Die Revolution von oben

Adelheid Wölfl , 8. Februar 2012, 18:46

Burma öffnet sich politisch und wirtschaftlich dem Westen - Doch das Schicksal des Landes hängt von der Befriedung im Inneren ab

Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi, die 16 Jahre lang unter Hausarrest stand, reist frei durch Burma und wirbt für die Nachwahlen am 1. April. Präsident Thein Shein schließt nicht aus, dass die ehemalige Staatsfeindin in die Regierung geholt wird. Am Dienstag lockerte die US-Regierung die Sanktionen gegen Burma. Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF) dürfen wieder Hilfe leisten. Washington entsendet erstmals seit 1988 einen Botschafter in die Hauptstadt Naypyidaw. Im Dezember kam bereits US-Außenministerin Hillary Clinton zu Besuch, ihr folgten ihr britischer und ihr französischer Kollege William Hague und Alain Juppé. Burma wird 2014 den Vorsitz in der Südostasiatischen Staatengemeinschaft (Asean) übernehmen. Ein noch vor einem Jahr völlig isoliertes Regime öffnet sich.

Zensur gelockert

In Burma kann man jetzt ausländische Webpages lesen, nicht alle Zeitungen müssen mehr den Zensoren vorgelegt werden, Gewerkschaften wurden zugelassen. Und auch die Investoren kommen. Japanische Unternehmen wie Hitachi und Thoshiba oder der indische Autobauer Tata Motors sondieren das Terrain. Analysten wie Bernt Berger vom schwedischen Friedensforschungsinstitut Sipri sind sich einig: Burma versucht seine Außenwirtschaft zu differenzieren und sich von der ökonomischen Abhängigkeit von China zu befreien. China dominierte in den letzten Jahren den Ausbau der Infrastruktur und die Ausbeutung der großen Gasvorräte. Allein seit 2010 investierte der große Nachbar 8,2 Mrd. Dollar in Burma. Der Westen hat das Militärregime seit 1988 mit harten Sanktionen belegt. "Diese haben Burma in die Arme von China getrieben", so Berger. Nun versuche das Regime wie bereits im Kalten Krieg, die Beziehungen zu China, den USA und Indien wieder auszubalancieren.

"Völlig überraschend"

Die Kehrtwende kam nicht nur für die China Power Investment Corporation "völlig überraschend", als sie vergangenen November erfuhr, dass Burma den Bau des Myitsone-Staudamms stoppte. Das gemeinsame Kraftwerk sollte Strom in das energiehungrige China liefern. Doch das hatte für Thein Shein keine Priorität mehr. Das ehemalige Mitglied der Junta, verordnete eine Revolution von oben. Als er im März 2011 nach undurchsichtigen Wahlen, seine Uniform ablegte, glaubten viele an einen PR-Gag. Als Thein Shein aber Kontakt zu Suu Kyi suchte, ihre Oppositionspartei NLD wieder zuließ und nun hunderte politische Gefangene entlassen wurden - darunter die Studentenführer, die 1988 eingesperrt wurden, die Offiziere, die 2004 hinter Gitter kamen und die Mönche, deren Aufstand 2007 niedergeschlagen wurde - erwog man in Washington und Brüssel, dass es mit den Reformen ernst sein könnte, zumal Suu Kyi Shein Thein Glaubwürdigkeit bescheinigt. Sie agierte pragmatisch, baute die Brücke zum Westen. "Nun könnte sie unter Umständen die Kraft haben, die Opposition zu einen", so Berger.

Elite finanziell abgesichert

Für den Asien-Experten kommt der Wandel nicht ganz von ungefähr. Bereits vor zwei, drei Jahren hätten liberale Kräfte versucht, sich durchzusetzen, meint er. Staatseigentum wurde privatisiert und an einflussreiche Familien verkauft, die Elite wurde vor dem Reformkurs finanziell abgesichert. Laut Berger waren auch die Sanktionen gegen diese Eliten (keine Visa, keine Auslandskonten, keine Spitalsaufenthalte im Ausland) hilfreich gewesen.

Ob die USA und die EU sie weiter lockern werden, hängt nun davon ab, ob die Regierung es schafft, die jahrzehntealten ethnischen Konflikte zu befrieden. Waffenstillstandsabkommen mit einigen Ethnien wurden zwar geschlossen, doch die Regierungstruppen gehen gleichzeitig seit Sommer mit voller Härte gegen die Rebellen der Kachin im Norden vor. Dörfer sollen niedergebrannt, Menschen gefoltert und vergewaltigt worden sein, Zehntausende sind auf der Flucht. "Die Einheit des Landes ist das größte Problem", sagt Berger. "Offen ist, wie sehr die Regierung auf die Autonomieförderungen eingehen kann". Der Konflikt ist uralt: Unter britischer Herrschaft waren die Minderheiten im System integriert, nach der Unabhängigkeit 1948 zerbrach die Demokratie an der fehlenden Repräsentanz.

