Derivate

EU vor Einigung über strikte Regulierung der Finanzmärkte

András Szigetvari , 8. Februar 2012, 18:12

Geschäfte mit Finanzderivaten sollen künftig über Clearingstellen laufen und besichert werden

Drei Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise knöpft sich die EU die Finanzmärkte vor. Mit einer neuen Verordnung soll der weltweit 700-Billionen-Dollar (ca. 530 BillionenEuro) schwere Derivatemarkt sicherer und transparenter werden.

Konkret ist geplant, Derivategeschäfte in Europa über zentrale Clearingstellen laufen zu lassen. Betroffen wären Terminkontrakte mit Währungen oder Zinswetten (Swaps). Die Clearingstellen werden einspringen und das Risiko übernehmen, sollte einer der Derivatehändler insolvent werden. Finanziert werden sie durch Beiträge und Risikoaufschläge der Marktteilnehmer. Damit sollen Mega-Insolvenzen wie jene des US-Versicherungskonzerns AIG verhindert werden, der sich mit Derivaten verspekuliert hatte.

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Wien/Brüssel - Es ist ein gigantischer, weitgehend unregulierter Markt: Auf 700 Billionen Dollar (530 Billionen Euro) wird der Wert der weltweiten Derivategeschäfte derzeit geschätzt. Über 80 Prozent des Deals werden zwischen zwei Investoren ohne Zwischenschaltung von Börsen oder anderen Parteien abgeschlossen. Nach den Plänen der EU wird sich das ändern: Banken, Fonds und andere Finanzdienstleister sollen dazu verpflichten werden, die Geschäfte zu besichern.

Derivate sind Finanzinstrumente, deren Preis von anderen Finanzprodukten abhängt. Zum Beispiel ist die Vereinbarung, künftig Erdöl oder eine Währung zu einem bestimmten Preis zu kaufen, ein Derivatekontrakt. Auch die umstrittenen Credit Default Swaps (CDS), mit denen sich Unternehmer gegen Staatspleiten versichern oder auf diese Wetten, sind Derivate.

EU-Kommission, Parlament und Rat wollen, dass die Deals künftig über zentrale Clearingstelle laufen. Diese Clearingstellen besichern Käufer und Verkäufer von Derivaten und treten in das Geschäft ein, sollte einer der Handelspartner insolvent werden. Dadurch sollen spektakuläre Pleiten wie jene des US-Konzerns AIG verhindert werden. AIG musste 2008 von der US-Regierung um 150 Milliarden Dollar gerettet werden. AIG hatte sich mit CDS auf Hypothekenpapiere verspekuliert. Weil die Deals weltweit verflochten waren, hätte eine AIG-Pleite die Finanzmärkte in den Abgrund reißen können. Wenn künftig eine Clearingstelle bereitsteht, um die Verpflichtungen eines insolventen Investors zu übernehmen, wäre die Gefahr geringer.

Um ihre Aufgabe zu erfüllen, erhalten die Clearingstellen Sicherheiten von den Derivatehändlern. Zudem müssen die Investoren in einen Versicherungsfonds einzahlen. Kommission, Parlament und Rat sind sich über das Modell grundsätzlich einig. Strittig ist noch die Zuständigkeit der Aufseher. Die Clearingstellen werden künftig national zugelassen (in Österreich von der Finanzmarktaufsicht FMA). Das EU-Parlament drängt aber auf eine größere Rolle der Europäischen Wertpapieraufsicht ESMA. Diese soll etwa von Staaten angerufen werden können, wenn ein Land besonders laxe Regelungen für die Clearingstellen erlässt. Der Rat legte sich bisher quer und pochte auf Einstimmigkeit bei Beschwerden. Heute, Donnerstag, ist eine Verhandlungsrunde angesetzt.

In Kreisen des EU-Parlaments ist davon die Rede, dass 70 bis 80 Prozent der Derivatetransaktionen fix erfasst sein sollen. Ausgenommen von der Clearingpflicht sollen Nicht-Finanzunternehmen sein, die sich mit den Geschäften gegen Preisschwankungen absichern, wie etwa Energieversorger und Fluggesellschaften. Welche Derivate unter die Clearingpflicht fallen, wird die ESMA festlegen.

Allerdings gibt es auch Kritik an der Verordnung die 2013 in Kraft treten soll: So warnen Experten, dass mit den Clearingstellen neue "Finanz-Zombies" geschaffen werden, die selbst kollabieren könnten. "Das eine Clearingstelle insolvent wird, kann niemand ausschließen", gibt auch die FMA zu bedenken. Allerdings wäre die neu geschaffene Sicherheit ein Fortschritt gegenüber dem Status quo. Andere Experten sagen, die Verordnung ginge nicht weit genug, weil besonders riskante Geschäfte weiterhin erlaubt bleiben. (András Szigetvari, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.2.2012)

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Da Gschupfte
00
Es gilt auch hier: Die Dosis macht das Gift

Inhaltsstoffe, die in der richtigen Dosierung den Menschen helfen, können bei falscher Dosierung tödlich wirken.

