Ein Forschungsprojekt zur Erhöhung der Sicherheit bei Großveranstaltungen zeigt, dass Überwachungssysteme in akuten Gefahrensituationen meist versagen
Der Mensch bleibt gefordert, menschliche Gewalt zu verhindern.
* * *
"Selbst der flächendeckende Einsatz technischer Lösungen hätte die
Stadionkatastrophe in Ägypten nicht verhindern können", urteilt Edith Huber,
Leiterin der Stabsstelle für Forschungsservice und Internationales an der
Donau-Universität Krems. Dieser Befund ist bemerkenswert, weil Huber im Jahr
2008 das Forschungsprojekt "Sicherheit kritischer Infrastruktur bei
Großveranstaltungen" leitete. Die Ankündigung dieses Projekts ließ darauf
schließen, dass das Vertrauen in Überwachungssysteme zum Schutz von Menschen
eher gestärkt werden soll.
Die breitangelegte Feldstudie, die im nationalen Programm für
Sicherheitsforschung (Kiras) - ausgestattet mit Mitteln des
Infrastrukturministeriums - durchgeführt wurde, war auch als Rüstzeug für die
bevorstehende Fußball-EM 2008 gedacht. Huber und ihr Team führten damals
zahlreiche qualitative Interviews unter Fußballfans und unter Öffi-Benutzern
durch. In erster Linie sollte damit analysiert werden, welche Parameter das
subjektive und kollektive Sicherheitsempfinden beeinflussen. Erst in zweiter
Linie wollte man die neuen Erkenntnisse auf technische Überwachungssysteme
anwenden: Würden diese nach Kriterien gestaltet, die bei den Beschützten auf
hohe Akzeptanz stoßen, wäre die tatsächliche Schutzfunktion besser
gewährleistet, so die Überlegung.
Nach Auswertung aller Interviews war klar, dass am ehesten die ausreichende
Präsenz von Sanitätern das Sicherheitsgefühl im Stadion stärkt. Erst an zweiter
Stelle wurde die Anwesenheit von Securitypersonal als beruhigend genannt. Beim
gezielten Abklopfen der Fußballfans auf die Akzeptanz von Überwachungskameras
stellte sich schließlich heraus, dass die Systeme so gut wie nie wahrgenommen
werden. "Technik, die niemandem auffällt, kann zwar Sicherheitsaufgaben
erfüllen, aber logischerweise nicht das subjektive Sicherheitsgefühl erhöhen",
resümiert Huber.
Sicher eine Kostenfrage
Die meisten Befragten hätten Sicherheitstechniken als sinnvolle Ergänzung
erachtet, "deren Verbreitung in Österreich noch nicht die Schmerzgrenze zum
Überwachungsstaat überschritten hat", erzählt Huber und ergänzt: "Die Intention,
menschliche Wächter über die Sicherheit durch technische Lösungen zu ersetzen,
liegt aber eindeutig in geringeren Kosten begründet." Handle es sich um einen
kompletten Ersatz und nicht um eine Ergänzung, seien die Befragten damit
überwiegend nicht einverstanden gewesen.
"Zuckt einer aus im Stadion - ein Betrunkener reicht oft als Auslöser - zieht
das einen ganzen Rattenschwanz an Reaktionen nach sich", sagt Huber weiter in
Bezug auf Massenpaniken, die das akuteste Sicherheitsrisiko darstellen.
Spätestens hier sei klar: "Auf ein von Menschen verursachtes Chaos können
wiederum nur Menschen adäquat reagieren."
Huber will sich aber nicht anmaßen, den Gewaltausbruch nach dem Fußballspiel
am 1. 2. in Ägypten mit Methoden zu analysieren, die sich auf "gefühlte
Sicherheit" bezogen haben. Zumal sie einräumt, dass sie bisher gar nicht die
Möglichkeit hatte, alle Umstände zu kennen, die in Port Said mehr als 70
Menschen das Leben kosteten: "Paniken sind ein Stück weit auch kulturell geprägt
und verlaufen vor allem situationsbedingt völlig anders."
Jenen, die nach einer derartigen Tragödie bessere Überwachungssysteme
fordern, entgegnet sie: Generell gelte der Grundsatz, dass nur in Ländern mit
ohnehin geringem Sicherheitsrisiko Technik überhaupt zum Schutz von Menschen
geeignet ist. Vor allem in Ländern mit hoher Lebensqualität wie Österreich sei
aber die soziale Urteilsbildung über empfundene Sicherheitsrisiken relevanter
als tatsächliche Gefährdung.
Hooligan-Mutmaßungen
So habe sich während der Fußball-EM in Österreich gezeigt, dass bestimmte
Öffi-Routen besonders häufig gemieden wurden, wenn man dort Fans aus Ländern
vermutete, die zuvor als "Hooligan-Länder" präsentiert wurden. Diese
Zuschreibung stammt auch aus heimischen Zeitungen, weshalb überdies das
Medienkonsumverhalten in Bezug auf die Prägung des Sicherheitsbegriffs
untersucht wurde. Huber gesteht: "Wir sind etwas voreingenommen davon
ausgegangen, dass sich Krone-Leser subjektiv am unsichersten fühlen.
Tatsächlich sahen Heute-Leser ihre Sicherheit am häufigsten gefährdet und
planten danach ihre Wege." Bemerkenswert war für Huber außerdem: Auch während
der EM vor vier Jahren blieben "Kampfhunde" noch vor den Hooligans das
Bedrohungsbild Nummer eins.
Ein Resümee der Studie zur technischen Absicherung von Großveranstaltungen
fällt widersprüchlich aus: Wie sollen künftige Überwachungssysteme nach
Kriterien der subjektiven Sicherheitswahrnehmung optimiert werden, wenn sie
objektiv betrachtet niemanden kümmern? Huber meint dazu: "Kameras, die nicht
wahrgenommen werden, können die Funktion als Autorität in einer unsicheren
Situation nicht erfüllen." (DER STANDARD, Printausgabe, 08.02.2012)