich wie sorgfältig angelegt.

Selbst das Verhältnis der für die Zufahrtsstraßen und Häuser zu schlagenden Bäume sei berechnet worden, um für die anvisierte Hausbesitzer-Klientel jenen Rest Waldcharakter zu bewahren, der selbst in einer solchen Retortensiedlung die Illusion erhielt, einsam im Wald zu residieren. In einem kanadischen Winterwald.

Kein Gebiet im Großraum Montreal wuchs schneller als die neu "entwickelten" Haus- und Waldidyllen am Rande St. Lazares. Sie übertreffen die ehemals kleine Ortschaft St. Lazare längst um ein Vielfaches. Dementsprechend mickrig sieht das alte Hôtel du Ville mit seinem kleinen Vorplatz und den drei Geschäften im Gegensatz zum Supermarktparkplatz auf der anderen Straßenseite aus: hier kaum eine Handvoll Wägen, drüben, vor den Banken, Fast-Food-Filialen, Immobilienmaklern und Supermärkten, mehrere hundert Autos. Und das den ganze Tag über.

Davon zu schreiben kam mir auch nach Tagen nicht in den Sinn. Viel eher hingegen über all die Wunschreisen, die im Kopf und auf der Landkarte angesichts der Erzählungen unserer Gastgeber entstanden: Yukon, der Busch Ontarios, Hudson Bay, Labrador, Neufundland oder das Arktische Meer.

"Sounds good!" - Unüberhörbar, der Kellner bei Moe's hatte einen Tick. Jedem zweiten Satz unserer Smoked-Meat-Bestellung, einer sonst nur in New York so gepflegten jüdischen Spezialität, fügte er sein "sounds good" hinzu, während jeder von uns Portionen bestellte, die drei zusammen satt hätten werden lassen: "Sounds good, sounds good" - und am Ende der Bestellung: "My name is Jason. Don't be shy!"

Wir waren nicht scheu. Den Rest bekam der Hund. Und während die St. Lazare Hawks ihr zweites Spiel knapp gewannen, waren im bevorzugten Supermarkt unserer Gastgeber die überquellenden Mengen an Spezialitäten und Delikatessen auch beim dritten Mal Einkaufen noch unglaublich.

Allein in der Gemüseabteilung türmten sich einzelne Salatsorten in einem Ausmaß, das zu Hause kaum dem ganzen Gemüse zur Verfügung stand. Dasselbe bei Würsten oder Truthähnen, bei Brot, Käse oder Pasteten. Gar nicht zu reden von den Türmen an Geschenken unter den Weihnachtsbäumen in den Häusern oder den Warteschlangen in den Geschäften während der Boxing-Week.

Der Mann im Schriftsteller hingegen suchte in seinem Kopf weiterhin unberührte Landschaften für die Geschichte. Zauberhaft sollte sie sein, diese Erzählung, schöner als jede andere. So hatte er es sich vorgenommen. Doch was geschah?

Die Temperaturen fallen

Die Temperaturen fielen weiter, die St. Lazare Hawks feierten den zweiten Sieg im dritten Spiel, und die hellen Weihnachtshöhlen wurden, exakt bis aufs Zehntelgrad, von klobigen Wärmepumpen beheizt, die an den Rückseiten der kleinen Waldschlösser tagein, tagaus leise brummten.

So und nicht anders wäre diese Reise dann auch zu Ende gegangen. Im Supermarkt lägen die Salate weiterhin bei den Salaten, und die Pasteten bei den Pasteten. Die St. Lazare Hawks hätten ihr Semifinale im Shoot-out gewonnen und das Finale gegen die Mannschaft ihres Auftaktdebakels in der Nachspielzeit verloren, während der Hund mit zuckenden Augen von der nächsten Jagd durch den Schnee träumte.

Wären da nicht die Getreidespeicher im Hafen Montreals gewesen. Auch sie riesig, riesiger noch als jeder Supermarkt, und doch wurde an ihnen plötzlich etwas spürbar.

Ein Stück Wirklichkeit. Fensterlos wie sie an diesem Spätnachmittag am Hafenbecken standen, bröckelnder Verputz und Rost unter dem letzten blauen Himmel. Wie eine letzte Erinnerung an die Wirklichkeit in einer Welt, in der an der Wall Street innerhalb von Tagen, womöglich sogar innerhalb von Stunden, die industrielle Produktion der ganzen Welt umgesetzt wurde. So standen sie da, in der sinkenden Sonne über der grauen Fläche gefrierenden Wassers.

Man musste Luft holen bei ihrem Anblick, obwohl man es in der Kälte kaum konnte. Es brannte, doch es war nicht die Kälte, es brannte etwas anderes. Vielleicht ein Schmerz, oder eine Wehmut, vielleicht auch nur Leere. Ganz sicher jedoch nichts Abstraktes oder Metaphorisches.

Vielmehr etwas, das so klar war und eindeutig wie der in der Kälte binnen weniger Minuten sich von vierzig Prozent Ladung auf null leerende iPhone-Akku. Oder wie der Anblick des mit der letzten Aufnahme noch fotografierten Day-Spas mitten im zufrierenden Hafenbecken: Ein Hot-Pool dampfte am Dach, während in den Hafen bis Ende März, Anfang April kein Schiff mehr einlaufen würde.

Wie weit es aus diesem Jetzt bereits in die Wirklichkeit war? In eine Wirklichkeit, in der nicht jede Ware, oder jede Zweite, einmal rund um den Erdball reiste, während mitten im zufrierenden Hafen die Wellnessbecken dampften. Kein Wunder, dass einen das Brennen auch in den perfekt temperierten Innenräumen zwischen Beaujolais und Bourgogne nicht verließ.

Als das Brennen einer Reise, die selbst dann mit Kälte nicht das Geringste zu tun hatte, als der Mann im Schriftsteller beim nächtlichen "Pflicht oder Wahrheit"-Spiel wie ein Westernheld aufstand, um bei minus achtzehn Grad an der Haustürglocke des Nachbarn zu läuten. ( Martin Prinz/DER STANDARD/Rondo/10.02.2012)

Martin Prinz, geboren 1973 in Wien, ist Schriftsteller und Autor des Romans "Der Räuber", der auch verfilmt wurde. 2010 erschien "Über die Alpen. Von Triest nach Monaco. Zu Fuß durch eine verschwindende Landschaft" (Jung und Jung, München), das auf einer Artikelserie im RONDO basiert.

Share if you care