Medikamententests an Heimkindern in Deutschland

8. Februar 2012, 18:46
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Als schwere Körperverletzung einzustufen

Wien/Berlin - In Deutschland lebten zwischen 1949 und 1975 rund 800.000 Kinder und Jugendliche in Heimen. Zur Aufarbeitung von Missbrauch und Gewalt an Heimkindern wurde 2009 der "Runde Tisch Heimerziehung" (RTH) vom Bundestag ins Leben gerufen.

Im Abschlussbericht von 2010 findet sich auch ein Kapitel über den Einsatz von Medikamenten und Medikamentenversuchen: Heimkinder seien teilweise zur Einnahme von Psychopharmaka gezwungen worden. Weil die Medikamente damals noch nicht ausreichend getestet waren, traten dabei "massive und zum Teil dramatische Nebenwirkungen" auf.

Für ein Heim konnte nachgewiesen werden, dass im Jahr 1966 "mehrwöchige Versuchsreihen mit sedierenden Medikamenten" (Truxal) durchgeführt wurden. Falls es im Rahmen der Heimerziehung zu Medikamententests gekommen sei, heißt es weiter im Bericht, sei dies gegebenenfalls als schwere Körperverletzung zu beurteilen - selbst nach damaligen Maßstäben. Die vorgeschlagenen Entschädigungszahlungen wurden von Heimkinder-Vereinen als unzureichend abgelehnt.

Chemie für britische Kinder

2009 berichtet die BBC von mindestens zehn Frauen, die in britischen Kinderheimen mit Psychopharmaka behandelt wurden und später Kinder mit schweren Missbildungen zur Welt gebracht haben. "Wir mussten morgens in einer Reihe stehen und unsere Medikamente nehmen", erinnerte sich eine der Frauen. Experten vermuten, dass der Einsatz von Chemiekeulen in Kinderheimen bis weit in die frühen 1980er-Jahre verbreitet war. Das kirchliche Heim Kendall House wurde 1986 geschlossen, die Behörden haben keine Untersuchung eingeleitet. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, Printausgabe, 9.2.2012)

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