Der Monti-Effekt

Kolumne | Barbara Coudenhove-Kalergi, 8. Februar 2012, 19:08

Das italienische Beispiel zeigt: Die Leute haben genug vom Populismus

Der neue Ministerpräsident Italiens, Mario Monti, ist ein in Europa seltener Politikertyp, aber einer, der möglicherweise einen Trend signalisiert. Bisher galt für erfolgreiche oder möchtegern-erfolgreiche Politiker die Regel: Sei volksnah, strahle ein bisschen Glamour aus, sei positiv, verbreite möglichst keine schlechten Nachrichten, sei ein Mensch wie du und ich, nur ein wenig fescher und auf du und du mit allen anderen Erfolgreichen, Feschen und Berühmten.

Monti ist nichts von alldem. Trotzdem sind laut der letzten Umfrage 58 Prozent seiner Landsleute mit ihm und seiner Regierung zufrieden, obwohl diese ihnen jeden Tag neue schwere Opfer abverlangt. Die Umfrage hat auch erhoben, ob die Wähler ihn, der nicht demokratisch gewählt, sondern vom Staatspräsidenten eingesetzt ist, lieber an der Regierungsspitze sehen als den jeweiligen Vorsitzenden ihrer eigenen Partei. Das Ergebnis überrascht: Ein Drittel der Berlusconi-Anhänger, zwei Drittel der Zentrumswähler und gar 70 Prozent der Linkswähler sagten Ja. Ein ziemlich desaströses Urteil über die politischen Parteien und ihre Streitigkeiten ist darin enthalten.

Mario Monti, Ex-EU Kommissar für den Wettbewerb, gelernter Ökonom, Jesuitenschüler, praktizierender Katholik, ist ein staubtrockener Professor. Seine Wirtschaftspolitik ist liberal: weniger Privilegien für den öffentlichen Dienst, gelockerte Ladenöffnungszeiten, gelockerter Kündigungsschutz in Großbetrieben. Aber kein Pardon mehr für Steuerhinterzieher, Schluss mit teuren Dienstautos auf Staatskosten und ein rigider Moralkodex für Amtsträger. Sein Staatssekretär musste gehen, weil er vor Jahren die Einladung eines Bauunternehmers in ein Luxushotel angenommen hatte. Schon der leiseste Anschein von Korruption, auch wenn noch gar nichts bewiesen ist, sagt Monti, ist untragbar. Er selbst hat auf sein Politikergehalt verzichtet. Und als eine Zeitung über ein üppiges Silvesterfest im Palazzo Chigi, dem Amtssitz des Premiers, schrieb, legte Monti die Rechnung vor: Es gab Cotechino, Linsen mit Geselchtem, das traditionelle italienische Neujahrsessen, und die Gäste waren die drei Monti-Kinder mit ihren Familien.

Das alles ist natürlich ein bewusstes Kontrastprogramm zum Bunga-Bunga-Showman Berlusconi. Aber liegt darin möglicherweise auch eine Botschaft an andere europäische Spitzenpolitiker? Nicolas Sarkozy hat bereits seinen Glitzer-Stil abgelegt und gibt sich nüchtern und staatsmännisch, à la Monti und à la Angela Merkel, deren Umfragewerte ebenfalls sehr gut sind.

Das italienische Beispiel zeigt jedenfalls eines: Die Leute haben genug vom Populismus. Sie sind bereit, in der Krise Opfer zu bringen, wenn sie sicher sein können, dass diese im Interesse des Gemeinwohls notwendig sind und nicht nur der Klientel der jeweils anderen Partei zugemutet werden. Sie schätzen Integrität, Sachlichkeit, Anständigkeit und können auf ideologische Schaugefechte ebenso verzichten wie auf Kniefälle vor dem Boulevard und Politikerfotos bei Sportevents und Society-Anlässen. Sie wollen Politiker, die einfach ihre Arbeit machen. Man kann nur hoffen, dass die Marke Monti Schule macht.(DER STANDARD Printausgabe, 9.2.2012)

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Hossam Hassan
00
Die Menschen die zwei jahrzehnte von Berlusconi regiert wurden

dürften inzwischen geschnallt haben, dass Politik, die aus Meinungsumfragen besteht und deren Programm mit einem Marketingkonzept identisch ist, möglicherweise nicht so gut ist, wie sie gedacht haben.
Dass er nicht gewählt wurde hat in diesem Fall den Vorteil, dass er seinen Posten nicht einer populistischen Kampagne verdankt und einer politischen Kultur, die Demokratie als Herrschaft des Mobs versteht.

Fritz Meyer
00
Herr Monti...

ist noch nicht einmal demokratisch in sein Amt gekommen. Seine bisherige Politik vertritt auch sicherlich nicht die Interessen des Gemeinwohls bzw. der Armen und Schwachen, sondern soll nur die Gläubiger des Landes bedienen.

Das soll ein Trend für Europa sein?

Poldi Fesch
00
wder in aut

noch in IT ist ein Regierungschef anders ins amt gekommen als Mario Monti. Erst Verfassungen lesen, dann posten. Sehr wohl aber dient seine Politik dem Gemeinwohl, vor allem aber seine Versuche, die jungen Italiener auf die Welt jenseitz v. Monte Bianco u. Brenner vorzubereiten

Fritz Meyer
00
Lieber Poldi...

vielleicht fährst doch mal selber nach Italien und schaust, was die "jungen Italiener" davon halten.

