Griechen warten auf den "Grexit"

8. Februar 2012, 17:14
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Vorkehrungen für eine Zeit ohne Euro - Parteichefs beraten über neues Sparpaket

Alexandropolis - Sie hat das Römische Reich und deren Herrscher überlebt, warum also nicht auch die Europäische Union: Die Drachme könnte aus den Ruinen der griechischen Staats- und Finanzkrise steigen. "Ich fühle es kommen. Im März ist es so weit", sagt Lia, eine Geschäftsfrau in der nordgriechischen Stadt Alexandropolis.

Das Volk könne das Leben mit den Sparmaßnahmen und der teuren Euro-Währung nicht mehr ertragen. "Alle warten", sagt die Inhaberin einer Sprachschule, "vor allem die großen Unternehmer hier wie im Ausland. Alles lässt sich doch viel billiger aufkaufen, wenn die Drachme zurückkommt und nur halb so viel wert ist wie der Euro."

"Grexit" nennt das nun die Citygroup in London. Während die Parteiführer der griechischen Regierungskoalition am Mittwoch über die jüngsten Sparauflagen berieten, ist die Wahrscheinlichkeit für die Rückkehr der Drachme für Marktbeobachter auf 50 Prozent gestiegen. Ob die Wiedereinführung der alten Landeswährung eine Befreiung wäre oder eine Niederlage, ist eine andere Frage. Noch kann sich die Mehrheit der Griechen den Hinauswurf aus der Eurozone nicht vorstellen. "Das sind Spielchen, die jetzt getrieben werden", sagt ein Bankangestellter, ein Bluff der EU, um Athen neue Ausgabenkürzungen aufzuzwingen. "Die Menschen wollen den Euro behalten", versichert ähnlich Mitkas, ein junger Apotheker, auch wenn er zugibt, dass die Lebenskosten im Euro-Land Griechenland mit schwindenden Gehältern und Pensionen immer höher werden. Aber: "Ein Austritt Griechenlands würde auch die anderen treffen, Italien, Portugal, den Rest der EU."

Längst schon haben die Griechen Vorsorge getroffen für eine Zeit ohne Euro. Der letzte Ansturm auf die Banken war im November vergangenen Jahres, als der damalige Regierungschef Giorgos Papandreou den verheerenden Einfall hatte, ein Referendum über die gerade vereinbarte neue Kredithilfe der EU anzukündigen. Die Griechen leerten ihre Euro-Konten. Sie fürchteten, die griechischen Banken würden zusammenbrechen, bunkern ihr Bargeld nun zu Hause und haben größere Summen bei Banken im EU-Ausland angelegt. Ein Ausstieg aus der Eurozone könnte von heute auf morgen eine bis zu 50-prozentige Abwertung von Vermögen bedeuten, so lautet die Annahme.

Übergangspremier Lucas Papademos hat bereits eine Studie über die Folgen einer Rückkehr zur Drachme in Auftrag gegeben. Ein ironisches Zusammentreffen: Es war Papademos, der als Zentralbankchef im Jahr 2001 den Übergang von der Drachme zum Euro leitete. Die Tricksereien bei den Budgetzahlen, die Athen nach Brüssel meldete, dürften ihm kaum verborgen geblieben sein. (Markus Bernath aus Alexandropolis, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.2.2012)

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