Die Minderheiten machen ein Drittel der Bevölkerung aus, von Friedensabkommen ist man noch weit entfernt. Zudem leben viele Rebellen vom Schmuggel, Menschen-, Waffen- und Drogenhandel. Diese Strukturen aufzubrechen, ist schwer. Am Schicksal der Minderheiten hängt auch die Zukunft von Thein Shein und seiner Reformpolitik. Zur Zeit widersetzen sich die Militärs seiner Order, die Waffen ruhen zu lassen.

Berger betont, dass Burma erst am Beginn eines Prozesses stehe. Entscheidend sei der Aufbau der Wirtschaft, der Zivilgesellschaft und der Demokratie in den Parteien. Auch die Opposition, die eine Verfassungsänderung fordert, könnte den Prozess noch gefährden. "Wenn sie zu viele Forderungen stellt, dann wird das Militär eingreifen", sagt Berger. "Und das sehr schnell." (DER STANDARD Printausgabe, 9.2.2012)


Wissen

Sanktionen europäischer Staaten und der USA gegen Burma existieren seit der brutalen Niederschlagung von Aufständen 1988. Sie umfassen Handelsverbote (Waffen, Holz, Edelmetalle und -steine) sowie ein Verbot finanzieller Transaktionen und Investitionen. Burmesische Regierungsmitglieder dürfen nicht einreisen, ihr Vermögen wurde eingefroren. Alle Hilfsleistungen - mit Ausnahme humanitärer Maßnahmen - wurden eingestellt. Seit 2003 verbieten die USA zusätzlich jeglichen Handel mit regierungsnahen Unternehmen. Der US-amerikanische Ölkonzern Chevron ist davon jedoch ausgenommen. Anfang 2012 wurden die Sanktionen als Reaktion auf die demokratische Öffnung Burmas gelockert. Sanktionen auf Ebene der UN gab es nie, sie scheiterten stets am Widerstand Chinas im Sicherheitsrat. (bae/DER STANDARD Printausgabe, 9.2.2012)

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Posting 1 bis 25 von 30
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diamant
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Bemerkenswerte Entwicklung in der Tat!

Vorsicht ist geboten aber ich hoffe das die demokratischen Reformen weitergehen.

Peace 4 Libya
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http://en.wikipedia.org/wiki/File... _world.svg

Die Clinton ist im Land.
Die führende Schicht versorgt.

NONE
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Die EU wird solange nicht funktionieren solange sie fremde Truppen in der EU duldet.

Fritz Meyer
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Erst wenn dieses Land...

eine demokratisch-gewählte Regierung hat und die Verbrechen der Militärjunta allesamt aufgeklärt und bestraft werden, kann man von einer wirklichen "Revolution" reden.

Und bis dahin ist es noch ein SEHR langer Weg!

Peace 4 Libya
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http://www.youtube.com/watch?v=D... ture=share

Demnächst auch "Demokratie"import durch bewährte Freunde.

anders and
 
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um es einmal ganz dezent zu sagen:

damit wir degenerierten impotenten Säcke in Europa noch einen hochbekommen brauchen wir schon eine richtige Revolution, irgendwo ganz weit weg, mit ordentlichen Bestrafungen des alten Regimes.

Die politischen Umwälzungen in den letzten Jahrzehnten, in denen auf die Bestrafung der Verbrechen des alten Regimes verzichtet wurde, waren ja von geradezu peinigender Langeweile: Spanien, Chile, Argentinien, Südkoria, Südafrika, Polen, Ungarn, Sowjetunion: kein Kitzel, nur gähnende Langeweile!

Hier ist die Zeit und der Platz den Rumänen herzlichen Dank auszusprechen - dort gab es wenigstens Action, wenn auch nur die Bestrafung von zwei Schuldigen.

Wir wollen mehr sangre sehen, mehr revolución, adelante!

M. P.1
03

Schön, dass die Probleme in Birma/Burma/Myanmar endlich gelöst sind, und sich die Diskussionen im Standard-Forum nur mehr darum drehen, ob das Land Birma, Burma oder Myanmar heißt.

DeepThroat
 
21
ich finde myanmar korrekter als birma

um die diskussion weiter anzuheizen: ich persönlich finde myanmar korrekter als birma.

gründe:
1. birma ist der alte englische kolonialname
2. birma kommt vom volk der birmesen, myanmar ist aber ein multiethnischer staat.
3. birma ist die offizielle bezeichnung des landes.

bei punkt 3. werden natürlich die buhrufe kommen, aber denkt mal über 1. und 2. nach...

(das burma sowieso ganz falsch ist, habe ich schon in einem anderen kommentar ausgeführt ;-))

Fritz Meyer
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Es gibt allerdings ein wesentliches Gegenargument...

