Der Monti-Effekt

Kolumne8. Februar 2012, 19:08
28 Postings

Das italienische Beispiel zeigt: Die Leute haben genug vom Populismus

Der neue Ministerpräsident Italiens, Mario Monti, ist ein in Europa seltener Politikertyp, aber einer, der möglicherweise einen Trend signalisiert. Bisher galt für erfolgreiche oder möchtegern-erfolgreiche Politiker die Regel: Sei volksnah, strahle ein bisschen Glamour aus, sei positiv, verbreite möglichst keine schlechten Nachrichten, sei ein Mensch wie du und ich, nur ein wenig fescher und auf du und du mit allen anderen Erfolgreichen, Feschen und Berühmten.

Monti ist nichts von alldem. Trotzdem sind laut der letzten Umfrage 58 Prozent seiner Landsleute mit ihm und seiner Regierung zufrieden, obwohl diese ihnen jeden Tag neue schwere Opfer abverlangt. Die Umfrage hat auch erhoben, ob die Wähler ihn, der nicht demokratisch gewählt, sondern vom Staatspräsidenten eingesetzt ist, lieber an der Regierungsspitze sehen als den jeweiligen Vorsitzenden ihrer eigenen Partei. Das Ergebnis überrascht: Ein Drittel der Berlusconi-Anhänger, zwei Drittel der Zentrumswähler und gar 70 Prozent der Linkswähler sagten Ja. Ein ziemlich desaströses Urteil über die politischen Parteien und ihre Streitigkeiten ist darin enthalten.

Mario Monti, Ex-EU Kommissar für den Wettbewerb, gelernter Ökonom, Jesuitenschüler, praktizierender Katholik, ist ein staubtrockener Professor. Seine Wirtschaftspolitik ist liberal: weniger Privilegien für den öffentlichen Dienst, gelockerte Ladenöffnungszeiten, gelockerter Kündigungsschutz in Großbetrieben. Aber kein Pardon mehr für Steuerhinterzieher, Schluss mit teuren Dienstautos auf Staatskosten und ein rigider Moralkodex für Amtsträger. Sein Staatssekretär musste gehen, weil er vor Jahren die Einladung eines Bauunternehmers in ein Luxushotel angenommen hatte. Schon der leiseste Anschein von Korruption, auch wenn noch gar nichts bewiesen ist, sagt Monti, ist untragbar. Er selbst hat auf sein Politikergehalt verzichtet. Und als eine Zeitung über ein üppiges Silvesterfest im Palazzo Chigi, dem Amtssitz des Premiers, schrieb, legte Monti die Rechnung vor: Es gab Cotechino, Linsen mit Geselchtem, das traditionelle italienische Neujahrsessen, und die Gäste waren die drei Monti-Kinder mit ihren Familien.

Das alles ist natürlich ein bewusstes Kontrastprogramm zum Bunga-Bunga-Showman Berlusconi. Aber liegt darin möglicherweise auch eine Botschaft an andere europäische Spitzenpolitiker? Nicolas Sarkozy hat bereits seinen Glitzer-Stil abgelegt und gibt sich nüchtern und staatsmännisch, à la Monti und à la Angela Merkel, deren Umfragewerte ebenfalls sehr gut sind.

Das italienische Beispiel zeigt jedenfalls eines: Die Leute haben genug vom Populismus. Sie sind bereit, in der Krise Opfer zu bringen, wenn sie sicher sein können, dass diese im Interesse des Gemeinwohls notwendig sind und nicht nur der Klientel der jeweils anderen Partei zugemutet werden. Sie schätzen Integrität, Sachlichkeit, Anständigkeit und können auf ideologische Schaugefechte ebenso verzichten wie auf Kniefälle vor dem Boulevard und Politikerfotos bei Sportevents und Society-Anlässen. Sie wollen Politiker, die einfach ihre Arbeit machen. Man kann nur hoffen, dass die Marke Monti Schule macht.(DER STANDARD Printausgabe, 9.2.2012)

Share if you care.