Britische Gesundheitsrefom im Kreuzfeuer der Kritik

8. Februar 2012, 17:57
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Patchwork aus "Kompliziertheit, Kompromiss und Konfusion" - Premier Cameron hält an Plänen fest

In Großbritannien geht die umstrittene Reform des Nationalen Gesundheitswesens NHS in die letzte Runde. Für die am Mittwoch begonnene dritte Lesung offerierte der zuständige Minister Andrew Lansley dem Oberhaus eine Vielzahl von Zugeständnissen. Noch immer aber sehen Kritiker die Reform als Einstieg in die Privatisierung des bisher steuerfinanzierten NHS. Der Chef der oppositionellen Labour-Partei Edward Miliband forderte Premier David Cameron auf: "Ziehen Sie die Reform zurück!" Der Regierungschef beteuerte, das Gesetz habe seine volle Unterstützung.

Das Thema birgt Risiken für alle Parteien. Weil das NHS 1948 unter der damaligen Labour-Regierung Clement Attlees gegründet wurde, genießt die Arbeiterpartei einen Sympathiebonus. Miliband und sein Team schweben aber in der Gefahr, sich allzu sehr die Sache der stets reformfeindlichen Gewerkschaften im Gesundheitswesen zu eigen zu machen.

Für Cameron und Lansley kommen die Widerstände freilich von allen Seiten. Nicht nur sämtliche Gewerkschaften, auch die Berufsorganisationen von Ärzten und Krankenschwestern haben sich gegen das Gesetz ausgesprochen. Innerhalb der konservativ-liberalen Koalition war die Reform von Anfang an umstritten.

Der eigentlich reformfreudige Ex-Labour-Gesundheitsminister Alan Milburn sieht in den Plänen "ein Patchwork aus Kompliziertheit, Kompromiss und Konfusion". Im Kern überträgt die Reform erhebliche Teile der Gesundheitsversorgung örtlichen Konsortien von Hausärzten, den sogenannten Generalpraktikern. Diese dienen schon bisher als Eingangsschleuse zum NHS, überweisen zu Fachärzten oder ins Spital, koordinieren Pflege mit der Sozialbehörde. Außerdem sollen künftig Krankenhäuser freier haushalten und bis zu 49 Prozent ihrer Einkünfte im Privatsektor verdienen dürfen.

Kritiker befürchten die Kommerzialisierung des Systems, vor allem eine Aufweichung des Prinzips der Kostenfreiheit. Im Vergleich weist das NHS Vor- und Nachteile auf: Zwar kommen die Briten mit 9,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes vergleichsweise günstig weg. Dafür warten Patienten wochen- und monatelang auf Termine bei Spezialisten. Krebskranke, Herzleidende oder Schlaganfallopfer haben deutlich schlechtere Aussichten als in Deutschland oder Frankreich. (DER STANDARD Printausgabe, 9.2.2012)

  • "Ziehen Sie die Reform zurück!" Der Chef der oppositionellen Labour-Partei, Edward Miliband, ist gegen Neuerungen im NHS.
    foto: epa/rain

    "Ziehen Sie die Reform zurück!" Der Chef der oppositionellen Labour-Partei, Edward Miliband, ist gegen Neuerungen im NHS.

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