Die Alpine, der Song Contest und die "Einsturzgefohr"

Blog9. Februar 2012, 17:37
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Die heurige Song-Contest-Veranstaltungshalle wird von einem österreichisch-deutschen Konzern gebaut, der nun eigentlich ein spanischer ist

Der österreichische Baukonzern Alpine baut die Halle für den diesjährigen Eurovision Songcontest, der im Mai in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku ausgetragen wird. Das feierte das in Salzburg beheimatete Unternehmen vor einigen Tagen per Presseaussendung.

Auch in Deutschland wurde das Thema groß berichtet. Dort hieß es allerdings, dass "der deutsche Baukonzern" Alpine die Halle auf dem "Platz der Staatsflaggen", in der 25.000 Menschen Platz finden werden, errichten würde. Was stimmt denn nun?

Ein Anruf klärt auf: Die deutsche Tochter des österreichischen Konzerns (Hauptsitz in Salzburg) baut die "Baku Crystal Hall", also irgendwie die Deutschen und die Österreicher gemeinsam, sagt der Pressesprecher. Wie es scheint, reklamieren aber auch alle anderen beteiligten Firmen den (umstrittenen, doch dazu später) Prestige-Bau für sich. "Berliner bauen Arena für Song Contest in Baku", titelte die "Berliner Morgenpost" vor wenigen Tagen. Schließlich habe "das Büro Gerkan, Marg und Partner" die Halle entworfen. "Unterstützt wird die Architektur von einer speziellen Lichtgestaltung aus Berlin."

Und falls das alles nun jemandem spanisch vorkommt: Auch das stimmt natürlich. Schließlich wurde erst vor einer Woche bekannt, dass die spanische FCC-Gruppe fortan 100 Prozent an dem Salzburger Konzern halten werde. Man darf schon gespannt sein, ob nun auch die Spanier den Bau für sich reklamieren werden.

Auftraggeber der Multifunktionshalle ist ein staatliches aserbaidschanisches Immobilien-Komitee, Projektpartner sind die gmp International GmbH, die Nüssli AG, die Basler & Hofmann AG, die seele austria GmbH & Co. KG sowie die SSF Ingenieure AG (siehe auch Alpine-Website). Die Investitionskosten belaufen sich auf einen "dreistelligen Millionen-Euro-Betrag", wie es heißt. Mit dem Bau wurde im vergangenen August begonnen, eine "modulare Bauweise" sorgt für rasches Vorankommen: Das Gebäude besteht nämlich genau genommen aus drei voneinander unabhängigen Bauteilen. Die tragende Konstruktion (ein Foto von den Bauarbeiten gibt's in der englischen Wikipedia) wird in reiner Stahlbauweise aus vorgefertigten Elementen zusammengesetzt. Für die Song-Contest-Veranstaltungen (Semifinali am 22. und 24. Mai, Finale am 26. Mai) liegt das Zuschauer-Maximum übrigens bei "nur" 16.000, weil die Bühne sehr viel Platz einnehmen wird.

Erst vor wenigen Tagen wurde offiziell von der European Broadcasting Union (EBU) bzw. deren aserbaidschanischem Mitglied, der öffentlichen Fernsehanstalt Ictimai TV, entschieden, dass der Songcontest in der "Baku Crystal Hall" ausgetragen wird. Inoffiziell, weiß Wikipedia, fiel diese Entscheidung schon im September.

Wie dem auch sei: Baku ist in jedem Fall ein sehr umstrittener Austragungsort für den heurigen Grand Prix Eurovision de la Chanson, wie der Song Contest früher immer genannt wurde. Das Land gilt als autoritär regiert, es herrsche ein "Klima der Angst und Repression", rügte die Hilfsorganisation "Reporter ohne Grenzen" kürzlich. Amnesty International spricht von einer seit Jahren anhaltenden Verschlechterung der Menschenrechtslage.

Ein Bericht der britischen BBC erzählte von großangelegten Abrissen von Wohnhäusern, unter anderem um neben der Crystal Hall ein riesiges Pressezentrum aus dem Boden zu stampfen. 1600 Journalisten aus ganz Europa werden erwartet. Da kann man sich schlechte Presse schon im Vorfeld nicht leisten: Die Abrisse werden von den staatlichen Stellen dementiert, es gehe alles mit rechten Dingen zu, wird versichert.

Das Land will sich auch weiter öffnen - zumindest für ausländisches Kapital. Für das megalomanische Projekt "Baku White City" (sehenswertes Video auf Youtube ) werden schon seit Jahren Investoren gesucht, auch bei der diesjährigen weltgrößten Immobilienmesse MIPIM in Cannes ist man als Sponsor stark vertreten.

Und vertreten sein wird auch Österreich im Mai in Baku, neben der (nunmehr spanischen) Alpine auch sozusagen die Republik, als Teilnehmer am zweiten Song-Contest-Semifinale am 26. Mai. Und da könnte es dann interessanterweise so weit kommen, dass die Zuschauer in der "Baku Crystal Hall" wiederum ausgerechnet von ein paar Österreichern vor einer drohenden "Einsturzgefohr" gewarnt werden: Einer der zehn Songs, die der ORF am 24. Februar in die Österreich-Vorausscheidung zum Song Contest schickt, hat nämlich eben genau diesen Titel. Hoffentlich kein böses Omen. (derStandard.at, 9.2.2012)

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    foto: gmp
  • Bilder: "Baku Crystal Hall"
    foto: gmp

    Bilder: "Baku Crystal Hall"

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