Poldi Fesch
00
ein bewusstes Kontrastprogramm

nicht wirklich, der Mann ist so

alla riscossa
01
liebe frau coudenhove,

so sehr ich ihre kommentare sonst schätze, aber die italienische lage ist doch ein bisschen komplexer, als sie sie jetzt darstellen. da kommt also monti, und alles wird gut? 2013 gibt es wahlen, dann ist er weg und außer an der oberfläche hat er nichts geändert. strukturen, die uralt und eingefahren sind, können sie nicht mit einem supermario nachhaltig verändern. italiens politikerkaste lässt ihn jetzt gnädig die dreckarbeit machen und wartet nur auf seinen abgang.

Poldi Fesch
00
das fuerchte ich

zwar grundsaetzlich auch, aber Leute wie Alfano, Renzi, mit Einschraenkungen auch Tosi haetten schon den Backgroend, zu wissen, worum es geht

Walter SB
00
Ich wünschte mir

in Österreich auch einen Monti. Vielleicht der
rational denkende Ándrosch ?
Er sollte über den Parteien stehen, die in einer Pattsituation sind.

Kuoni_der_Hirt
00
Politiker sind Verbrecher und Wahlen ändern sowieso nichts

Genau dieselbe Einstellung, die einen Berlusconi ermöglicht hat, beschert jetzt dem nichtgewählten Nichtpolitiker Monti seine guten Umfragewerte.

Filippos B€zahlnixos
00
Der Monti-Effekt: "Rezession hat Italien erreicht "

Das Wirtschaftswachstum Italiens soll im vierten Quartal noch stärker geschrumpft sein als im dritten. Damit befindet sich Italien in einer Rezession. Experten erwarten für das erste Quartal 2012 ebenfalls einen Rückgang.

"Jesuitenschüler", das war einmal:
http://www.youtube.com/watch?v=6rJF_O-ThPg

Poldi Fesch
00
???

wir sind aber erst im Ersten

the comedian
 
12
klingt alles schön

leider ist der technokrat nicht demokratisch gewählt und es gibt eine bedenkliche nähe zu goldman schs.

Poldi Fesch
00
Rgierungschefs werden

fast nirgendwo gewaehlt. In aut u. in IT ganz sicher nicht

checkmate
00

aber wenn ich mir denke:

Monti oder Faymann oder Spindelegger oder HC oder Glawischnigg, dann kann ich nur über einen etwas positives sagen.

P.S. Die Spitzenrepresentanten einer Partei werden nie direkt vom Wähler gewählt, sondern werden einem immer von der Partei vor die Nase gesetzt....

Poldi Fesch
00
und die obersten

Vw-Organe werden fast immer vom Staatsoberhaupt ernannt

Sarah L.
 
02
"ideologische schaugefechte"?

auch so eine leerformel, die eigentlich in vernünftigen sätzen ohne eine nähere begründung nicht vorkommen sollten. oder will frau damit gar sagen: there is no alternative! - auch eine ideologie.

Warentester
01

Hr. Monti soll mal demokratisch in das Amt gewählt werden, dann können wir weiter reden.Und nach nicht mal einen Vierteljahr im Amt hat noch fast jeder gute Werte gehabt. Angesichts seines Vorgängers könnte man eh diskutieren ob die nicht eher mies sind. Weil dem Cavaliere braucht man wirlich nicht nachtrauern (auch wenn ich mir nicht sicher bin, dass der entgültig weg ist).

Aja, bei der Beschreibung wurde noch Ex-Goldmann-Sachs-Mann, Bilderberger und Transatlantiker vergessen. Kein Wunder das der auch ohne Probleme auf sein Politikergehalt verzichten kann, der hat genug andere "Sponsoren".

Soll diese peinliche Lobhudelei helfen den Boden in Europa für mehr demokratisch nicht legitimierte "Expertenregierungen" aufzubereiten? Oder naiv?

Poldi Fesch
01
hier ist die

it. Verfassung wie die oesterreichische, ist technisch unmoeglich

Warentester
00

Ja, es ist aber ein Unterschied ob ich bei einer Wahl als Spitzenkanditat einer Partei antrete, der Anspruch auf das Ministerpräsidentenamt stellt, oder Mitten in der Legislaturperiode aus den nichts komme. Den natürlich ist eine Wahl auch immer zumindest zum Teil eine Abstimmung über die Spitzenkanditaten. Oder wollen Sie das leugnen?

Poldi Fesch
00
du hast keinen

Anspruch, weder in aut noch in IT. Wenn die Menschen glauben, ueber den Spitzenkandidaten abzustimmen sind sie so unwissend, dasz man das allgm. Wahlrecht ueberdenken sollte

Helmut
00
Monti...

...ist demokratisch in das Amt gewaehlt worden, oder wird das italienische Parlament vom Papst eingesetzt?

Fritz Meyer
01
Aber nicht vom Souverän.

Sondern nur von dessen Vertretung im Parlament. Und, ja, das ist ein wesentlicher Unterschied.

Poldi Fesch
01
warum schlagens nicht

zuerst Verfassungen auf, eh sie sich blamieren

Fritz Meyer
00
Lieber Poldi...

im Gegensatz zu Dir benötige ich nicht nur ein einziges Schlagwort, um eine "Diskussion" zu führen.

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