Objektiv im Jammertal

8. Februar 2012, 18:00
164 Postings

Anstatt Licht in die Sache zu bringen, drückte Grasser auf die Gefühlstube

Er wirkte abgekämpft. Die Stimme brüchig, die Lippen schmal, das Lächeln verflogen. Selbst die Frisur sah aus, als sei nach dem Waschen und Legen glatt aufs Föhnen vergessen worden. So stand Karl-Heinz Grasser alias KHG alias Die Unschuldsvermutung vom Land am Dienstag im Report-Studio und beklagte sich bitterlich.

Anstatt mit den 9,3 Millionen Euro zu spielen, die er in knapp zwei Jahren beinharter Arbeit bei Meinl International Power verdient hat, muss er sich mit von den Medien bösartig interpretierten Aussagen seiner Schwiegermutter rumschlagen. Dazu mit dem "Verfolgungswahn" der Justiz und dem ORF, dem es seiner Einschätzung nach an Objektivität mangelt. Dass er, um ebendiese zu wahren, eingeladen worden war, dämmerte ihm erst, als ihn Gastgeberin Gabi Waldner darauf hinwies.

Einem achtminütigen Bericht über Grasser und jene 500.000 Euro, die er für seine Schwiegermutter veranlagt haben soll, standen also zwölf Minuten Grasser live gegenüber. Doch anstatt Licht in die Sache zu bringen, drückte Grasser auf die Gefühlstube, sprach von sich selbst royal in der dritten Person und gab sich von dem Staat, auf den er einst als Finanzminister vereidigt wurde, menschlich enttäuscht. Von dessen Justiz sowieso.

Über Hausdurchsuchungen und fehlende Beweise klagte er wieder und wieder. Und wieder. Eine Ich-AG in voller Fahrt durchs Jammertal, da drang nichts durch. Auch als Waldner die einfache Frage stellte: "Warum geht Ihre Schwiegermutter nicht einfach her und sagt, das war so?", kam statt Klartext nur noch mehr egozentrisches Lamento. Aber wie heißt es so schön? Keine Antwort ist auch eine. (Karl Fluch, DER STANDARD; Printausgabe, 9.2.2012)

  • Grasser zu Gast im ORF-"Report", nachzusehen hier auf tvthek.orf.at
    foto: screenshot, tvthek.orf.at

    Grasser zu Gast im ORF-"Report", nachzusehen hier auf tvthek.orf.at

Share if you care.