Gesetzlose Zustände wegen Polizeistreiks

7. Februar 2012, 20:08

In Brasiliens drittgrößter Stadt hat sich die Mordrate seit letzter Woche verdoppelt - Die Armee versucht nun, die Lage unter Kontrolle zu bringen

115 Morde, unzählige Plünderungen, Übergriffe und Vandalismus: Die Anzahl von Straftaten in Salvador seit vergangener Woche spricht Bände. Der Streik der Polizei in Brasiliens drittgrößter Stadt wird von Kriminellen offensichtlich als Freibrief für ungesetzliches Handeln aufgefasst. Nun muss die Armee einrücken, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen.

***

Seit vergangenem Dienstag nehmen 20 Prozent der staatlichen Polizei - also um die 6.000 Beamte  - an einem Streik teil. Sie verlangen höhere Gehälter. Seither hat sich die normalerweise schon sehr hohe Mordrate binnen einer Woche verdoppelt. Mehr als 3.000 Armeemitglieder sind nun vorübergehend in der Region stationiert worden. Sie könne die Lage allerdings nur bedingt stabilisieren, sind sie doch für militärische Zwecke ausgebildet. Die meisten von ihnen sind außerdem weniger damit beschäftigt, die Sicherheit der Bevölkerung zu erhöhen, als damit, streikende Polizei zu überwachen. Dass in zwei Wochen die Karnevalsumzüge mit einer halben Million Teilnehmer in Salvador über die Bühne gehen, macht den Verantwortlichen zusätzliche Sorgen. Zehn Prozent aller Reservierungen von Touristen wurden mittlerweile wieder storniert, melden örtliche Tourismusbüros.

Die Region Bahia - deren Hauptstadt Salvador ist - hat in der jüngsten Vergangenheit einen wirtschaftlichen Wachstumsschub erlebt, der mit einem Anstieg der organisierten Kriminalität einherging.  Die Regierung ist damit überfordert, für die Sicherheit der Bevölkerung zu sorgen, wie die Ereignisse der vergangenen Tage zeigen.

2014 wird Salvador auch Austragungsort der Fußball-Weltmeisterschaft sein. Politische Verantwortliche fürchten nun, dass die Touristen ausbleiben und die Region auf längere Sicht Schaden nehmen wird. "Niemand reist dorthin, wo er Angst um sein Leben haben muss", sagt Pedro Galvano, Leiter des Tourismusbüros in Bahia. (ted, derStandard.at, 7.2.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 79
1 2 3
Superserbe returns1
00
weil ja brasilien sonst

der inbegriff für sicherheit ist ...

pöhse pullen, solche kausalitätsketten erwarte ich mir auch weiterhin nur im innenpolitikteil des schdandad ...

mfg

casus belli
00
Es ist doch...

sehr unverantwortlich von der Polizei, der ihr zum Schutz gegebener Zivilbevölkerung, einfach so zu vernachlässigen.

Bernhard Marold
00
Die Mordrate

Salvadors war mit 50 Morde pro 100.000 Einwohner pro Jahr schon unter den höchten Brasiliens und übertrifft damit Rio de Janeiro un São Paulo (jeweils um die 35) bei weitem.

dr. kokos
 
00
11.2.2012, 13:41

woher stammt diese zahl? habe mal selbst die zahlen des brasilianischen statistikamts ipeadata analysiert und da komme ich bei weitem nicht hin. da lag salvador bei 24 morden pro 100.000 einwohner, sao paulo bei 53, rio de janeiro bei 64, recife bei 92. die großstadt mit den wenigsten morden war übrigens natal.

hans der 3te
01
frage an euch??

ich mein es kann sicherlich vorkommen, ABER habt ihr jemals Polizisten für einen anderen Grund als Gehaltserhöhung streiken sehn??? ich kann mich nicht erinnern seitdem ich nachrichten schau. soziale und gerechtigkeitsfragen , die nicht nur die Polizei betreffen, dürften nicht so ihr Ding sein oder???

