Ronald Leitgeb, künftiger Präsident des österreichischen Tennisverbandes, über Melzer und den Daviscup
Wiener Neustadt - Es klingt beunruhigend, wenn Ronald Leitgeb sagt:
"Jürgen Melzer ist kein Freitag-Spieler." Trotzdem beginnt jeder
Daviscup an einem Freitag, also auch jener am nahenden zwischen
Österreich und Russland in der Wiener Neustädter Arena Nova. Leitgeb
ist Melzers Manager, beim nächsten Länderstreit wird er zudem Präsident
des österreichischen Tennisverbandes sein. Die Wahl erfolgt Ende März.
Sie ist Formsache, Ernst Wolner ist des Amtes müde, Gegenkandidaten gibt
es keinen. Leitgeb sieht keinen Interessenkonflikt. "Die Schnittstelle
ist klein, die Verträge werden offengelegt."
Vorerst sorgt er sich um Melzer. "Er weiß, dass es auf ihn ankommt. Bei
allem Respekt vor Andreas Haider-Maurer. Das kann hemmend wirken." Es
sei andererseits nicht auszuschließen, "dass Jürgen beide Einzel
gewinnt." Am Freitag gegen Alex Bogomolow jr., am Sonntag gegen Michail
Juschnij. Leitgeb ist übrigens auch Manager von Nikolaj Dawidenko, der
im russischen Aufgebot steht, allerdings nur zweite Wahl sein dürfte.
Und dann kümmert sich der Präsident in spe um Tamira Paszek, die ist
aber Frau und somit keine Alternative im Daviscup. Im Fedcup hat Paszek
dreimal verloren. Leitgeb: "Ich habe drei Baustellen, aber die sind
total unterschiedlich. Da reicht nicht ein Vortrag, und alles wird gut."
Bei Melzer liege es nicht am Tennis. Das relative Tief habe die Ursache
im absoluten Hoch. Im Jahr 2010 schaffte er es bis auf Platz acht in der
Weltrangliste. Leitgeb: "Das war mit enormem Aufwand verbunden. Vor
allem, weil er fast schon 29 Jahre alt war. Normalerweise kommen Leute
jung an die Spitze, erleiden einen Einbruch, um sich danach zu
etablieren." Leitgeb führt den Tschechen Tomas Berdych als Beispiel an.
Bei Melzer folgten Wehwehchen, eine hartnäckige Rückenverletzung. "Da
bekommt man Existenzangst. Keine finanzielle, er hat genug verdient.
Aber es kommen Gedanken auf. Wie lange geht das noch? Man verliert das
Vertrauen in sich." Vergangene Woche hat Melzer in Zagreb sogar die
Qualifikation bestritten, im Viertelfinale unterlag er Michael Berrer.
"Natürlich klingt das nicht gut. Aber er hat in fünf Tagen fünf Matches
gewonnen und somit sich selbst bewiesen, dass er widerstandsfähig ist.
Ich denke, der Daviscup fällt für ihn günstig."
Leitgeb hält diesen Bewerb generell "für genial". In Österreich sei er
fast zu dominant. "Gewinnen wir, ist Tennis super, verlieren wir, ist
Tennis kaputt. Diese Reduktion ist nicht zulässig." Man dürfe allerdings
Folgendes nie vergessen: "In kaum einem Mannschaftbewerb sind wir so
erfolgreich. Wir gehören zu den besten 16 Nationen. Das ist so, als
würden sich die Fußballer für jede WM qualifizieren. Davon kann man
nicht einmal träumen."
Leitgeb möchte als Präsident strukturelle Veränderungen vornehmen,
Details gibt er nach der Inthronisierung bekannt. "Nur so viel. Der
Verband soll Talente auf das Profi-Leben vorbereiten, ihnen eine Basis
legen."
Peter Schröcksnadel, der mächtige Skipräsident, sei durchaus ein
Vorbild. "Ich will nicht lesen, dass ich der Schröcksnadel des Tennis
werden will. Aber er ist konsequent, nützt Kontakte, kann Dinge aufbauen
und bewegen. Er gibt den Leuten das Gefühl, dass es das Größte auf der
Welt ist, durch Slalomstangen zu fahren und von Schanzen zu springen."
Möglicherweise habe Tennis hierzulande ein leicht verstaubtes Image.
Dass der 33-jährige Clemens Trimmel Sportdirektor und Daviscupcaptain
geworden ist, sei, so Leitgeb, auch ein Zeichen nach außen. "Er ist
jung, dynamisch, motiviert, hatte eine Zeitlang Abstand vom Tennis. Und
er hat einen guten Draht zu Melzer. Hoffentlich auch am Freitag." (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe 09.02.2012)