Der Linzer Erfolgslauf

7. Februar 2012, 23:30
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Seit Monaten hält sich der EHC Linz konstant an der Tabellen­spitze und avancierte so zum Titelanwärter. Auf der Suche nach guten Gründen

So früh wie noch nie sicherten sich die Black Wings Linz, der große Dominator der bisherigen Saison der Erste Bank Eishockey Liga, ihr Ticket für die Play-Offs: Bereits am 26.Dezember fixierten die Oberösterreicher die Qualifikation für das am 19.Feber beginnende Viertelfinale, ließen sich aber auch seither nicht hängen und untermauerten somit ihren Status als seriöser Anwärter auf den Meistertitel 2012. Nach einem weitreichenden personellen Umbau im Sommer präsentierte sich die Linzer Mannschaft in diesem Spieljahr konstant stark, ihr Erfolg fußt auf fünf zentralen Faktoren.

1. Head Coach Rob Daum

Mit großen Vorschusslorbeeren kam der Kanadier in die Stahlstadt, letztlich hat er die Erwartungen sogar noch übertroffen. Schon drei Wochen vor seiner offiziellen Präsentation als neuer Cheftrainer saß er als Zuschauer in Linz auf der Tribüne und stellte erste Überlegungen hinsichtlich der anstehenden Rekonstruktion seines zukünftigen Teams an - ein Umstand, der Daums zentralen Vorzug dokumentiert: Akribie und gewissenhafte Vorbereitung. Zu Hause in Edmonton, Alberta, glühte der DVD-Player das Frühjahr über förmlich, die aus dem Videostudium gezogenen Erkenntnisse bildeten nicht nur die Grundlage für personalpolitische Entscheidungen, sondern auch die Basis der exakt auf den jeweiligen Gegner abgestimmten Gameplans. Kein Zufall, dass sich die Black Wings im Grunddurchgang ausgerechnet gegen das neu in die Liga gekommene Team aus Znojmo am schwersten taten (drei Niederlagen in vier Spielen).
Rob Daum ist, anders als so mancher seiner Vorgänger in Linz, ein ruhiger und bedachter Coach, vor allem aber ein brillanter Analytiker. Der Art und Weise, wie er das Spiel der eigenen Mannschaft, aber auch jenes des Gegners, in seine wesentlichen Einzelteile zerlegt und detailreich aufarbeitet, kann durchaus wissenschaftlicher Charakter attestiert werden. Gerade in den Play-Offs von Bedeutung ist dabei, dass das taktische Konzept des 54jährigen kein starres ist, Variabilität und Anpassungsfähigkeit ihrer strategischen Ausrichtung machen die Black Wings zum viel härteren Gegner als etwa ihr spielerisches Potential.

2. Geglückte Transferpolitik

Die Basis des Linzer Erfolgs in der laufenden Saison wurde bereits bei der Zusammenstellung des Teams im Sommer gelegt. Kein Klub kassierte im Langzeittrend der vergangenen fünf Jahre weniger Gegentreffer als die Oberösterreicher (2,85 pro Spiel im Grunddurchgang), dementsprechend lag der Fokus der Transferpolitik - von der Verpflichtung eines spiel- und offensivstarken Verteidigerduos abgesehen - klar auf der Besetzung der Angriffsreihen. Hier konzentrierte man sich bei der Rekrutierung nicht unbedingt darauf, möglichst hochklassige Einzelspieler unter Vertrag zu nehmen. Vielmehr stand im Vordergrund, jene Cracks neu zu holen oder weiter zu verpflichten, die das Potential mitbringen, gewisse Rollenzuteilungen im System von Trainer Rob Daum erfüllen zu können.
Während im Vorjahr noch sechs der neun Neuzugänge den Klub während oder spätestens nach der Saison wieder verließen und Linz schon im November alle im Rahmen des Regulativs möglichen personellen Veränderungen vorgenommen hatte, verbrauchte man heuer nur einen einzigen Tauschvorgang, als sich in der zweiten Jännerhälfte die Chance ergab, das Team mit Jan-Axel Alavaara substanziell zu verstärken. In Summe meldeten die Black Wings in der laufenden Saison Spieler mit einem Gesamtwert von 63,0 Punkten an - deutlich weniger als Konkurrenten wie der Tabellenzweite Zagreb (71,5) oder Titelverteidiger Salzburg (72,0).

