Der zornige junge Mann probt für Indiens Bundeswahlen

8. Februar 2012, 18:38
13 Postings

Früher reichte schon der Name Gandhi, um Wahlen zu gewinnen - doch diese Zeiten sind wohl vorbei

Rahul Gandhi watet durch den Schlamm, ganz in Weiß gekleidet. "Ich werde bis zu meinem letzten Bluts- und Schweißtropfen für euch arbeiten!", verspricht er den armen Menschen im Dorf. Indiens "Kronprinz", wie ihn die Medien gern nennen, ist auf Wahlkampftour. Und das ist in dem Riesenland ein mühsames, bisweilen schmutziges Geschäft. Gleich in fünf Bundesstaaten wird in diesen Wochen gewählt, zwei weitere folgen später.

Und der Hoffnungsträger der Gandhi-Dynastie hetzt von Dorf zu Dorf, von Rede zu Rede. Früher reichte schon allein der Name Gandhi, um Wahlen zu gewinnen. Doch heute kämpft die Kongresspartei, die seit Jahrzehnten fest in der Hand der Nehru-Gandhi-Familie ist, gegen den Niedergang. Nun will Indira Gandhis Enkel den alten Glanz wiederbeleben.

Die Wahlen gelten als Nagelprobe für Rahul, der als "Regierungschef im Wartestand" und "Premierminister im Praktikum" gehandelt wird. Er zeichnet für die Wahlkampagne verantwortlich.

Wichtig wird vor allem Uttar Pradesh, der größte Bundesstaat mit 200 Millionen Einwohnern. Dort schlage die "Stunde der Wahrheit", meint das Magazin Tehelka. Dort regiert bisher eine Frau, die die Gandhi-Partei das Fürchten gelehrt hat: Sie ist klein, untersetzt und trägt das Haar fast so kurz wie ein Mann. Ihr Name ist Mayawati, aber ihre Anhänger nennen sie meist respektvoll "Behenji" (ehrwürdige Schwester). Mit ihrer Kastenpartei BSP hat sie 2007 in Uttar Pradesh die absolute Mehrheit erobert. Nun hofft Gandhi dort auf ein Comeback seiner Partei, das auch indienweit eine Trendwende einläuten soll.

Kontrahentin Mayawati

Über Jahrzehnte wurden die Gandhis wie Götter verehrt, besaßen beinahe ein Geburtsrecht auf die Macht. Doch das änderte sich ab den 1980er-Jahren mit der Hindu-Partei BJP und Regionalparteien in den Bundesstaaten.

Das war in Uttar Pradesh nicht anders. Doch inzwischen wächst wegen Stagnation und Korruption der Unmut über Mayawati. Sie, die vor allem bei den Dalits, den Unberührbaren, stark ist, zelebriert ihre Macht wie eine neuzeitliche Sonnenkönigin und soll unglaubliche Reichtümer angehäuft haben. Vertreter unterer Parteiränge müssen angeblich vor ihr niederknien.

Doch inzwischen scheint Mayawati um ihre Wiederwahl zu bangen: In letzter Minute versucht nun die 56-Jährige, sich als Sauberfrau zu präsentieren. Sie entließ die schlimmsten Finger aus ihrer Regierung, und ihr Markenzeichen - luxuriöse Handtaschen - lässt sie lieber daheim. Doch ob ihr die Wähler die späte Reue abkaufen, ist zweifelhaft.

Darauf setzt auch Gandhi, der kräftig Salz in die Wunden streut und die Korruption anprangert, obwohl auch die Kongresspartei ihre Hände keineswegs in Unschuld waschen kann. "Wir werden kein Bündnis mit Dieben und Gangstern eingehen", schmäht er die rivalisierenden Parteien.

Der Gandhi-Spross spielt einerseits auf der Klaviatur der traditionellen Kastenpolitik und schnappt der BSP und der SP zugkräftige Kasten-Kandidaten weg. Andererseits gibt er sich als fortschrittlicher Führer, der die verkrustete Kongresspartei verjüngen und mehr Graswurzel-Demokratie einführen will.

Rahul gibt den zornigen jungen Mann, der für den einfachen Mann kämpft, teilt Becher und Teller mit Unberührbaren und marschiert an der Spitze landloser Bauern - das trägt ihm Lob ein, aber auch Spott. Wofür Gandhi steht, lässt sich nur schwer sagen. Er gilt als medienscheu, so gut wie nie gibt er Interviews, und über das Privatleben des Unverheirateten ist wenig bekannt.

Vorbereitung auf 2014

Seit seine Mutter, Parteichefin Sonia Gandhi, wegen einer schweren Operation in den USA weilte, hat er schrittweise mehr Aufgaben übernommen. Doch bis zu den Bundeswahlen 2014 bleibt noch viel zu tun, denn in Umfragen wünschen sich 24 Prozent Narendra Modi als Premier. Das ist jener BJP-Politiker, dem die Ausschreitungen gegen Muslime in Gujarat 2002 angelastet werden. Rahul kam dagegen nur auf 17 Prozent. Ein Trost bleibt ihm: Indiens Wähler haben Umfragen schon mehr als einmal Lügen gestraft. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.2.2012)

  • Die Chefin der Kongresspartei, Sonia Gandhi (l.), hat ihrem Sohn Rahul im
 Laufe der Jahre immer mehr Aufgaben übertragen. Bei den Bundeswahlen 
2014 soll er dann in der ersten Reihe stehen.
    foto: epa

    Die Chefin der Kongresspartei, Sonia Gandhi (l.), hat ihrem Sohn Rahul im Laufe der Jahre immer mehr Aufgaben übertragen. Bei den Bundeswahlen 2014 soll er dann in der ersten Reihe stehen.

Share if you care.