"Kalkulierte Ambivalenz"

Rhetorische Strategien rund um die NS-Zeit

8. Februar 2012, 16:32

Linguistin Ruth Wodak: In Österreich nutzen prominente Politiker einer großen Partei solche Strategien als öffentliche Provokation

Wien/Lancaster - Ungenügende oder nicht eindeutige Abgrenzung zum Nationalsozialismus, wie sie in der heimischen Politik immer wieder für Skandale sorgt, beschäftigt auch die Sprachwissenschaft: Unter dem Titel "Kalkulierte Ambivalenz" untersucht die österreichische Linguistin Ruth Wodak rhetorische Strategien rund um die NS-Zeit. Am Freitag stellt sie ihre Thesen bei einer Tagung zur Erinnerungspolitik in Bezug auf den Holocaust im 21. Jahrhundert im britischen Lancester vor.

Seit den 1980er Jahren habe sich das österreichische Geschichtsbild gewandelt - manchmal aber, so Wodak im Gespräch, gingen bei der "Vergangenheitsbewältigung" schlechtes Gewissen und Rechtfertigungsbedürfnisse mit einer Rhetorik einher, die sich nicht klar zum Nationalsozialismus abgrenzt. "Strategie der kalkulierten Ambivalenz" meint dabei, dass "gleichzeitig verschiedene und oft unterschiedlich eingestellte Adressaten angesprochen werden, und zwar mit gegensätzlichen Bedeutungen".

Beispiel Gudenus

In einem gemeinsam mit Jakob Engel verfassten Artikel für einen 2012 erscheinenden Sammelband beschreibt sie etwa die Aussagen des damaligen FPÖ-Politikers John Gudenus als eine solche Strategie. Gudenus hatte 1995 in Bezug auf die Existenz von Gaskammern gemeint, alles zu glauben, was "dogmatisch festgeschrieben" sei. Er bestätigte so formal ihre Existenz, hätte diese aber gleichzeitig durch den Vergleich mit einem nicht hinterfragbaren Dogma in Zweifel gezogen, unterstreicht Wodak. 2005 nochmals auf diese Aussage angesprochen, forderte Gudenus rund um die Frage, ob es Gaskammern gegeben hätte, keine "Tabus aufzustellen". 2006 wurde er wegen Wiederbetätigung nach dem "Verbotsgesetz" rechtskräftig verurteilt.

Heinz-Christian Straches kolportierte Aussagen am Ball des Wiener Korporationsrings (WKR) am 27. Jänner sieht Wodak hingegen als "spontan und nicht für die Öffentlichkeit gedacht". Sie signalisierten daher weniger eine intendierte Provokation oder eine strategische Ambivalenz, als "möglicherweise eine Überzeugung und eine gewohnte Redeweise".

Im Vordergrund stehe der Versuch der Opfer-Täter-Umkehr: "Die FPÖ und Ballbesucher als 'neue Juden' zu bezeichnen, die jetzt wissen, wie es in der 'Reichskristallnacht' war, verharmlost die Situation des Novemberpogroms", führt die Sprachwissenschafterin aus. Nicht zulässig sei auch die Verwendung von NS-Terminologie ("Reichskristallnacht") in diesem Zusammenhang.

Öffentliche Provokation

Generell seien ambivalente Einstellungen zur Vergangenheit kein österreichisches Phänomen, so Wodak. Verwunderlich sei aber, dass es in Österreich prominente Politiker einer großen Partei sind, die solche Strategien als öffentliche Provokation nutzen "und damit auch Themenführung erlangen". Provokationen seien auch als solche zu bezeichnen, um diesen so "den Wind aus den Segeln zu nehmen".

Unterschiede sieht Wodak in den rhetorischen Strategien hinsichtlich antimuslimischer und antisemitischer Aussagen. Letztere seien in der österreichischen Öffentlichkeit meist wesentlich indirekter formuliert. "In Österreich kommen jedenfalls immer wieder antisemitische Äußerungen zum Tragen, wenn es um Vergangenheitsaufarbeitungen der NS-Zeit geht", so Wodak. In Österreich - aber auch in Ungarn oder Polen, ebenfalls Länder mit einem "traditionellen" Antisemitismus - könne man eine Strategie des "Judeus ex machina" beobachten: "Wenn man ein Feindbild braucht, dann werden noch immer Juden dazu gemacht. Die antisemitischen Stereotype sind quasi als Archetypus für Vorurteile zu sehen." (APA)


Link
Tagung "Contesting/Contested Memories: The Holocaust in the Twenty-First Century" in Lancaster/GB (pdf-Datei)

Publikation
"Fascism in Text and Talk", herausgegeben von John Richardson und Ruth Wodak, wird 2012 im Routledge Verlag erscheinen.