3. Konstante Leistungen

In die letzte Saison startete Linz - obwohl regierender Vizemeister - mit acht Niederlagen in zehn Spielen, es dauerte bis zum 42.Spieltag, ehe man erstmals in der oberen Hälfte der Tabelle stand. Trotz eines tiefgreifenden personellen Umbaus im Sommer 2011 (14 der bisher 28 eingesetzten Spieler standen im Vorjahr noch nicht im Kader) waren die Black Wings in der laufenden Spielzeit von Beginn an voll da und gewannen elf ihrer ersten zwölf Partien. Das Leistungsniveau wird seitdem konstant hoch gehalten, nach 47 Spielen haben die Stahlstädter noch nie öfter als zwei Mal am Stück verloren. 38 Mal, also in mehr als 80 Prozent der Fälle, punktete das Team von Rob Daum. Den Erfolg honoriert auch das Linzer Publikum: 13 der 23 Heimspiele waren ausverkauft, eine Hallenauslastung von knapp 96 Prozent und ein gegenüber dem Grunddurchgang der letzten Saison um mehr als 1.000 Fans oder 30 Prozent gesteigerter Zuschauerschnitt sprechen Bände.
Für Kontinuität steht nicht zuletzt die Vereinsführung der Oberösterreicher, die sich in der Regel dezent im Hintergrund hält und sich auch kaum in sportliche Belange einmischt. Seit dem Rücktritt von Kurzzeit-Trainer Gert Kompajn im Dezember 2006 wurde in Linz kein Trainer mehr während einer laufenden Spielzeit ersetzt.

4. Geballte Angriffskraft

Aus Flop mach Top: Die im Vorjahr harmloseste Mannschaft der gesamten Erste Bank Eishockey Liga mit nur 2,89 erzielten Treffern pro Spiel im Grunddurchgang wurde über den Sommer zum offensivstärksten Team im Bewerb: In den 40 Spielen vor der Zwischenrunde gelangen im Schnitt 3,68 Tore - Ligaspitze! Hauptverantwortlich dafür zeichnete der radikale personelle Schnitt, der vor der Saison speziell in den Angriffsreihen vollzogen wurde. Geführt werden die beiden ersten Offensivblöcke von zwei neu verpflichteten Mittelstürmern: Während Mike Ouellette bereits in Zagreb und Graz (zumindest im Spiel nach vorne) zu den stärksten Centern der Liga gehörte, wurde mit dem Eishockeyartisten Rob Hisey der ideale Einfädler für die beiden Torjäger am Flügel, Justin Keller und Danny Irmen, gefunden. Die enorme Feuerkraft der beiden ersten Sturmformationen ermöglichte es Linz sogar, den in Sachen Scoring veritablen Absturz des Österreicher-Trios im dritten Block zu kompensieren. Bildeten Daniel Oberkofler, Martin Mairitsch und Martin Grabher-Meier im Vorjahr teilweise sogar die gefährlichste Angriffslinie, sank ihr gemeinsamer Schnitt an Punkten pro Spiel heuer um fast 48 Prozent. Im System von Rob Daum mit klaren Aufgabestellungen versehen, büßten die Drei an Produktivität ein und spielen seit einigen Wochen auch nicht mehr gemeinsam in einem Block.

5. Solides Goaltending

Auch in seiner vierten Saison im Verein agiert Alex Westlund als zuverlässiger Rückhalt im Tor. Den US-Amerikaner zeichnet seit Jahren vor allem seine Konstanz und ein hohes Mindestlevel in seiner Performance aus. Letzteres konnte er heuer noch um ein kleines Stück steigern, in 26 der 47 Spiele kassierte Linz zwei oder weniger Gegentore. Der mittlerweile 36jährige kommt mit einem GAA von 2,43 zwar nicht ganz an die Ligaspitze (Kristan/2,07, Starkbaum/2,26) heran, feierte in 42 Einsätzen aber ligaweit unerreichte 30 Siege. Westlund blieb in seiner langen Karriere bisher noch den Beweis schuldig, ein Goalie zu sein, der auch Meistertitel gewinnen kann. Viele bessere Chancen als heuer wird er dafür nicht bekommen. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 7.Feber 2012)

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    19 Tore, 33 Vorlagen: Mit 52 Punkten ist Mike Ouellette derzeit zweitbester Scorer der EBEL, mit +24 weist er zudem die beste Plus/Minus-Bilanz aller Stürmer auf.

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    Die Linzer Fans erfreuen sich am Siegeszug ihrer Mannschaft: Der Zuschauerschnitt von 3.500 pro Spiel entspricht einer Hallenauslastung von 95,9 Prozent.

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