PEACETIME
00
in Portugal hat sich die Polizei teilweise auf alle Fälle der Protestbewegung angeschlossen und die gehen geeint mit den Demonstrieren auf die Straße.

hans der 3te
00
das in portugal war wegen gehaltserhöhung, zu früh gefreut

wahaha..

nach 3 minuten internetrecherche hab ich rausgefunden , dass die polizei in portugal sich den protesten 2011 in portugal gegen die sparmaßnahmen anschliesst.. und jetzt kommts , die polizei fordert...: Gehaltserhöhung !!!!

hans der 3te
10

ich wette in paar wochen haben sich die menschen dort selbst organisiert und brauchen kaum noch polizei oder militär in zukunft.

casus belli
01

Ja dann haben Gangs dort das sagen....

hans der 3te
20
ja , die pösen pösen gangs , aber

wenns ne nette gang is hab ich kein problem damit. oder wie ist das mit den gangs? schiessen die wahllos zivilisten über den haufen so wie in den reißerischen Filmen?? oder haben die leute, die dort wohnen, eher weniger probleme damit als staat und polizei , weil unbesteuerte, unkontrollierte geschäfte abgehen?? kenn mich da nicht so aus , kann mir aber gut vorstellen, dass da jede woche ein übler schutzgelderpresser zum örtlichen Bäcker kommt und den beutel aufhält. so stellt sich das zumindest meine von film und fernsehen kaputtgemachte fantasie vor. ^^

Opernballbesucher - Rangloge seit 1885
11
Eine schöne Lehre für unsere ACAB-Linken

die in sicheren Umständen immer so tapfer gegen die "Schergen" des "Systems" kämpfen... :-)

dr. kokos
 
01

6000 offiziere, so ein unsinn. nicht jeder polizist ist gleich ein offizier.

tierischer durchfall
22
Alle, die immer gegen Polizei wettern, die den Untergang des System herbeisehnen.

Dann könnts ihr euch hier ein Bild machen, wies dann zugehen wird. Träumer..

frank franki
01

Bin zwar kein Untergangs-Herbeisehner, glaube das aber trotzdem nicht.

Dass sich die Mordrate innerhalb einer Woche verdoppelt, wenn 20% der Polizisten streiken, halte ich für unrealistisch, oder bestenfalls für gute Polizeipropaganda.

supermike
00
In Brasilien gibts 50.000 Morde pro Jahr

da geht richtig die Post ab.
115 Morde sind dort aber bestimmt die Tagesordnung...

dr. kokos
 
00

"in" brasilien. ja schon, aber wo?! in der mehrzahl der gemeinden brasiliens hat es überhaupt noch nie einen mord gegeben.

(hab' mir mal die mühe gemacht, das anhand der zahlen der ipeadata http://www.ipeadata.gov.br/ genau zu analysieren. in 2.684 von 5.593 gemeinden war das der fall.)

und auch bei den großen städten muss man unterscheiden, in salvador war es wenigstens bis vor ca. 10 jahren (leider hinken die statistiken arg hinterher) gar nicht soo schlimm.

dort gab es durchschnittlich 24 morde pro 100.000 einwohner, in sao paulo 53, in rio de janeiro 64, in recife 92.

(zum vergleich: philadelphia 27, washington d.c. 24, amsterdam 8)

Bernhard Marold
02
Die Nummer

muss man allerdings aufschlüsseln: fast 90% ! der Morde werden von den Polizeistatistikern als "passionais" eingestuft, das heisst, dass sind Ehemänner, die ihre Frau umbringen, jungs, die ihre Flamme dabei erwischen, dass sie mit nem anderen freundliche Worte wechselt und meinen, sie müssten sie deshalb abmurksen. Väter, die ihre Kinder aus erster Ehe aus dem Fenster schmeissen, weil sie das Zusammenleben mit der neuen stören.... Wenn man sich das erst mal klar macht hat man Grund wirklich über die Zahl zu erschrecken. Liebe, Eifersucht, Ehre, dass sind die echten Killer!

Kuni bert
00

Die mit Abstand meisten Morde geschehen im Drogenmilieu, dann erst kommen die Eifersuchtsmorde. Wenn man sich aus beidem raushält, ist BR ziemlich sicher.