Weiterlesen
Schwerpunkt "WKR-Ball" im Inland

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21 Postings
Cthulluh
00

Warum bin ich so gar nicht überrascht? OK, jetzt haben wir von einer Linguistin schriftlich bestätigt bekommen, was man als geborener Österreicher ohnehin wusste.

Weit haben wirs gebracht
64

Die Dame ist genauso unseriös wie die Burschen die sie zu recht anprangert.

Beispiel:
"Im Vordergrund stehe der Versuch der Opfer-Täter-Umkehr: "Die FPÖ und Ballbesucher als 'neue Juden' zu bezeichnen..."

Die FPÖ mag alles sein - und ich schätze sie nicht - aber Täter im Sinne des Holocaust? Diese Implikation halte ich für klagbar und absolut unnötig.

ehnie
00

Strache hat die Demonstranten mit den Tätern gleichgesetzt!
"Aber Täter im Sinne des Holocaust?" die FPÖ ging aus der VdU hervor, die war bis 49 verboten, durchaus nicht klagbar!

Der Chronist
00
15.2.2012, 06:02

Lassen Sie ihn, das ist ein Blauer. Er wendet ja exakt jene Strategien an, mit denen er sich selbst entlarvt. Genau das analysiert die Frau Wodak ja.

fritz101
01
Jeder Mensch...

... sollte sich zum Begriff "Gesinnungstäter" schon Gedanken machen. Neben dem Holocaust war der "gemeine" Alltagsfaschismus ebenfalls horribel genug um sich genau davor, auch und gerade in der Gegenwart, zu Recht(!), fürchten zu müssen. Nicht nur niemals vergessen, sondern auch immer denken ist dringender notwendig denn je!

ChesneyB
00
13.2.2012, 11:00

Warum fällt mir dazu jetzt bloß das Gedankenverbrechen wieder ein?

Der Chronist
00
15.2.2012, 06:05

Weil sie auch wie ein Blauer denken, ob Sie das nun bewusst und vorsätzlich tun oder nicht.

Gedanken haben wir alle, und zwar alle möglichen Gedanken. Wir setzen sie aber nicht um.

Werden Gedanken aber zur Gesinnung, also zu einer konsequent verfolgten Obsession mit Umsetzungsabsicht und ohne Rücksicht auf die soziale Umgebung, dann kann das schon eine verbrechensartige Dynamik entwickeln.

17+4
123
wenn jemand behauptet hat, dass uns die gemeinsame Sprache

von den Deutschen unterscheidet, ich glaube, es war Karl Kraus, dann unterscheidet mich von dieser sprachpolizeilichen Dame nicht nur die Sprache, sondern auch der bessere Geschmack und die größere Toleranz.

Aber vielleicht hängt das damit zusammen, dass ich mir eine freie, wenn auch gelegentlich oszillierende Meinung leisten kann, da ich keiner ATIFA Doktrin und Community verpflichtet bin

Lasst Prian frei!!!
 
02

Aber ein wenig selbstgefällig sind sie schon, oder?

Bagaude
01

Vielleicht können Sie eine abweichende Meinung lesen, akzeptieren können Sie diese aber offensichtlich nicht, wie Ihre beleidigende Aburteilung als "sprachpolizeiliche Dame" schön belegt. Im Übrigen ist Ihr gesamtes Post ein Beweis für die Thesen von Ruth Wodak.

SterzinOz
213
Die Linguistin Ruth Wodak,

die Sie so geschmackvoll als "sprachpolizeiliche Dame" bezeichnen, ist Österreicherin. Die falsche Karl-Kraus-Zuschreibung des anonymen Zitats ist längst widerlegt. Und Ihr Posting bestätigt Wodaks These ein weiteres Mal und weitet sie darauf aus, das die Verharmlosung auch in weiten Kreisen des Sympathisantensumpfs besagter Partei belegbar ist.

17+4
41
und sie sind ein Guter?

glauben sie.
Was macht das, wenn ich das Zitat jemand falschem zuschreibe? ausser dass sie zeigen können, dass sie es besser wissen und die Freude zeigen, mich belehren zu können.
Dass die Dame ein Österreicherin ist, ist nicht relevant, für mich jedenfalls, ich ziele ja nicht auf ihre Herkunft ab, wie sie vorurteilsbehafteter annehmen,
Ob ich Sympathie zur FPÖ habe? da muss ich darüber nachdenken, denn das ist vielleicht ihr Kriterium, nicht aber meines
wer ist Wodak, ist das jemand, den man kennen müßte?
Allerdings, wenn solche Leute wie sie solchen Unsinn mutmassen, dann ist das schon bedenklich, ich hoffe, solche wie sie kommen nie zur Macht.

verschwörer.at
01

Ja, Ruth Wodak sollte man kennen; spätestens seit ihren Beiträgen zur Darstellung des österreichischen Nachkriegsantisemitismus am Beispiel der Waldheim-Affäre.

http://www.dmos.info/vt/WB/?p=415

Lasst Prian frei!!!
 
