Der Jahresausklang war schwach, für das Gesamtjahr 2011 blickt Deutschland aber auf einen neuen Rekordwert zurück
Berlin - Die deutschen Exporteure sind in neue Dimensionen
vorgestoßen: 2011 knackten sie erstmals die Umsatzmarke von einer Billion Euro -
vor allem wegen der starken Nachfrage aus Schwellenländern wie China, aber auch
aus Osteuropa. Das Auslandsgeschäft wuchs um 11,4 Prozent auf 1.060,1 Mrd. Euro,
teilte das deutsche Statistische Bundesamt am Mittwoch mit. Die boomende deutsche
Wirtschaft importierte gleichzeitig so viele Waren wie nie zuvor: Die Einfuhren
legten um 13,2 Prozent auf 902 Mrd. Euro zu. Damit wurde die alte Bestmarke von
2008 um fast 100 Mrd. Euro übertroffen. Getrübt wird die Freude
aber durch einen Einbruch am Jahresende, der ein deutlich langsameres Wachstum für
2012 signalisiert.
Im Dezember verkauften die Exporteure 4,3 Prozent weniger ins Ausland als im
Vormonat. Einen stärkeren Rückgang gab es zuletzt auf dem Höhepunkt der
Finanzkrise im Jänner 2009. Das Minus fiel viermal so stark aus wie von
Analysten erwartet. "Das ist ein schwacher Jahresausklang", sagte Christian
Schulz von der Berenberg Bank. "Die deutsche Wirtschaft steht möglicherweise vor
einer Rezession." Bereits im vierten Quartal ging das Bruttoinlandsprodukt nach
ersten Schätzungen der Statistiker um 0,25 Prozent zurück. "Das lässt sich nicht
mehr halten", sagte DekaBank-Ökonom Andreas Scheuerle. "Man muss nun von einer
höheren Schrumpfung ausgehen."
Sorgen bereitet den Unternehmen vor allem die Schuldenkrise in vielen
Euroländern, wohin 40 Prozent der Exporte gehen. Von dort erhielt die Industrie
im Dezember fast sieben Prozent weniger Aufträge, weil viele Länder vor der
Rezession stehen. "Wir machen uns Sorgen um Europa", sagte der Präsident des
Exportverbandes BGA, Anton Börner. "Noch ist nicht sicher, wie weit das durch
die Auftragszuwächse aus den Schwellenländern kompensiert werden kann." Der BGA
rechnet damit, dass sich das Exportwachstum in diesem Jahr auf sechs Prozent
nahezu halbieren wird. Dennoch soll das gesamte Handelsvolumen - Ein- und
Ausfuhren zusammen - erstmals die Marke von zwei Billionen Euro übertreffen.
Wichtige Stütze
Der deutsche Wirtschaftsminister Philipp Rösler sieht im Außenhandel weiter
eine wichtige Konjunkturstütze. "Aktuell ist es angesichts der Schwächephase der
Weltwirtschaft zwar schwieriger, an die Erfolge anzuknüpfen", sagte Rösler. "Die
deutsche Wirtschaft ist aber nach wie vor hoch wettbewerbsfähig." Belebe sich
die Weltwirtschaft, könne sie ihre Wachstumschancen nutzen.
Besonders die USA schlugen sich zuletzt deutlich besser als erwartet. Die
Arbeitslosenquote in der weltgrößten Volkswirtschaft ist derzeit so niedrig wie
seit fast drei Jahren nicht mehr. Auch aus der deutschen Wirtschaft kamen
zuletzt positive Signale: Die Industrieaufträge zogen im Dezember wegen der
hohen Nachfrage aus Übersee um 1,7 Prozent an, die vom Ifo-Institut ermittelte
Stimmung bei 7.000 Managern hellte sich im Jänner den dritten Monaten in Folge
auf. "Alle Zeichen stehen jetzt auf Erholung", sagte Berenberg-Experte Schulz.
"Wenn das so bleibt, kann Deutschland spätestens im Frühjahr zu Wachstum
zurückkehren."
Besonders stark legten 2011 die Ausfuhren in die Länder außerhalb der EU zu:
Hier gab es ein Plus von 13,6 Prozent, während die Lieferungen in die Eurozone
nur um 8,6 Prozent zunahmen. Die Exporte übertrafen die Importe um 158,1 Mrd.
Euro. Zum Vergleich: Frankreich wies keinen Handelsüberschuss, sondern ein
Rekorddefizit von 69,6 Mrd. Euro aus. (APA/Reuters)