Das gleiche gilt für Derivate. Derivate dienen ursprünglich dem Ausgleich von Risiken zwischen Marktteilnehmern, die gegenläufige Interessen am Risiko haben.

Leider haben viele Marktteilnehmer die in der finanzwirtschaftlichen Fauna und Flora entwickelten Arten und Gattungen von Derivaten auf ihre giftige Wirkung nicht sauber untersucht und jetzt stehen sie da, und rufen nach dem großen Helfer (ähnlich wie Drogenkranke).

Problem: die Helfer (Aufsichtsbehörden) haben halt auch oft "keineAhnung" aber von der eine ganze Menge (*ironie erfaßt?*).

system1
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anstatt diesen schwachsinn komplett zu verbieten

wird das ganze jetzt abgesichert. damit dann überhaupt kein risiko mehr besteht und diese leistungslosen schmarotzer weiterwurschteln können wie sie wollen. wenn von diesem markt wegen dieser gigantischen summen eine solche bedrohung ausgeht, gehört dieser unsinn schlichtweg verboten. was soll dieser unsinn überhaupt? "verpflichtung, zu einem späteren kurs zu dem und dem preis zu kaufen".... so ein unsinn. kaufen hier und jetzt oder bleiben lassen. mehr gibts nicht. es ist erschreckend, mit welchem unsinn die leute ihr geld verdienen.

eltor09
12
Sie verstehen´s nicht

Die Politiker stehen machtlos, und was das Allerschlimmste ist, voller Unverständnis den Auswüchsen der Finanzwirtschaft gegenüber und dementsprechend fallen ihnen keine Lösungen zu den Problemen ein.

Man muss es sich einmal vorstellen: Die Volumen aller Derivategeschäfte z.B. für Mais (das ist sozusagen das Grundgeschäft) betragen das 10-fache der gesamten Weltproduktion. Dieses Volumen soll nun ein weiterer Player mit noch mehr Kapital versichern und dafür Prämien bekommen. Die Realität ist, die Finanzwirtschaft ist ein Schaum-Monster an dem die Realwirtschaft zu ersticken droht. Was macht die Politik? Sie sucht einen neuen Mitspieler, der für diese Spielchen gerade steht. In letzter Konsequenz wird´s wieder der Bürger zahlen.

manto bamminger
00
also für was wähl ich dann

wenn die dann nur machtlos herumstehen????

in einer demokratie sollte ein politiker für die zeit die er gewählt ist alle macht haben die ihm zusteht.

aber irgendwie sind die alle berufspolitiker (was schon mal verboten gehört)
und ausserdem nicht dem wähler sondern dem sponsor verpflichtet.
wenn das demokratie sein soll, bin ich für monarchie

Tintifax der ... Druide!
00

Haben Sie eine Quelle für "Derivategeschäfte z.B. für Mais (das ist sozusagen das Grundgeschäft) betragen das 10-fache der gesamten Weltproduktion"?

Elron Abarth
01

zur Aussage von eltor09 habe ich keine Zahlen, aber der Gesamtmarkt der Derivate von 700 Bio ist ca. das 10fache des Welt-BIP, was m.M.n. zeigt, dass er zu groß ist.

Tintifax der ... Druide!
10

Haben Sie dazu eine Quelle?

Ich zweifle ja gar nicht an, dass es stimmt, aber die Frage ist halt immer, was man mit reinrechnet. Wenn ich alle Haushaltsversicherungen mit deren potentieller Schadenssumme reinrechne komme ich halt auf dermaßen hohe Beträge. Und ich nehme an beim Beispiel oben (Mais) sind alle Hagelversicherungen und sonstiges inklusive Rückversicherern eingerechnet. Das ist einfach keine seriöse Betrachtungsweise.

4311503
00

Interessant wäre auch ob doppelt oder einfach gezählt wurde.

Also ob ein Vertrag beim Käufer und beim Verkäufer gezählt wird (Doppelzählung) oder nur der Vertrag an sich (Einzelzählung).

Contra
00
12.2.2012, 00:47
ggf. steht da was interessantes drinnen.

für studienliebhaber:
http://www.welthungerhilfe.de/fileadmin... -04-08.pdf

eltor09
00

Die Antwort der Politik müsste lauten: Wie schützen wir die Realwirtschaft vor diesen Monstern? In dem systemrelevante Banken die Teilnahme an solchen Geschäfte verboten wird. Sollen sich doch die Zocker gegenseitig betrügen, aber die Realwirtschaft aussen vor lassen. Und das Wichtigste: Keinen Cent Haftung durch den Bürger.