Bernhard Marold
00
Woher haben Sie

ihre Informationen? Ich wohne jetzt seit 14 Jahren hier in Zentralbrasilien und mir sagt die Polizeistatistik was anderes. Die Junkies hier wollen Geld um ihre nächste Dosis Crack zu finanzieren. Denen liegt nichts daran dich umzubringen. Die Zahl der drogenbedingten Überfälle ist gewaltig, aber die Morde sind tatsächlich zum grössten Teil Resultat des kranken Ehrenkodexes dieser Machogesellschaft.

Kuni bert
00
10.2.2012, 00:36

Wenn Sie in Brasilien leben und dieses Land als "kranke Machogesellschaft" bezeichnen, dann sollten Sie sich vielleicht doch besser ins Waldviertel zurückziehen.

Jede beliebige Statistik wird Ihnen zeigen, dass der Grossteil der Morde im Drogenmilieu passiert. Was natürlich nicht ausschließt, dass es in "Zentralbrasilien" (können Sie diesen statistisch unbekannnten Ort genauer definieren?) ein município gibt, wo es anders sein mag.

Bernhard Marold
00
10.2.2012, 02:57
Jede beliebige Statistik

In's Waldviertel zurückziehen geht leider nicht, weil ich dann geliebte Menschen hier zurücklassen müsste. Ich wohne in Goiania, das ist die Hauptstadt des Bundeslandes Goias. Goiania liegt 200km von Brasilia entfernt. Die Polizeistatistik auf die ich mich beziehe ist die von Goias, allerdings glaube ich nicht, dass die Situation in den anderen Bundesländern so sehr davon abweicht. Mit Sicherheit gibt es bei den Morden überschneidungen, wenn ein Mann sich erst mit Koks zudröhnt bevor er seine "über alles geliebte" umbringt. Sehen sie das jetzt als Drogendelikt oder ist es doch eine Eifersuchtstat? Wenn Sie sich mal die Aufschlüsselung nach Tatmotiv in Wien anschauen könnten Sie vielleicht eine Überraschung erleben. Was man aus "Liebe" tut..

Kuni bert
00
10.2.2012, 16:50

90% der Mordopfer sind Männer. Dabei dürfte es sich in der Regel wohl kaum um Opfer von Eifersuchtsdramen handeln. Die entsprechenden landesweiten Statistiken sind beim IGBE einzusehen. Es reicht übrigens, wenn man die Lokalpresse liest, dann wird sehr klar, welches Motiv hinter den meisten Morden steckt.

Ich persönlich erlebe seit Jahrzehnten die Brasilianer nicht als sonderlich machistisch. Allerdings kann es sein, dass in Staaten wie Goias oder Tocantins oder Para die Situation etwas anders ist. Das habe ich schon gehört. Gruss nach Goias aus dem Extremo Sul da Bahia.

dr. kokos
 
00
11.2.2012, 15:39

wieso nicht? wenn einer den nebenbuhler erschießt, geschieht das dann nicht aus eifersucht? denke, dass schon auch viele morde aus diesem grund erfolgen.

Xiongerl
00
15.2.2012, 04:23
Lesen's Ceara Online

im Suff erwürgt, im Drogenrausch erschlagen, wegen Drogenschulden hingerichtet, am Strassenstrich verbrannt, wegen Korruption exekutiert, bei einem Überfall beseitigt, beim Strandsex abgeschlachtet,... die Hälfte der Jugendlichen und viele Erwachsenen leben nur für Piedras (Crack). Folgen Sie den Cocainrouten, und Sie haben unzählige Morde und unzählige Motive. Mit "Ehre" hat das alles nichts zu tun, sondern mit der Crackepidemie die sich über das Land zieht wie die Pest. "Abfallbeseitigung" im Zuge der steigenden Cocainnachfrage in Europa, weil es nicht jede Lieferung in die Häfen schaft, die Abfälle aus der Umarbeitung auch Geld bringen, solange die "Kunden" leben. Die eigentlichen Gründe liegen hier bei uns, direkt vor der Haustüre.

Zrp Zrpov
 
01
Ich hätte eher erwartet, dass die Mordrate sinkt ;-)

Muss sich dort wohl um eine spezielle Konstellation handeln...

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 79
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.