Orbán und die süße Droge des Populismus

Analyse | Gregor Mayer aus Budapest, 8. Februar 2012, 18:14
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    foto: dapd/kovacs

    "Europa ist wie Alkohol!" Mit solch provokanten Äußerungen weiß Viktor Orbán seine Anhänger zu begeistern - international droht ihm allerdings der Verlust der Glaubwürdigkeit.

Selten lässt Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán eine Gelegenheit aus, gegen die EU und alles, was nicht ungarisch ist, zu wettern

Auch in seiner 14. "Rede zur Lage der Nation" hat der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán keinen Kurswechsel angekündigt. Im Budapester Millennium-Zentrum pinselte er am Dienstag vor einem handverlesenen Publikum weiter an seinem Parallel-Universum. In diesem behauptet sich die wackere Nation der Ungarn in einem tosenden Kampf gegen die Unbilden der modernen Welt - wie etwa üble Geschäftemacher, die ihre Profite aus Ungarn abziehen.

Es ist ein Kampf, der sich lohnt. Nach 20 Monaten seiner Herrschaft stehe Ungarn "auf neuen Fundamenten", tönte der Regierungschef. Die wenigen versöhnlichen Töne blieben im Gesamteindruck leise: "Wir sind bereit, zu kämpfen, wenn es sein muss, doch wir sind auch bereit, Übereinkünfte zu erzielen, wenn es im Interesse des Landes ist."

Tatsächlich hat sich Orbán in eine Lage manövriert, in der sein Spielraum nach außen hin sehr eingeschränkt ist. Ungarn steht vor dem Bankrott. Es benötigt dringend einen Notkredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der EU-Kommission. Brüssel hat wegen demokratiepolitischer Einwände drei Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Die Änderung der beanstandeten Gesetze gilt als Vorbedingung für den Beginn der Kreditgespräche.

In Budapest geht man davon aus, dass Orbáns Regierungspartei Fidesz mit ihrer Zweidrittelmehrheit die betreffenden Gesetze ändern wird. Doch während der Verhandlungen werden erst die eigentlichen wirtschaftspolitischen Bedingungen auf den Tisch kommen. Vor seinen Anhängern ging Orbán darauf aber nicht ein.

Dabei steigt der Handlungszwang von Tag zu Tag. Am vergangenen Freitag blieb die nationale Fluggesellschaft Malév für immer am Boden: Für die Abwendung der seit vielen Jahren drohenden Pleite hatte Ungarn keine Reserven mehr. Am Mittwoch kündigte der Mobiltelefon-Hersteller Nokia die Entlassung von 2300 Mitarbeitern in seinem Werk in Komárom an. In Orbáns Parallel-Universum war der finnische Konzern wenige Stunden zuvor noch ein Positiv-Beispiel, und er nannte ihn zusammen mit den Auto-Bauern Mercedes und Audi. Die würden nämlich Arbeitsplätze und "ehrlichen Nutzen" schaffen. Er stellte sie den "Spekulanten" gegenüber, die ihre Gewinne nur aus dem Land tragen würden.

Die Unterscheidung ist freilich ebenso krude, wie sie ihren Autor in die Nähe nationalsozialistischer Wirtschaftstheorien rückt. Zur Dichotomie "schaffendes versus raffendes Kapital" ist es da nicht mehr weit.

In einem solchen Universum ist auch das moderne Europa keine Stütze, sondern ein selbst vom Untergang bedrohtes Konglomerat. "Europa ist wie Alkohol", war aus Orbáns Munde zu hören. "Es inspiriert uns zu großen Zielen, doch zugleich hindert es uns an ihrem Erreichen."

Glaubwürdigkeitsverlust

Die schrägen Bilder sind allerdings Ausfluss einer anderen Abhängigkeit, nämlich der von der süßen Droge Populismus, der Orbán offenbar verfallen ist. Der Widerspruch zwischen der auf das eigene Publikum gemünzten Rhetorik und dem eingeengten Handlungsspielraum wird immer größer.

Noch lässt sich nicht abschätzen, wie ihn Orbán durchstehen wird - unter zunehmendem Glaubwürdigkeitsverlust im eigenen Land oder mit einem neuen "Unabhängigkeitskrieg" gegen die äußeren Mächte des Bösen.(DER STANDARD Printausgabe, 9.2.2012)

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Posting 1 bis 25 von 148
1 2 3 4
hazafi
00
13.2.2012, 18:40

http://www.youtube.com/watch?v=6mXQzr9VyMw
Interessante weise die sehrdemokraten haben nirgends Probleme mit dem Inhalt dieses Films.
Orban ist der Teufel, weil die Wucher jetzt ein bißhein weniger stehlen können.

Ibsen
22
10.2.2012, 14:24
Orbáns entkam nach eigenen Angaben und umfangreichen Ausführungen nur knapp einem "Putsch" von CNN (u.a.)...

Orbán seien entsprechende Pläne bekannt geworden und er benannte auch 3 Gruppen, die an der Verschwörung gegen ihn beteiligt gewesen sein sollen:

1. "Angehörige des nationalen Sicherheitsapparates", 2. "von CNN geführte internationale Medienkampagne" und
3. "ungarische und ausländische Diplomaten", vor allem ehemalige.

Erleichterung in der Fraktion als Orbán gleichzeitig verkündete , dass "man den Putsch niederschlagen konnte."
:-))

Er ist ständig auf der Suche nach neuen Feinden...aber wirklich... Verfolgungswahn?