"Myanmar" ist der Name, den die kriminelle und menschenverachtende Militärjunta durchsetzen wollte.

Und, egal wie kolonial vorbelastet "Burma" auch sein mag, denen muss man so nicht auch noch ein Denkmal setzen.

DeepThroat
 
00
äh, 3.

sollte natürlich heißen:
"myanmar ist die offizielle bezeichnung des landes"

hekwaves
13
Es geht auch anders ...

Jedenfalls ist die Entwicklung in Burma eine sehr ermutigende Alternative zu den bekannten Entwicklungen im arabischen Raum. Kompliment und alles Gute an Aung San Suu Kyi und ihre besonnene und konstruktive Politik.

Fritz Meyer
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"Die bekannten Entwicklungen im arabischen Raum"

Dass dort die Bevölkerung in zahlreichen Ländern auf die Strasse gegangen ist und für mehr Demokratie protestiert hat?

Ja, das scheint wohl einigen hier sehr unbequem zu sein, dass sie nicht noch weiter jahrzehntelang brav auf die "Öffnung von oben" oder den "Wandel durch Handel" gewartet haben.

Allmächtiger Satan
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Umbrüche, von denen man in Ö nichtmal zu träumen wagt.

der gärtner
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o rly?

"Staatseigentum wurde privatisiert und an einflussreiche Familien verkauft, die Elite wurde vor dem Reformkurs finanziell abgesichert."

kommt mir persönlich sehr bekannt vor.

methinks there is much reason in his sayings
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george orwell, burmese days, deutsch, glaube ich, tage in burma (?); empfehlenswert.
wenn burmesische beamte wirklich so sind, wie sie in diesem roman beschrieben werden erklärt das einiges.

Doktor Leid
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Ich glaube, dass das Land auf deutsch Birma heißt und Burma englisch ist.

DeepThroat
 
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ja ja ja!

endlich jemand, der deutsch kann.

Geheimdienst
01
Das sollten wohl die Bewohner entscheiden ...

http://de.wikipedia.org/wiki/Myan... Landesname

Die offizielle Umbenennung des Landes in Pyidaunzu Thanmada Myama Nainngandaw („Union Myanmar“) durch das Militär war daher in erster Linie ein Vorhaben mit Außenwirkung. Das Land sollte sich als selbstbewusster Staat präsentieren, der die Kolonialzeit endgültig überwunden hat. Kritiker bemängeln, dass die Umbenennung durch die Willkür der Machthaber geschehen sei, ohne eine Volksabstimmung hierüber abhalten zu lassen.

DeepThroat
 
21
zuerst lesen, dann denken

im kommentar steht, dass das land "birma" und nicht "burma" heißt.

es steht nicht, dass das land "myanmar" und nicht "birma" heißt...

im übrigen ist birma auf deutsch jedenfalls mal korrekter als burma, außer man spricht burma englisch aus.

Das scheue Reh
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10.2.2012, 01:27

Wenn man den original Namen so eindeutschen wollte, dass er richtig klingt, dann wäre das "Mianma".
Das "B" wie in Bama klingt ja ganz anders.

Die Brille heißt aber auch Mianma und ich höre da keinen Unterschied.

der gärtner
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das ist wie bei moslem und muslime.

moslem entspricht eher der arabischen originalaussprache,
ist aber bei uns inzwischen nicht mehr politisch korrekt.

wurde ersetzt durch die falsche (deutsche) aussprache der englischen transkription "muslim".

Geheimdienst
01

Myanmar ist der eigentliche Name da aber von der mil. Diktatur durchgesetzt wird es von der Opposition abgelehnt (eine der Frauen im Bild gehört dazu).

Also soll die heutige Bevölkerung es entscheiden!

Erläutern Sie bitte Ihr Problem?

DeepThroat
 
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zuerst lesen, dann denken

ich kann mich nur wiederholen.

*dieser* ganze thread dreht sich nur darum, ob es birma oder burma heißt.

tan48
10
Ich würde sagen "Myanmar" oder "Burma"

Allein schon, weil es die einzigen Wörter sind, die mein Browser in diesem Artikel darstellen kann. :)
http://my.wikipedia.org/wiki/%E1%... A%E1%80%BA
Ganz amtlich könnte man natürlich auch "???????????? ????? ???????????????????" sagen, soweit würde ich aber dann doch nicht gehen.

Gary Grantscherbn
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sorry, in Österreich Burma oder Myanmar

es heißt in Piefkonien "Birma". Was noch lange nicht bedeutet, dass es auf deutsch Birma heißt. Dort gibt's ja ach "Schina" und "Ccccchhhhhhile". Und LissaBONNNNN" (dürfte wohl eine Filiale von Bonn sein). Oder müssen wir hierzulande jetzt auch noch Tanganijka sagen?

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