Früher reichte schon der Name Gandhi, um Wahlen zu gewinnen - doch diese Zeiten sind wohl vorbei
Rahul Gandhi watet durch den Schlamm, ganz in Weiß gekleidet. "Ich werde
bis zu meinem letzten Bluts- und Schweißtropfen für euch arbeiten!",
verspricht er den armen Menschen im Dorf. Indiens "Kronprinz", wie ihn
die Medien gern nennen, ist auf Wahlkampftour. Und das ist in dem
Riesenland ein mühsames, bisweilen schmutziges Geschäft. Gleich in fünf
Bundesstaaten wird in diesen Wochen gewählt, zwei weitere folgen später.
Und der Hoffnungsträger der Gandhi-Dynastie hetzt von Dorf zu Dorf, von
Rede zu Rede. Früher reichte schon allein der Name Gandhi, um Wahlen zu
gewinnen. Doch heute kämpft die Kongresspartei, die seit Jahrzehnten
fest in der Hand der Nehru-Gandhi-Familie ist, gegen den Niedergang. Nun
will Indira Gandhis Enkel den alten Glanz wiederbeleben.
Die Wahlen gelten als Nagelprobe für Rahul, der als "Regierungschef im
Wartestand" und "Premierminister im Praktikum" gehandelt wird. Er
zeichnet für die Wahlkampagne verantwortlich.
Wichtig wird vor allem Uttar Pradesh, der größte Bundesstaat mit 200
Millionen Einwohnern. Dort schlage die "Stunde der Wahrheit", meint das
Magazin Tehelka. Dort regiert bisher eine Frau, die die Gandhi-Partei
das Fürchten gelehrt hat: Sie ist klein, untersetzt und trägt das Haar
fast so kurz wie ein Mann. Ihr Name ist Mayawati, aber ihre Anhänger
nennen sie meist respektvoll "Behenji" (ehrwürdige Schwester). Mit ihrer
Kastenpartei BSP hat sie 2007 in Uttar Pradesh die absolute Mehrheit
erobert. Nun hofft Gandhi dort auf ein Comeback seiner Partei, das auch
indienweit eine Trendwende einläuten soll.
Kontrahentin Mayawati
Über Jahrzehnte wurden die Gandhis wie Götter verehrt, besaßen beinahe
ein Geburtsrecht auf die Macht. Doch das änderte sich ab den
1980er-Jahren mit der Hindu-Partei BJP und Regionalparteien in den
Bundesstaaten.
Das war in Uttar Pradesh nicht anders. Doch inzwischen wächst wegen
Stagnation und Korruption der Unmut über Mayawati. Sie, die vor allem
bei den Dalits, den Unberührbaren, stark ist, zelebriert ihre Macht wie
eine neuzeitliche Sonnenkönigin und soll unglaubliche Reichtümer
angehäuft haben. Vertreter unterer Parteiränge müssen angeblich vor ihr
niederknien.
Doch inzwischen scheint Mayawati um ihre Wiederwahl zu bangen: In
letzter Minute versucht nun die 56-Jährige, sich als Sauberfrau zu
präsentieren. Sie entließ die schlimmsten Finger aus ihrer Regierung,
und ihr Markenzeichen - luxuriöse Handtaschen - lässt sie lieber daheim.
Doch ob ihr die Wähler die späte Reue abkaufen, ist zweifelhaft.
Darauf setzt auch Gandhi, der kräftig Salz in die Wunden streut und die
Korruption anprangert, obwohl auch die Kongresspartei ihre Hände
keineswegs in Unschuld waschen kann. "Wir werden kein Bündnis mit Dieben
und Gangstern eingehen", schmäht er die rivalisierenden Parteien.
Der Gandhi-Spross spielt einerseits auf der Klaviatur der traditionellen
Kastenpolitik und schnappt der BSP und der SP zugkräftige
Kasten-Kandidaten weg. Andererseits gibt er sich als fortschrittlicher
Führer, der die verkrustete Kongresspartei verjüngen und mehr
Graswurzel-Demokratie einführen will.
Rahul gibt den zornigen jungen Mann, der für den einfachen Mann kämpft,
teilt Becher und Teller mit Unberührbaren und marschiert an der Spitze
landloser Bauern - das trägt ihm Lob ein, aber auch Spott. Wofür Gandhi
steht, lässt sich nur schwer sagen. Er gilt als medienscheu, so gut wie
nie gibt er Interviews, und über das Privatleben des Unverheirateten ist
wenig bekannt.
Vorbereitung auf 2014
Seit seine Mutter, Parteichefin Sonia Gandhi, wegen einer schweren
Operation in den USA weilte, hat er schrittweise mehr Aufgaben
übernommen. Doch bis zu den Bundeswahlen 2014 bleibt noch viel zu tun,
denn in Umfragen wünschen sich 24 Prozent Narendra Modi als Premier. Das
ist jener BJP-Politiker, dem die Ausschreitungen gegen Muslime in
Gujarat 2002 angelastet werden. Rahul kam dagegen nur auf 17 Prozent.
Ein Trost bleibt ihm: Indiens Wähler haben Umfragen schon mehr als
einmal Lügen gestraft. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.2.2012)