Kameras, die alles sehen und nichts ändern

7. Februar 2012, 20:27
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Ein Forschungsprojekt zur Erhöhung der Sicherheit bei Großveranstaltungen zeigt, dass Überwachungssysteme in akuten Gefahrensituationen meist versagen

Der Mensch bleibt gefordert, menschliche Gewalt zu verhindern.

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"Selbst der flächendeckende Einsatz technischer Lösungen hätte die Stadionkatastrophe in Ägypten nicht verhindern können", urteilt Edith Huber, Leiterin der Stabsstelle für Forschungsservice und Internationales an der Donau-Universität Krems. Dieser Befund ist bemerkenswert, weil Huber im Jahr 2008 das Forschungsprojekt "Sicherheit kritischer Infrastruktur bei Großveranstaltungen" leitete. Die Ankündigung dieses Projekts ließ darauf schließen, dass das Vertrauen in Überwachungssysteme zum Schutz von Menschen eher gestärkt werden soll.

Die breitangelegte Feldstudie, die im nationalen Programm für Sicherheitsforschung (Kiras) - ausgestattet mit Mitteln des Infrastrukturministeriums - durchgeführt wurde, war auch als Rüstzeug für die bevorstehende Fußball-EM 2008 gedacht. Huber und ihr Team führten damals zahlreiche qualitative Interviews unter Fußballfans und unter Öffi-Benutzern durch. In erster Linie sollte damit analysiert werden, welche Parameter das subjektive und kollektive Sicherheitsempfinden beeinflussen. Erst in zweiter Linie wollte man die neuen Erkenntnisse auf technische Überwachungssysteme anwenden: Würden diese nach Kriterien gestaltet, die bei den Beschützten auf hohe Akzeptanz stoßen, wäre die tatsächliche Schutzfunktion besser gewährleistet, so die Überlegung.

Nach Auswertung aller Interviews war klar, dass am ehesten die ausreichende Präsenz von Sanitätern das Sicherheitsgefühl im Stadion stärkt. Erst an zweiter Stelle wurde die Anwesenheit von Securitypersonal als beruhigend genannt. Beim gezielten Abklopfen der Fußballfans auf die Akzeptanz von Überwachungskameras stellte sich schließlich heraus, dass die Systeme so gut wie nie wahrgenommen werden. "Technik, die niemandem auffällt, kann zwar Sicherheitsaufgaben erfüllen, aber logischerweise nicht das subjektive Sicherheitsgefühl erhöhen", resümiert Huber.

Sicher eine Kostenfrage

Die meisten Befragten hätten Sicherheitstechniken als sinnvolle Ergänzung erachtet, "deren Verbreitung in Österreich noch nicht die Schmerzgrenze zum Überwachungsstaat überschritten hat", erzählt Huber und ergänzt: "Die Intention, menschliche Wächter über die Sicherheit durch technische Lösungen zu ersetzen, liegt aber eindeutig in geringeren Kosten begründet." Handle es sich um einen kompletten Ersatz und nicht um eine Ergänzung, seien die Befragten damit überwiegend nicht einverstanden gewesen.

"Zuckt einer aus im Stadion - ein Betrunkener reicht oft als Auslöser - zieht das einen ganzen Rattenschwanz an Reaktionen nach sich", sagt Huber weiter in Bezug auf Massenpaniken, die das akuteste Sicherheitsrisiko darstellen. Spätestens hier sei klar: "Auf ein von Menschen verursachtes Chaos können wiederum nur Menschen adäquat reagieren."

Huber will sich aber nicht anmaßen, den Gewaltausbruch nach dem Fußballspiel am 1. 2. in Ägypten mit Methoden zu analysieren, die sich auf "gefühlte Sicherheit" bezogen haben. Zumal sie einräumt, dass sie bisher gar nicht die Möglichkeit hatte, alle Umstände zu kennen, die in Port Said mehr als 70 Menschen das Leben kosteten: "Paniken sind ein Stück weit auch kulturell geprägt und verlaufen vor allem situationsbedingt völlig anders."

Jenen, die nach einer derartigen Tragödie bessere Überwachungssysteme fordern, entgegnet sie: Generell gelte der Grundsatz, dass nur in Ländern mit ohnehin geringem Sicherheitsrisiko Technik überhaupt zum Schutz von Menschen geeignet ist. Vor allem in Ländern mit hoher Lebensqualität wie Österreich sei aber die soziale Urteilsbildung über empfundene Sicherheitsrisiken relevanter als tatsächliche Gefährdung.

Hooligan-Mutmaßungen

So habe sich während der Fußball-EM in Österreich gezeigt, dass bestimmte Öffi-Routen besonders häufig gemieden wurden, wenn man dort Fans aus Ländern vermutete, die zuvor als "Hooligan-Länder" präsentiert wurden. Diese Zuschreibung stammt auch aus heimischen Zeitungen, weshalb überdies das Medienkonsumverhalten in Bezug auf die Prägung des Sicherheitsbegriffs untersucht wurde. Huber gesteht: "Wir sind etwas voreingenommen davon ausgegangen, dass sich Krone-Leser subjektiv am unsichersten fühlen. Tatsächlich sahen Heute-Leser ihre Sicherheit am häufigsten gefährdet und planten danach ihre Wege." Bemerkenswert war für Huber außerdem: Auch während der EM vor vier Jahren blieben "Kampfhunde" noch vor den Hooligans das Bedrohungsbild Nummer eins.

Ein Resümee der Studie zur technischen Absicherung von Großveranstaltungen fällt widersprüchlich aus: Wie sollen künftige Überwachungssysteme nach Kriterien der subjektiven Sicherheitswahrnehmung optimiert werden, wenn sie objektiv betrachtet niemanden kümmern? Huber meint dazu: "Kameras, die nicht wahrgenommen werden, können die Funktion als Autorität in einer unsicheren Situation nicht erfüllen." (DER STANDARD, Printausgabe, 08.02.2012)

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    Zwei Großereignisse, die Todesopfer forderten: Die Katastrophe beim Europacup-Finale 1985 (Heysel-Stadion, oben) und die Krawalle beim Spiel in Port Said.

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