Jetzt bin ich Jüdin

Gastkommentar8. Februar 2012, 12:04
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Protestrede gegen den Intendanten des Neuen Theaters in Budapest und gegen die extremistische Ideologie in Ungarn

Diese Rede wurde am 1. Februar 2012 vor dem Neuen Theater in Budapest auf einer Protestkundgebung gegen den neuen Intendanten György Dörner, der am selben Tag sein Amt antrat, gehalten. Dörner, ein geistiger Ziehsohn des am Samstag verstorbenen antisemitischen Schriftstellers István Csurka, bekennt sich zu rechtsextremen Ideen. In seiner Bewerbung hatte er angegeben, gegen die "entartete, krankhafte Hegemonie" der Liberalen im Kulturbetrieb ankämpfen zu wollen. Seine Bestellung durch den Budapester Oberbürgermeister István Tarlós, einen Parteigänger von Ministerpräsident Viktor Orbán, hatte europaweit Proteste ausgelöst.

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"Ich bin Fruzsina Magyar. Mutter. Ehefrau. Dramaturgin. Und Jüdin. Wegen der Familie meiner Mutter, welche man 1928 aus Siebenbürgen vertrieben hat. Am 6. November 1944 befahl man meiner Mutter, eine Grube auszuheben. Wie sie erzählte, strahlte an diesem Tag die Sonne vom Himmel, sie selbst war am selben Tag 18 Jahre alt geworden. An so einem Tag kann kein Unglück passieren, dachte sie. Es passierte keines, damals und dort. Sie hatte Glück. Und ich bin Jüdin.

Ein anonymer Poster im Internet fragte mich einmal, ob man es mir erlaubt hat, den Familiennamen Magyar (Ungar, Anm.) zu führen. Das fragte er mich, die Urenkelin von Bertalan Szemere (Ministerpräsident der Revolutionsregierung von Mai bis August 1849, Anm.), mich, die zu den wenigen zählt, die ihre Herkunft väterlicherseits von den Árpáden (die ersten ungarischen Könige, die von 1001 bis 1301 regierten, Anm.) herleiten können. Und, was heißt das jetzt? 

Jetzt heißt das, dass ich Jüdin bin. 

Jetzt, wo die faschistische Ideologie in unseren Straßen, Städten und Dörfern aufmarschiert. Jetzt, wo die Vertreter dieser Ideologie die Todeslager in "Arbeitslager" umbenennen, heute, wo die, die mit ihnen kungeln, die, die an der Macht sind, es zulassen.

Vor ein paar Jahren gab es einen Film mit dem Titel "Der Junge im gestreiften Pyjama". Eine grausame Geschichte. Ein SS-Offizier wird einem Konzentrationslager dienstzugeteilt. Er fährt da mit seiner Familie hin. Seine Kinder wissen nicht, was sich da abspielt. Der achtjährige Junge sieht bei einer heimlichen Entdeckungstour den Stacheldrahtzaun und dahinter die Menschen in gestreifter Kleidung.

Für den deutschen Jungen kann die gestreifte Kleidung nichts anderes sein als ein Pyjama. Zunehmend interessiert er sich für die Welt jenseits des Zaunes, der nahe zu kommen ihm verboten ist. Und eines Tages bringt ihm der Junge im Pyjama einen gestreiften Anzug, und der deutsche Junge geht zu ihm, auf die andere Seite des Zauns. Doch eben zuvor hat sein Vater den Befehl erteilt, die Bewohner des Lagers in die Gaskammer zu führen. Auch der deutsche Junge im Pyjama macht sich auf den Weg, die Bewohner des Lagers ziehen ihn mit sich. Als es sein Vater, der SS-Offizier, bemerkt, ist es zu spät.

Das wollen einige heute "Arbeitslager" nennen? Diese Schmach? Wagen sie es zu behaupten, dass nur jene ums Leben kamen, die sozusagen die Arbeit nicht aushielten? Schmach! Schmach! Wir müssen über diese schändlichen Ereignisse sprechen. Wir dürfen nicht darüber schweigen. Die Lüge gebiert neue Lügen. Die Niederträchtigkeit erzeugt neue Niederträchtigkeiten. Die große Niederträchtigkeit nährt viele kleine Niederträchtigkeiten.

Und die Angst.

Wenn wir viele sind, brauchen wir keine Angst zu haben. Und überhaupt: Wir dürfen keine Angst haben! Und wir haben auch keine Angst! Die Wahrheit ist auf unserer Seite. Auf der Seite der Menschheit, der Humanität. Unsere Humanität, unsere Geisteshaltung sind unsere Waffen gegen die Repräsentanten der menschenverachtenden Gedanken, und auch gegen jene, die sie unterstützen und ihnen Nahrung geben. Die faschistische Ideologie darf ihren Fuß weder in unser Leben setzen noch in unsere Kultur!

