Westfälischer Widerstand

Kommentar | Eric Frey, 7. Februar 2012, 18:42

Mit ihrem Syrien-Veto kämpfen Russland und China gegen eine Zeitenwende

Man kann das russische und chinesische Veto gegen die Syrien-Resolution im Uno-Sicherheitsrat damit erklären, dass Moskau einen alten Verbündeten nicht fallenlassen will, wie es Außenminister Sergej Lawrow in Damaskus deutlich gemacht hat. Und Peking will den USA, seinem Rivalen im Pazifikraum, keinen Erfolg gönnen. Dazu kommt bei beiden immer noch der Ärger darüber, wie die Nato ihre Stimmenthaltung bei einer eng formulierten Libyen-Resolution vor einem Jahr für einen Militärschlag zum Sturz des Gaddafi-Regimes genutzt hat.

Aber hinter der Haltung Russlands und Chinas steht viel mehr. Die beiden Großmächte beziehen eine klare Position in einer der wichtigsten weltpolitischen Debatten unserer Zeit. Sie verteidigen das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten von Staaten - also das Primat der nationalen Souveränität, das seit dem Westfälischen Frieden von 1648 die internationale Politik bestimmt und auch noch bei der Gründung der Uno 1945 allgemein akzeptiert wurde.

Doch dieses Prinzip ist brüchig geworden. Begonnen hat es mit Uno- und Nato-Interventionen in zerfallenden Staaten wie Jugoslawien. Die Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs 2002 hat klargestellt, dass jeder Machthaber für Verbrechen gegen das eigene Volk zur Verantwortung gezogen werden kann. Die Uno hat 2005 die "Responsibility to Protect" der gesamten Staatengemeinschaft bei Menschenrechtsverstößen offiziell anerkannt - und dies mit den Stimmen Russlands und Chinas. Die westfälische Weltordnung ist passé.

Unter den Diktaturen der Welt ist diese Botschaft noch nicht angekommen. Aber gerade die arabischen Staaten, die sich früher jede Einmischung von außen verbaten, haben angesichts der Brutalität der Machthaber in Libyen und Syrien ihre Haltung geändert. Das ist eine historische Zeitenwende, die auch Russland und China unter Druck setzt.

Deren Festklammern am Prinzip der Nichteinmischung hat auch eigennützige Gründe: Der Westen soll keine Chance erhalten, die Inhaftierung von Dissidenten, Wahlfälschungen oder die Unterdrückung ethnischer Minderheiten zu einem völkerrechtlichen Thema zu machen.

Tatsächlich haben die Kritiker der neuen Interventionitis Argumente auf ihrer Seite. Der Respekt für Souveränität sorgt schließlich für zwischenstaatlichen Frieden. Und wann genau ist eine Einmischung gerechtfertigt? Warum in Syrien schon und nicht in Bahrain? Kann Russland etwa auch eingreifen, wenn Lettland seine russische Minderheit diskriminiert? Klare Antworten darauf stehen noch aus.

Dazu kommen massive Probleme in der Praxis. Wirtschaftssanktionen sind meist wirkungslos, und gerade die monatelange Nato-Aktion in Libyen war kein Vorbild; sie hätte leicht scheitern können. Selbst die Nutznießer der neuen Weltpolitik halten sich nicht an deren Regeln: Weder Muammar al-Gaddafi noch seine Söhne wurden an die internationale Justiz ausgeliefert.

Auch die USA sind tief gespalten: Trotz ihrer Vorreiterrolle bei Interventionen erlauben sie bei der eigenen Souveränität keinerlei Einmischung. Da sind die Europäer viel weiter.

Dennoch: In einer Zeit, in der Handybilder von Massakern innerhalb von Stunden um die Welt gehen, haben nationale Grenzen ihre absolute Legitimität verloren. Russlands und Chinas Widerstand ist ein Rückzugsgefecht in einer weltpolitischen Revolution.(DER STANDARD Printausgabe, 8.2.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 147
1 2 3 4
Warentester
02

Das Westfälische System galt auch immer nur für die mächtigen Staaten des Westens. Den Rest der Welt haben diese dann nach belieben gewürgt. Nur funktioniert das halt so nicht mehr. Denn es ist tatsächlich eine Zeitenwende da: Die von der unbestrittenen Hegemonie des Westens zur multipolaren Welt. Die "Internationalisierung" vom IStGh (den nichtmal 2/3 der Staaten anerkennen, die nichtmal die Hälfte der Weltbevölkerung; und wenns hart auf hart kommt ignorieren ihn sogar die meisten seiner "Unterstützerstaaten") bis "Resposibility to Protect", etc. ist nur ein verzweifelt die alte Hegemonie aufrecht zu erhalten, der scheitern wird. Nicht China und RUS liefern hier das Rückzugsgefecht. Leider voll daneben Hr. Frey.

girls in the cage
07

"Responsibility to Protect"...

Jo das ist der neueste Schmäh des Westen (bzw. der USA). Darauf fallen ja wirklich nur die Dummen rein.