Das ist ähnlich wie damals bei "Megfigyelési ügy": Man erfuhr den Namen von Thomas Deutschs Mutter...

hazafi
00
13.2.2012, 18:56

In Demokratie ist es üblich, daß der Ministerpresident eine Volksabstimmung vorschlägt, und in 2 Tagen danach abdankt. Berlusconi ist auch ohne Druck gegangen.
Die internationale Wuchermaffia hat starke Karten. Aber über Putsch zu sprechen, daß ist Verschwörungstheorie. Zu so etwas sind bekanntlich zu blöd.

marcopolo1971
 
13
10.2.2012, 10:27

Die letzte Frage des Autors lässt sich ganz gut beantworten durch diesen aktuellen Bericht. Orbán sieht sich von Feinden umzingelt und sprach von einem "Putsch" gegen ihn pserönlich:
http://www.pesterlloyd.net/2012_06/0... utsch.html

Bagolyvár
30
10.2.2012, 15:59
Wer ist Robert Schuhmann?

Paul Marchl
00
10.2.2012, 09:30
sölepinca

Ich hätte nur die Frage von wo hat Orban seinen Reichtum ,hat er spekuliert oder im Allgemeinen Rausverkauf gut mitgeschnitten ?

hotzenplotz1001
00
10.2.2012, 10:45
Die Familie Orbán besitzt das bedeutendste Baustoffunternehmen des Landes und Steinbrüche.

Sandor Kocsis
00
10.2.2012, 14:01

ich dachte Weinkeller? Was nun?

Ibsen
21
10.2.2012, 14:11
Sowohl als auch!

Interessantere Frage aber:

Wann hat seine Familie das alles (Steinbrüche, Tokaj)kaufen können, bevor er in die Politik ging oder erst danach... (Rhetorische Frage natürlich!)

(Und ich wette, jetzt kommst Du mit Gyurcsány! :-))

Sandor Kocsis
21
10.2.2012, 21:25

ich habe nie mit den Fehlern anderer gekontert - Gy ist das, was man in Russland einen Oligarchen nennt, während der Wende hat er sich seine Pfründe gesichert. Wozu er sich den MP angetan hat, weiß ich nicht. Besonders vom Glück verfolgt war er nicht, und dem Land hat er auch keines gebracht.

Mir fehlen noch immer die verlässlichen Quellen, und granadinho ist auch nicht wirklich eine

Ibsen
00
11.2.2012, 10:29
Fragst Du auch...

...im Zusammenhang mit Gyurcsány immer nach verlässlichen Quellen oder nennst Du ihn ganz einfach einen Oligarchen?

omar chamra
02
10.2.2012, 16:19
Die sind durch Machenschaften reich geworden, die man

in Westeuropa vom Staatsanwalt verfolgen läßt

http://granadinho1.nolblog.hu/archives/... _viszonya/

Bagolyvár
00
12.2.2012, 05:00
Tja, es wird schon was daran sein,

was strafbares: in vier Jahren hat die Familie das Grundbesitz verzehnfacht!
Ausgangspunkt: 5,5 ha = 550 x 100 m.
Ansonsten: rassistisch, antisemitisch, populistisch und was sonst auch immer gut klingt.

Ibsen
02
10.2.2012, 18:09
Und was sagst Du dazu: Der ungarische Botschafter in Wien scheint ein Standard-Fan zu sein...

http://magyarnarancs.hu/belpol/du... ovet-78705

Flex Wex
05
10.2.2012, 02:22

"Die Unterscheidung ist freilich ebenso krude, wie sie ihren Autor in die Nähe nationalsozialistischer Wirtschaftstheorien rückt. Zur Dichotomie "schaffendes versus raffendes Kapital" ist es da nicht mehr weit."

Sie finden auch in allem was Orban sagt etwas Nationalsozialistisches... Unglaublich, eigentlich primitiv. Demnach ist heute ein Nazi, wer die Finanzbranche verteufelt... Es ist nun einmal so, dass die Banken, Hedge Funds etc. Raubbau betreiben (weiterhin), Kritik an den Profiteuren hat mit nationalsozialistischer Kapitalismuskritik rein gar nichts zu tun.

hotzenplotz1001
00
10.2.2012, 09:08
Nein, so ist es nicht. Sondern der Autor weist auf die gerne bei den klassischen Nationalsozialisten verwendete Unterscheidung von gutem („uns“ nahestehenden) und schlechtem (anderem) Kapitslismus hin.

Selbstverständlich ist Kapitalismuskritik an sich nicht nazistisch.

Bagolyvár
10
12.2.2012, 05:05
Die Unterscheidung

zwischen "gutem" und "schlechtem" "turbo" Kapitalismus ist genau so nicht nazistisch.

hotzenplotz1001
01
10.2.2012, 10:55
Ein Wirtschaftswissenschafter hat das Phänomen ohne Naivität beschrieben:

Kapitalismus basiert auf der seltsamen Annahme, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das Gemeinwohl sorgen werden.

John Maynard Keynes

Raptor Jesus
20
Sooo viele Flaggen

Ich frag mich um welches Land es sich da handelt.

Chris Mit
 
00
Europa ist wie Alkohol?

Was für ein Kompliment. Denn Alkohol ist ja gut.
In diesem Sinne:

Prost! (hicks)

knick
13
wow

So viele schöne Fahnen!

Adam Markus
12

Und es werden immer mehr!

Franz Weinpolter aka Franz Ehm
22
was unterscheidet orban...

...von lukaschenko?

wahrscheinlich nur die russlandtreue.

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