Leben mit Buhnen und Bahnen

7. Februar 2012, 21:16
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Die Wasserforscherin Christine Sindelar untersucht Spiralströmungen

Christine Sindelar hat keine wissenschaftliche Normbiografie. In ihrer ersten Karriere war sie AHS-Lehrerin für Mathematik und Psychologie/Philosophie, in ihrer zweiten IT-Leiterin. Seit 2005 ist sie Fulltime-Forscherin.

Für ihren Postdoc hat die 37-jährige Oberösterreicherin ein interdisziplinäres Projekt über Spiralströmungen in natürlichen Flüssen in Vorbereitung. Diese werden von kleinen Rauheitselementen - etwa an herausragenden Felsbrocken oder ständig überströmten Buhnen (Bauwerke zum Ufer- oder Küstenschutz) - im Fluss erzeugt.

Das Phänomen und seine Auswirkungen will sie auf der Forschungsstation WasserCluster Lunz hydrodynamisch, sedimentologisch und mikrobiologisch untersuchen. Sie ist fasziniert von der Grundidee der Bionik: Prozesse der belebten Natur zu verstehen, um sie für technische Anwendungen nutzbar zu machen. "Die Natur endet nicht an Fachgrenzen. Daher ist ein interdiszi-plinärer Ansatz wichtig. Ich möchte den Dingen auf den Grund zu gehen", erklärt die promovierte Bauingenieurin.

Ein "For Women in Science"-Stipendium, das vom Kosmetikkonzern L'Oréal, der Unesco-Kommission, der Akademie der Wissenschaften und dem Wis-senschaftsministerium vergeben wird, hat die spätberufene Forscherin motiviert weiterzumachen. Sie bereitet damit einen Antrag für eine Postdoc-Stelle des FWF-Programms Hertha Firnberg vor und wird bei erfolgreicher Bewerbung am Department für Limnologie der Uni Wien tätig sein.

Lenkbuhnen sind für Sindelar "die Zukunft des Flussbaus. Man kann mit wenig Materialeinsatz gezielt Maßnahmen setzen, um Ufer zu schützen. Gleichzeitig werden Strömungsmuster erzeugt, die sich hoffentlich positiv auf das Ökosystem auswirken."

Parallel zum Lehramt studierte sie Technische Mathematik an den Unis Linz und Salzburg, um rasch auf eigenen Beinen zu stehen. Nach drei Jahren als IT-Leiterin in der Diözese Linz wurde ihr aber klar: "Ich bin ein Forschergeist." Und sie beschloss, den Wahrheitsbeweis anzutreten. Für ihr Doktorat an der TU Graz besuchte sie mit jüngeren Studierenden Lehrveranstaltungen oder lernte abends in einer WG: "Dennoch hab ich mich als Berufstätige und nicht als Studentin gefühlt."

Als Forschungsassistentin am Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft beschäftigte sie sich von Anfang an mit naturnahen Flussbaumethoden und begann rasch Forschungsanträge zu schreiben. "Zum Glück haben mich meine Kollegen für ein paar Monate in diversen Projekten untergebracht, bis das erste davon auch durchging", sagt sie. Mithilfe des Austauschprogramms Erasmus beteiligte sie sich an einem Staff-Training in Trondheim in Norwegen und unterrichtete Hydrologie im Rahmen von Teaching-Mobility im slowakischen Kosice.

Für wissenschaftliche Leistung gibt es eigentlich nur einen Indikator: die Anzahl der Publikationen. "In dieser Hinsicht fehlen mir die Jahre, die ich in der Privatwirtschaft verbracht habe, natürlich schmerzlich. Trotzdem möchte ich sie nicht missen. Es ist ganz wichtig, einmal nicht in einem Bildungssystem zu stecken." Da steckt sie lieber in der Natur oder in einem alten VW-Bus und reist mit ihrem Partner durch Marokko. (DER STANDARD, Printausgabe, 08.02.2012)

  • Christine Sindelar ist ein spätberufener Forschergeist.
    foto: kelety

    Christine Sindelar ist ein spätberufener Forschergeist.

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