Der Westen als selbstloser Retter der Armen Versklavten, da fängt ja alles zu lachen an.

Ich frag mich wirklich ob der Herr Frey schon je in den "befreiten" Ländern in Afrika und im nahen Osten war und zwar vor und nach! der "Befreiung", oder wie die meisten nur irgendwelche weltfremden Theorien zusammen reimt, von seinem Schreibtisch aus.

Räudiger Straßenköter
00

Die Intervention im Irak lässt sich doch rechtfertigen. Saddam Hussein hat zwei Kriege vom Zaun gebrochen, die eigene Bevölkerung u.a. mit Chemiewaffen massakrieren lassen, hat systematisch gefoltert und gemordet, baute an Atomwaffen und hat Terroristen unterstützt. Aber statt einer funktionierenden Demokratie herrscht im Irak heute Chaos und der Iran ist dabei die Kontrolle zu übernehmen. Saddam Hussein oder der Iran ist wie Pest oder Cholera.

eXophobia
 
31

Da ist schon was wahres dran.
Aber in dem Moment, wo eine Diktatur hunderte oder tausende Bürger auf offener Straße durch die Armee exekutieren lässt, Jagd auf Flüchtige macht und an der Ausreise hindert, stelle ich mir schon die Frage: Wie sollen sich diese Menschen helfen, wenn nicht durch Hilfe von außen?

Meklon von Andromeda
 
03

Genau. Und im Gazastreifen fangen wir mit der humanitären Unterstützung an.

anders and
 
20

Gibt es in Gaza einen Aufstand gegen die Hamas?

Oder wie lassen Sie sich sonst verstehen?

Arthur Harald Lambauer
 
01
Ad: "Die westfälische Weltordnung ist passé." Das zur Begründung dieser Behauptung angeführte Rom-Statut stellt nur solche Menschenrechtsverbrechen gegen die eigene Bevölkerung unter die Jurisdiktion des ICC, welche ihrer Gravität wegen als solche

angesehen werden müssen, die über die Grenzen des betreffenden Staates hinaus wirken, weshalb eine innere Angelegenheit gar nicht mehr vorliegt.

Es ist daher völlig unrichtig und unwahr, dass das westphälische Prinzip der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten in Aufweichung begriffen wäre. Ganz im Gegegenteil ist es einer der Grundpfeiler der UN-Charta, gegen den Rom gar nicht verstoßen wollte, noch konnte.

Tatsächlich aber war der SR in seiner Spruchpraxis bisweilen davon abgewichen, was aber wegen Artikel 25 der Charta keine Rechtswirkung entfalten konnte; sodass die jetzigen Vetos nur einen Schuß vor den Bug der, wenn nicht eine Breitseite gegen die völkerrechtswidrigen Abweichler bedeutet.

plebs et principes
60

manch ein poster glaubt eine rote verteidigungslinie im nahen osten zu sehen, die geostrategisch zu verteidigen ist. mag zum teil stimmen, die realität allein ist es nicht. vielmehr geht es um das, was frey richtig ausführt: es geht um den völkerrechtlich konsequenzlosen oft fragwürdigen umgang mit minderheiten, dissidenten, auch um die brutale unterdrückung der aufbegehrenden bevölkerung (libyien, syrien). und genau vor dem haben die russen und chinesen angst, weil sie z.t. ähnlich vorgehen (uiguren, tschetschenen)

was alle unterdrücker eint ist ihre legalisierungssprache: es geht immer um terroristen, sektierer, volksverräter! aber das hat auch die usa völkerrechtlich umgedreht mit dem schurkenstaat irak und seinen massenvernichtungswaff

anders and
 
11

Legalisierungssprache gibt es auf beiden Seiten: "Dissidenten", "aufbegehrende Bevölkerung" "Unterdrücker" und der immer beliebte "irre Diktator" sind ja auch nichts anderes als Sprachregelungen, die ein Eingreifen von außen rechtfertigen sollen.

Dass man sich nach den blutigen Debakeln in Irak und Libyen noch traut eine Intervention schönzureden verstehe ich nicht.

Dass China und Russland wegen der Unterdrückung der eigenen Minderheiten ihr Veto einlegen ist eine Unterstellung. Wie erklären Sie sich denn die Tatsache, dass die beiden Staaten im Falle Libyens kein Veto eingelegt haben?

kants richtschnur
09
das ist die seite der medaille mit der sich das fussvolk beschäftigen soll.

frey schei*t auf demokratie und den damit verbundenen hohen "westlichen werten" wenn es um interessen des "marktes" geht. wie die "westliche wertegemeinschaft" selbst.

ich habe keine lust hohle phrasen zu verteidigen. oder anderen in naivster weise eben diese hohlen phrasen real aufzuzwingen.

die usa sind längst ein polizeistaat der ebenso brutal unterdrückt.

hier geht es um nichts anderes als um russische rohstoffe und chinesische arbeitskraft. um den erhalt der weltwährung dollar.