02

Ihre Aussagen sind ziemlich konfus. Außerdem habe ich von ihnen noch kein einziges Gegenargument zu hören bekommen.

Und ja, wer sich auch nur ein bisschen mit dem Thema auseinandergesetzt hat, kann Frau Wodak schon kennen. Wenn man sich aber für politischen Sprachgebrauch nicht interessiert, sollte man vielleicht auch nicht dazu posten, es sei denn ihre eigentümliche Art von Selbstbeweihräucherung ("ihr besserer Geschmack und ihre größere Toleranz", die sich ja angeblich "leisten können") ist ihnen schon Grund genug.

rompitasche
43
was ist schlecht an "Reichskristallnacht" ?

bei Verwendung dieses Begriffs ist wenigstens klar, von welchem Nazi-Verbrechen man spricht/schreibt

OGHaha
03
Wie man in Wikipedia nachlesen kann, hat sich der Begriff ursprünglich sogar gegen das Nazl Regime gerichtet, wurde aber in der Folge von diesem vereinnahmt...

http://de.wikipedia.org/wiki/Nove... grome_1938

Zitat daraus:
"
* „Reichs-“ als Hinweis auf das propagandistisch bemäntelte Regierungsverbrechen, das alle Bürger einbezog,
* „Kristall-“ als ironische Beschönigung für die Zerstörung von menschlichem Glück, Leben, Eigentum, Miteinander,
* „Nacht“ als Metapher für die politische Finsternis, die sich bis 1945 fortsetzte und ins Ungeheure steigerte.
"
Wie man aber auch hier und jetzt wieder sehen kann führt der Gebrauch leicht zu einem verharmlosenden Missverständnis...deshalb ist "Pogrom" schon treffender und vorzuziehen.

tignosa
21
es ist Nazi- Diktion und außerdem verharmlosend

der Begriff lässt glauben, es seien "eh nur" ein paar Fensterscheiben zu Bruch gegangen. Und genau das haben die Nazis intendiert. Die vielen Verprügelten und Misshandelten ließ man ebenso unerwähnt wie die
27 000 Juden, die ins KZ deportiert wurden (wo man sie so lange folterte, bis sie sich zur Auswanderung verpflichteten) und von denen mindestens 500 nicht überlebt haben. "Reichspogromnacht" ist unverfänglich, ebenso "Novemberpogrome".

anders and
 
10

Spielen Sie einmal mit Wikipedia und rufen Sie den Artikel zum Novemberpogrom in allen 40 Sprachen auf: 39 mal treffen Sie bei der Überschrift auf das Wort Kristall in den unterschiedlichsten Schreibweisen, ein einziges Mal heißt es Novemberpogrom.

Sind wir Deutschsprachige als Einzige auf der Welt keine Nazis?

Der Begriff stammt nicht von den Nazis, die hätten eine "Nacht des Volkszorns" oder ähnliches intendiert, aber das Volks zog nicht mit. Nur die Wiener konnten sich wirklich für die Aktion begeistern.

17+4
00
wie ist das mit dem Scheißdreck und den Fliegen?

wenn 39 Länder diesen Begriff falsch verwenden, schließlich ist der ja nicht aus deren Sprache, dann sind halt 39 falsch.
Da wäre dann die Frage angebracht, warum ist das so?
Das sollte man einmal untersuchen?

recouvrer la raison
01

Wenn Sie unbedingt einen Verweis auf das "deutsche Reich" drinnen haben wollen, nennen Sie es halt Reichspogramnacht. Es sind jedenfalls nicht nur ein paar Scheiben kaputt gegangen, sondern hunderte Menschen ermordert worden.

tan48
12
Ich würde ehrlich gesagt fast eher in die andere Richtung gehen

"Novemberpogrome" mag zwar inhaltlich am nächsten kommen, aber setzt die (Reichs-)Kristallnacht und folgende Ereignisse meiner Meinung nach viel zu leichtfertig in eine Reihe von historischen Pogromen, die kaum mit den damaligen Vorkommnissen vergleichbar sind.
(Reichs-)Kristallnacht ist einfach ein Eigenbegriff der sich international als Fachbegriff durchgesetzt hat, im deutschen aber immer als unzulänglich gesehen wurde. Dafür trennt er aber eindeutig von sonstigen Ereignissen ab.

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