Burma öffnet sich politisch und wirtschaftlich dem Westen - Doch das Schicksal des Landes hängt von der Befriedung im Inneren ab
Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi, die 16 Jahre lang unter Hausarrest
stand, reist frei durch Burma und wirbt für die Nachwahlen am 1. April.
Präsident Thein Shein schließt nicht aus, dass die ehemalige
Staatsfeindin in die Regierung geholt wird. Am Dienstag lockerte die
US-Regierung die Sanktionen gegen Burma. Weltbank und Internationaler
Währungsfonds (IWF) dürfen wieder Hilfe leisten. Washington entsendet
erstmals seit 1988 einen Botschafter in die Hauptstadt Naypyidaw. Im
Dezember kam bereits US-Außenministerin Hillary Clinton zu Besuch, ihr
folgten ihr britischer und ihr französischer Kollege William Hague und
Alain Juppé. Burma wird 2014 den Vorsitz in der Südostasiatischen
Staatengemeinschaft (Asean) übernehmen. Ein noch vor einem Jahr völlig
isoliertes Regime öffnet sich.
Zensur gelockert
In Burma kann man jetzt ausländische Webpages lesen, nicht alle
Zeitungen müssen mehr den Zensoren vorgelegt werden, Gewerkschaften
wurden zugelassen. Und auch die Investoren kommen. Japanische
Unternehmen wie Hitachi und Thoshiba oder der indische Autobauer Tata
Motors sondieren das Terrain. Analysten wie Bernt Berger vom
schwedischen Friedensforschungsinstitut Sipri sind sich einig: Burma
versucht seine Außenwirtschaft zu differenzieren und sich von der
ökonomischen Abhängigkeit von China zu befreien. China dominierte in den
letzten Jahren den Ausbau der Infrastruktur und die Ausbeutung der
großen Gasvorräte. Allein seit 2010 investierte der große Nachbar 8,2
Mrd. Dollar in Burma. Der Westen hat das Militärregime seit 1988 mit
harten Sanktionen belegt. "Diese haben Burma in die Arme von China
getrieben", so Berger. Nun versuche das Regime wie bereits im Kalten
Krieg, die Beziehungen zu China, den USA und Indien wieder
auszubalancieren.
"Völlig überraschend"
Die Kehrtwende kam nicht nur für die China Power Investment Corporation
"völlig überraschend", als sie vergangenen November erfuhr, dass Burma
den Bau des Myitsone-Staudamms stoppte. Das gemeinsame Kraftwerk sollte
Strom in das energiehungrige China liefern. Doch das hatte für Thein
Shein keine Priorität mehr. Das ehemalige Mitglied der Junta, verordnete
eine Revolution von oben. Als er im März 2011 nach undurchsichtigen
Wahlen, seine Uniform ablegte, glaubten viele an einen PR-Gag. Als Thein
Shein aber Kontakt zu Suu Kyi suchte, ihre Oppositionspartei NLD wieder
zuließ und nun hunderte politische Gefangene entlassen wurden - darunter
die Studentenführer, die 1988 eingesperrt wurden, die Offiziere, die
2004 hinter Gitter kamen und die Mönche, deren Aufstand 2007
niedergeschlagen wurde - erwog man in Washington und Brüssel, dass es
mit den Reformen ernst sein könnte, zumal Suu Kyi Shein Thein
Glaubwürdigkeit bescheinigt. Sie agierte pragmatisch, baute die Brücke
zum Westen. "Nun könnte sie unter Umständen die Kraft haben, die
Opposition zu einen", so Berger.
Elite finanziell abgesichert
Für den Asien-Experten kommt der Wandel nicht ganz von ungefähr. Bereits
vor zwei, drei Jahren hätten liberale Kräfte versucht, sich
durchzusetzen, meint er. Staatseigentum wurde privatisiert und an
einflussreiche Familien verkauft, die Elite wurde vor dem Reformkurs
finanziell abgesichert. Laut Berger waren auch die Sanktionen gegen
diese Eliten (keine Visa, keine Auslandskonten, keine Spitalsaufenthalte
im Ausland) hilfreich gewesen.
Ob die USA und die EU sie weiter lockern werden, hängt nun davon ab, ob
die Regierung es schafft, die jahrzehntealten ethnischen Konflikte zu
befrieden. Waffenstillstandsabkommen mit einigen Ethnien wurden zwar
geschlossen, doch die Regierungstruppen gehen gleichzeitig seit Sommer
mit voller Härte gegen die Rebellen der Kachin im Norden vor. Dörfer
sollen niedergebrannt, Menschen gefoltert und vergewaltigt worden sein,
Zehntausende sind auf der Flucht. "Die Einheit des Landes ist das größte
Problem", sagt Berger. "Offen ist, wie sehr die Regierung auf die
Autonomieförderungen eingehen kann". Der Konflikt ist uralt: Unter
britischer Herrschaft waren die Minderheiten im System integriert, nach
der Unabhängigkeit 1948 zerbrach die Demokratie an der fehlenden
Repräsentanz.
Die Minderheiten machen ein Drittel der Bevölkerung aus, von
Friedensabkommen ist man noch weit entfernt. Zudem leben viele Rebellen
vom Schmuggel, Menschen-, Waffen- und Drogenhandel. Diese Strukturen
aufzubrechen, ist schwer. Am Schicksal der Minderheiten hängt auch die
Zukunft von Thein Shein und seiner Reformpolitik. Zur Zeit widersetzen
sich die Militärs seiner Order, die Waffen ruhen zu lassen.
Berger betont, dass Burma erst am Beginn eines Prozesses stehe.
Entscheidend sei der Aufbau der Wirtschaft, der Zivilgesellschaft und
der Demokratie in den Parteien. Auch die Opposition, die eine
Verfassungsänderung fordert, könnte den Prozess noch gefährden. "Wenn
sie zu viele Forderungen stellt, dann wird das Militär eingreifen", sagt
Berger. "Und das sehr schnell." (DER STANDARD Printausgabe, 9.2.2012)
Wissen
Sanktionen europäischer Staaten und der USA gegen Burma existieren seit der brutalen Niederschlagung von Aufständen 1988. Sie umfassen Handelsverbote (Waffen, Holz, Edelmetalle und -steine) sowie ein Verbot finanzieller Transaktionen und Investitionen. Burmesische Regierungsmitglieder dürfen nicht einreisen, ihr Vermögen wurde eingefroren. Alle Hilfsleistungen - mit Ausnahme humanitärer Maßnahmen - wurden eingestellt. Seit 2003 verbieten die USA zusätzlich jeglichen Handel mit regierungsnahen Unternehmen. Der US-amerikanische Ölkonzern Chevron ist davon jedoch ausgenommen. Anfang 2012 wurden die Sanktionen als Reaktion auf die demokratische Öffnung Burmas gelockert. Sanktionen auf Ebene der UN gab es nie, sie scheiterten stets am Widerstand Chinas im Sicherheitsrat. (bae/DER STANDARD Printausgabe, 9.2.2012)