menschenrechte, freiheit, demokratie und das andere geschwurbel sind für die dummen die das sturmgewähr bedienen dürfen.

niemanden in den bloecken interessiert dieses gerede in wirklichkeit.

in europa hat man die demokratie mit dem esm ausgeschalten, aber w

x aeins
90

jetzt überleg einmal: hättest du diese Rede, im Geist stalinistischer Propaganda, auch während des Prager Frühlings 1968 halten können?

kants richtschnur
06

du verstehst ja nicht mal ansatzweise um was es hier geht.

schwarz vs weiß

allein der vergleich mit dem prager frühling disqualifiziert dich für jede weitere diskussion.

divide et impera

http://derstandard.at/plink/132... id24701106

du kasper zieh nur ins feld für eine der seiten.

derweil beide lügen, manipulieren und betrügen.

ein opfer der üblichen bauernfänger...

x aeins
61

hohles Gerede. Bekenn Farbe, was hättest du 1968 gesagt? Dass man die Rechte des UDSSR auf ihre Machtsphäre achten muss?

anders and
 
11

Dass die realsozialistische Union genausowenig berechtigt ist die Souveränität eines Mitgliedsstaates zu verletzen wie das heute bei der arabischen Union der Fall ist.

x aeins
00

Tschechoslowakei zwischen Stalin und Breschnew war souverän? aha...
Ich hab eher den Verdacht, du hättest damals gesagt, die Kapitalisten wollen einen Keil zwischen die Bruderländer treiben, und das hat die segensreiche UDSSR glücklich verhindert...

anders and
 
10

Natürlich war die CSSR damals völkerrechtlich ein souveräner Staat.

Warum Sie eine nicht gerechtfertigte Souveränitätsverletzung hernehmen um für eine Verletzung der syrischen Souveränität zu argumentieren haben Sie mir noch nicht erklärt; neblbni, vole!

x aeins
00

Souveränität der Tschechoslowakei unter Stalin und Breschnew? Bist du vom Mond gefallen?

anders and
 
11

1968 waren die Tschechen dem Westen ziemlich egal - aber wenn der Westen protestiert hat, dann gegen die Einmischung der SU in innertschechoslowakische Angelegenheiten.

Sie meinen tatsächlich dass die Verletzung der tschechoslowakischen Souveränität durch den Warschauer Pakt nicht gerechtfertigt war und deshalb die Verletzung der syrischen Souveränität durch die NATO gerechtfertigt ist?

Vorsicht: Antikommunismus kann Ihre Intelligenz beeinträchtigen!!!

Enrico Furioso
02
1968

ist 44 Jahre her. Da könnte man ebenso gut auch fragen was man 1945 oder - warum nicht? - 1492 gesagt hätte.

x aeins
20

Nein. Genau wie er argumentierten damals die treuen Kommunisten - die intelligenteren unter ihnen schwenkten aber relativ rasch um

kants richtschnur
00
der vergleich des syrischen aufstandes mit dem prager frühling ist eine bodenlose niederträchtigkeit.

sie relativieren damit jedes opfer das die tschechoslovakische bevoelkerung als ganzes dem unmenschlichen realsozialismus darbringen musste, sie würdigen den mut des mannes herab, der sich vor den panzer stellte und diesem system seine eigentliche ohnmacht präsentierte, welche (leider erst) jahre später eingestanden werden musste.

sie sprechen nur und sie verstehen nur die sprache der gewalt, eben jener gewalt die gegengewalt wahrhaftig erst ermoeglicht. kein nva soldat kam auf die idee auf die zigtausenden friedlichen demonstranten in der ddr vor der wende zu schießen.

x aeins
00

Dein aufgeblasenes Pathos birgt einen Widerspruch. Der "unmenschliche Realsozialismus" (jetzt ist das ja Konsens!) schießt nicht auf friedliche Demonstranten, der brave (denn er ist Putin nützlich) Diktator Assad allerdings schon.

kants richtschnur
01

den splitter im auge deines bruders siehst du, das brett vor deinem kopf nicht.

die friedlichen demonstranten in syrien sind natürlich allein opfer des assadregimes, nicht die hohlkoepfe die polizeistationen und militärbasen angegriffen haben, busse sprengten und sprengen.

beide seiten lügen. wollen sie das nicht verstehen???

nur wer gewalt als sein mittel des widerstandes wählt, ist um nichts besser als das, was er zu bekämpfen gedenkt.

aber das dürfte sie überfordern...

x aeins
20

dann geh du voran, gegen Panzer eines skrupellosen Diktators, blossfüssig wie Gandhi
Ohne Gorbatschow hätts auch im Ostblock keinen Widerstand der Bevölkerung, oder ein Blutbad gegeben.
Aber du willst uns ja vielleicht den skrupellosen Machtmenschen Putin als Gorbatschow verkaufen...

kants richtschnur
00

glauben sie mir, wenn es in oesterreich so weit ist, dann werden sie mich das tun sehen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 147
1 2 3 4

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.