4311503
03

Bitte schauen sie sich an was eine Clearingstelle genau macht und kommen sie drauf, dass da nicht nur ein Dritter das "versichert".

Da gehts um eine gewisse Standardisierung, um mehr Kontrolle des OTC-Geschäfts, um Hinterlegungspflichten von Sicherheiten für jeden Vertrag (damit weniger Hebel, damit weniger gefährlich) und zuguter letzt um mehr Sicherheit für die Teilnehmer.

http://en.wikipedia.org/wiki/Clea... _(finance)

BenutzerMich
10

ein pakt zu noch mehr risiko für die akteure?

Miklaus Röchlinger
00

Das PRoblem daran ist, dass man das System durch die Konzentration auf Clearingstellen noch labiler macht. Geht erst mal eine Clearingstelle pleite (was vielleicht unwahrscheinlicher ist, aber keineswegs ausgeschlossen), ist der Finanzhebel um ein vielfaches größer, was dann zu einer nicht mehr haltbaren Katastrophe führen kann.

Jake Gittes
01

Schwach und feig. Mehr fällt mir dazu nicht ein.

Carnifex
13
Was soll das?

So wie sich das liest, werden nun die Devisenspekulationen billionenschwerer "Finanzterroristen" von der EU versichert.
Und wer versichert die Staaten und deren Bevölkerung gegen spekulative Währungsattacken dieser Finanzclowns und das Wachkoma der politischen Elite?

site:°~+*-||!#.\>
06
Die EMIR-VO wird der übliche EU-Quatsch - kein Wunder, werden doch solche Verordnungs-Texte meist 1:1 von der Bankenlobby übernommen.

Wer soll denn in AT als Clearing-Haus/Häuser, also als Zentrale Gegenparteien (Central Counterparties, CCPs), die das gesamte Risiko übernehmen, fungieren?

Da in der VO von CCPs Zugang zu Zentralbankgeld oder Liquidität von Banken gefordert wird:

- Die Wiener Börse, CCP Austria, die OeKB - die alle größtenteils den Banken gehören und miteinander verbandelt sind?

- Neue von den Banken gegründete CCPs - die Banken haften also für sich selber?

Von strikter Regulierung keine Spur. Das Finanzkasino bleibt systemrelevant und der Steuerzahler haftet dafür.

European Market Infrastructure Regulation (EMIR):

http://eur-lex.europa.eu/LexUriSer... FIN:DE:PDF

tho_mi
20

Nur so als kleine Anmerkung am Rande, etwas passt bei der Umrechnung von Dollar in Euro nicht, billion != Billion...

site:°~+*-||!#.\>
00

Das stimmt schon.

Die unfassbaren Summen im Finanzkasino :

1 Billion = 1000 Milliarden (in Europa).

700 Billionen = 700.000 Milliarden US $.

Dazu im Vergleich:

BIP USA: geschönte, knapp 14.600 Milliarden US $.

http://www.querschuesse.de/otc-deriv... n-volumen/

Carlos Alberto Valderrama Palacio
00
unfassbar ist vieles, aber wen interessieren

bitte nominalbetraege bei swaps oder forwards?

Gegrillte Tomate
 
20

Jo 700 Billionen Dollar kommt mir auch ein wenig viel vor.

Gedankenmulde
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jaja, angesichts der Fantastillionen...

...die im Finanzsektor minütlich hin und her geschoben werden, kommt man sich, an Real- der volkswirtschaftlichen Massstäben orientiert, ganz klein vor.
Nur nicht vergessen, für die staatliche Misswirtschaft und für die Griechen müssen wir Abstriche machen....!

tho_mi
03

Nene, der Wert sollte schon passen. Ende 2009 betrug das Volumen der gehandelten Derivate aller US-Geschäftsbanken 212 Billionen Dollar, womit weltweit 700 durchaus hinkommen müssten.

Schwalbe
01

Die österreichische Finanzmarktaufsicht war nicht sehr hilfreich bei den Delikten um BAWAG oder Hypo Alpe Adria. Warum also sollte sie effektiv die "Finanzmärkte" kontrollieren könnnen/wollen?

Gegrillte Tomate
 
04

Und was wär wenn ma Derivate überhaupt verbieten würde? Entweder kaufst was oder nicht.

4311503
11

Dann wäre ihre Haushaltsversicherung aber auch verboten. Der Wert des Zettels hängt umgekehrt proportional vom Wert der versicherten Gegenstände ab und ist damit ein Derivat.

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