Mutter nervt am meisten

7. Februar 2012, 20:15
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"I Killed My Mother / J'ai tué ma mère" - Ein Film über ein intensives, ambivalentes Mutter-Sohn-Verhältnis

Hubert ist sechzehn, seine Mutter Chantal hat ihn allein großgezogen. Das Verhältnis der beiden war lange Zeit eng und vertraut. Aber inzwischen bekommt Hubert Aggressionen, wenn er seiner Mutter nur beim Essen zusieht. Ihr Timing, ihre Art, Entscheidungen zu treffen und zu kommunizieren, gehen nicht zusammen, Gespräche enden meist in Schreiduellen. Huberts Vorhaben, sich jetzt schon eine eigene Wohnung zu suchen, kann Chantal nichts abgewinnen. Aber das Leben in einem gemeinsamen Haushalt wird immer beschwerlicher.

"Ich habe meine Mutter getötet", betitelt Hubert einmal einen Schulaufsatz. Die Lehrerin, die das Papier entgegennimmt, zieht eine Augenbraue leicht nach oben. "I Killed My Mother / J'ai tué ma mère", das ist auch der Titel des Films, der dieses ebenso intensive wie ambivalente Mutter-Sohn-Verhältnis in kleinen, gekonnt stilisierten Alltagsszenen treffsicher beschreibt. Und der dabei, obwohl aus der Perspektive des Sohnes erzählt, auch die Integrität der Mutterfigur wahrt.

2009 hatte der durchaus autobiografisch gefärbte Film des damals gerade zwanzigjährigen Frankokanadiers Xavier Dolan in der "Quinzaine des Réalisateurs" beim Filmfestival von Cannes Premiere. Der Autor, Hauptdarsteller, Koproduzent und Regisseur Dolan wurde als Wunderknabe gefeiert, aber sein Debüt und das Folgeprojekt Herzensbrecher hatten auch genug Substanz, um diesen Hype zu überdauern. Derzeit arbeitet Dolan, der bereits als Kind selbst vor der Kamera stand, an der Fertigstellung seines dritten Spielfilms, Laurence Anyways, für den er unter anderem Nathalie Baye und Melvil Poupaud engagiert hat. Man wird von ihm wohl noch einiges hören. (Isabella Reicher/DER STANDARD; Printausgabe, 8.2.2012)

Mittwoch, Arte, 22.55

  • Xavier Dolan.
    foto: film/arte

    Xavier Dolan.

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