Was die gegenwärtige Regierung mit der Neuausschreibung der Intendanz des Neuen Theaters aufgeführt hat, ist integraler Bestandteil ihrer kulturzerstörerischen Strategie. In aller Offenheit hat sie einer extremistischen, ausgrenzenden Ideologie zum Eintritt ins Kulturleben verholfen!

Rücken wir zusammen: Protestieren wir, fordern wir! Rücken wir zusammen und fürchten wir uns nicht!

Die Moral steht im Rang über der Politik! Die Politik muss der Moral dienen - und darf sie nicht in die Erde stampfen! Wir müssen etwas dagegen tun! Das Eintreten gegen die extremistische, ausgrenzende, mörderische Ideologie ist keine politische, sondern eine moralische Frage! Worauf warten wir noch?!

Sie marschieren nicht mehr bloß auf, sondern drohen sogar schon mit Krieg! (Jobbik-Führer Gábor Vona in einer Rede drei Tage zuvor, Anm.).

Dagegen müssen wir etwas tun! Wir, die Mitarbeiter und Kreativen der künstlerischen Sphäre, haben die Pflicht, unsere Kultur zu verteidigen. Den Humanismus. Die Menschlichkeit. Wir, die Kreativen, haben die Pflicht, unsere Meinung kundzutun! Mit unseren Werken - und wenn man uns dazu zwingt, dann auch auf der Straße! Wir dürfen nicht nachgeben! Wir dürfen nicht schweigen! Wir haben keine Angst!

Kommen Sie mir nicht damit, dass dies nun ein Theater des ungarischen Dramas werden wird! Das ist eine billige Tatsachenverzerrung und Lüge! Im ganzen Land gibt es eine enorme Zahl ungarischer Premieren. Außerdem war das kein Kriterium in der Ausschreibung um den Intendanten-Posten, und, was nicht nebensächlich ist, diese Bewerbung (des neuen Intendanten György Dörner, Anm.) ist unbrauchbares Geschreibsel.

Doch reden wir uns nicht ein, dass fachliche Gesichtspunkte hierbei überhaupt eine Rolle gespielt hätten. Und reden wir uns erst gar nicht ein, dass es um politische Gesichtspunkte gegangen wäre. Entschieden haben ideologische Gesichtspunkte! Was wiederum den (von Dörner, Anm.) irgendwie zusammengestoppelten Spielplan betrifft: Das Drama wird erst in der Aufführung zu einem Ganzen.

Kurz und bündig: Es ist nicht einerlei, wer ein Drama in einem Theater welcher Geisteshaltung zur Aufführung bringt. Wenn eine Blume in einen vergifteten Boden gepflanzt wird, dann wird auch die Blume vergiftet und stirbt.

Ich bin Jüdin. Jetzt bin ich in erster Linie Jüdin. Doch wenn es sein muss, bin ich auch Zigeunerin. Wenn es einmal keine Ausgrenzung mehr geben wird, keine Juden- und Roma-Hetze, wenn einmal die Todeslager nicht mehr "Arbeitslager" genannt werden, wenn einmal keine Gardisten mehr selbstvergessen auf den Straßen marschieren können, wenn einmal in die von unseren Steuergeldern erhaltenen Theater keine faschistischen, hassdurchtränkten Ideologien mehr eingepflanzt werden, wenn einmal jeder Mensch unabhängig von seiner nationalen und ethnischen Zugehörigkeit leben und gedeihen kann, dann werde auch ich erneut von mir sagen: Ich bin eine aus dem Haus der Árpáden und Jüdin, oder: Jüdin und eine aus dem Haus der Árpáden.

Aber dann werde ich derlei überhaupt nicht sagen, denn es wird keine Rolle spielen.

Ich möchte in einem Land leben, in dem meine familiäre Herkunft meine Lebensgeschichte nicht abstempelt, sondern ihr die Färbung gibt! 

Ich möchte in einem freien Land leben, und ich möchte, dass auch meine Kinder in einem freien Land leben können!" (Aus dem Ungarischen von Gregor Mayer, derStandard.at, 8.2.2012)

Autorin

Fruzsina Magyar (geb. 1954) war von 1979 bis 1984 Dramaturgin am Theater in Szolnok. Danach hatte sie aus politischen Gründen Berufsverbot. Im Wendejahr 1989 war sie Dramaturgin der bahnbrechenden ungarischen Erstaufführung von István Eörsis "Antigone" am Budapester Burgtheater, einer Neudeutung des Sophokles-Dramas im Lichte der niedergeschlagenen ungarischen Revolution von 1956. Derzeit ist sie am Budapester Kammertheater tätig.

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