Das italienische Beispiel zeigt: Die Leute haben genug vom Populismus
Der neue Ministerpräsident Italiens, Mario Monti, ist ein in Europa
seltener Politikertyp, aber einer, der möglicherweise einen Trend
signalisiert. Bisher galt für erfolgreiche oder möchtegern-erfolgreiche
Politiker die Regel: Sei volksnah, strahle ein bisschen Glamour aus, sei
positiv, verbreite möglichst keine schlechten Nachrichten, sei ein
Mensch wie du und ich, nur ein wenig fescher und auf du und du mit allen
anderen Erfolgreichen, Feschen und Berühmten.
Monti ist nichts von alldem. Trotzdem sind laut der letzten Umfrage 58
Prozent seiner Landsleute mit ihm und seiner Regierung zufrieden, obwohl
diese ihnen jeden Tag neue schwere Opfer abverlangt. Die Umfrage hat
auch erhoben, ob die Wähler ihn, der nicht demokratisch gewählt, sondern
vom Staatspräsidenten eingesetzt ist, lieber an der Regierungsspitze
sehen als den jeweiligen Vorsitzenden ihrer eigenen Partei. Das Ergebnis
überrascht: Ein Drittel der Berlusconi-Anhänger, zwei Drittel der
Zentrumswähler und gar 70 Prozent der Linkswähler sagten Ja. Ein
ziemlich desaströses Urteil über die politischen Parteien und ihre
Streitigkeiten ist darin enthalten.
Mario Monti, Ex-EU Kommissar für den Wettbewerb, gelernter Ökonom,
Jesuitenschüler, praktizierender Katholik, ist ein staubtrockener
Professor. Seine Wirtschaftspolitik ist liberal: weniger Privilegien für
den öffentlichen Dienst, gelockerte Ladenöffnungszeiten, gelockerter
Kündigungsschutz in Großbetrieben. Aber kein Pardon mehr für
Steuerhinterzieher, Schluss mit teuren Dienstautos auf Staatskosten und
ein rigider Moralkodex für Amtsträger. Sein Staatssekretär musste gehen,
weil er vor Jahren die Einladung eines Bauunternehmers in ein Luxushotel
angenommen hatte. Schon der leiseste Anschein von Korruption, auch wenn
noch gar nichts bewiesen ist, sagt Monti, ist untragbar. Er selbst hat
auf sein Politikergehalt verzichtet. Und als eine Zeitung über ein
üppiges Silvesterfest im Palazzo Chigi, dem Amtssitz des Premiers,
schrieb, legte Monti die Rechnung vor: Es gab Cotechino, Linsen mit
Geselchtem, das traditionelle italienische Neujahrsessen, und die Gäste
waren die drei Monti-Kinder mit ihren Familien.
Das alles ist natürlich ein bewusstes Kontrastprogramm zum
Bunga-Bunga-Showman Berlusconi. Aber liegt darin möglicherweise auch
eine Botschaft an andere europäische Spitzenpolitiker? Nicolas Sarkozy
hat bereits seinen Glitzer-Stil abgelegt und gibt sich nüchtern und
staatsmännisch, à la Monti und à la Angela Merkel, deren Umfragewerte
ebenfalls sehr gut sind.
Das italienische Beispiel zeigt jedenfalls eines: Die Leute haben genug
vom Populismus. Sie sind bereit, in der Krise Opfer zu bringen, wenn sie
sicher sein können, dass diese im Interesse des Gemeinwohls notwendig
sind und nicht nur der Klientel der jeweils anderen Partei zugemutet
werden. Sie schätzen Integrität, Sachlichkeit, Anständigkeit und können
auf ideologische Schaugefechte ebenso verzichten wie auf Kniefälle vor
dem Boulevard und Politikerfotos bei Sportevents und Society-Anlässen.
Sie wollen Politiker, die einfach ihre Arbeit machen. Man kann nur
hoffen, dass die Marke Monti Schule macht.(DER STANDARD Printausgabe, 9.2.2012)