Der russische Außenminister Lawrow wurde in Syrien wie ein Held empfangen - Präsident Assad habe ihm zugesichert, die Gewalt zu beenden, ließ er wissen
"So wie der junge Mann in Tunesien verbrenne ich mich für Bashar
al-Assad", ereifert sich Ibtissam, die mit ihren Kindern an der
Flughafenstraße in Damaskus steht. Es sind einige Zehntausend, die
"spontan" zu dieser Kundgebung erschienen sind, um Russlands
Außenminister Sergej Lawrow zu begrüßen. Applaus brandet auf, als die
lange Wagenkolonne mit den schwarzen Autos vorbeifährt, in der nicht
auszumachen ist, wo der Staatsgast sitzt.
"Gott, Syrien, Bashar, das ist alles", skandieren sie. Neben der
syrischen Flagge und Bashar-Porträts werden die russischen Farben
getragen, zum Beispiel als ganzer Teppich aus weißen, roten und blauen
Luftballons.
"Spontan" bedeutet, dass der Bus am frühen Morgen schon vor dem
Ministerium bereitsteht, um die Mitarbeiter zum Treffpunkt zu fahren.
Auch ganze Schulklassen marschieren in Reih und Glied auf. Salwa aus dem
Ministerium für Telekommunikation sagt, sie gehe zu allen
Pro-Bashar-Kundgebungen, um zu zeigen, dass das syrische Volk eins sei.
Sie ist überzeugt, dass es Reformen brauche und keine Sabotage. Syrien
sei immer ein Symbol für Sicherheit und Stabilität gewesen, das müsse es
wieder werden.
Dank für das Veto bei Uno
Ibtissam, die arbeitslos ist, gehört wie Naim, ein Architekt, zu den
wenigen, die nicht in einem Staatsbetrieb oder in der Verwaltung
angestellt sind. Er sagt, Lawrow zu begrüßen sei das Einzige, was man
tun könne, um Russland für das UN-Veto und die Unterstützung zu danken.
Die Stimmung ist aufgekratzt wie nach einem gewonnenen Fußballspiel.
Tausende bewegen sich danach in einem langen Korso über mehrere
Kilometer zu Fuß zurück in die Stadt. Es gibt aber auch einige, die
einfach ihre Pflicht tun, kurz erscheinen und dann schnell wieder weg
sind.
"Das ist reines Schauspiel, daraus kann man überhaupt nichts ablesen",
kommentiert ein ausländischer Diplomat, der schon über sechs Jahre in
Damaskus lebt, den orchestrierten Massenaufmarsch.
Lawrow, begleitet von russischen Auslands-Geheimdienstchef Michail
Fradkow, überbrachte Assad eine Botschaft vom russischen Präsidenten
Dimitri Medwedew. Assad habe ihm zugesichert, die Gewalt zu stoppen und
einen Dialog mit allen politischen Kräften einzuleiten, ließ er
anschließend wissen. Zudem solle bald der Termin für ein Referendum über
eine neue Verfassung bekanntgegeben werden.
Zur gleichen Zeit beschlossen die Golfstaaten, ihre Botschafter aus
Damaskus abzuziehen und die syrischen Gesandten auszuweisen. Nach den
USA, Großbritannien und Deutschland beorderten auch Frankreich und
Italien ihre Botschafter zu Konsultationen nach Hause. Die
Militäroffensive in Homs ging am Dienstag weiter. Bisherige Bilanz laut
Aktivisten: 400 Tote.(DER STANDARD Printausgabe, 8.2.2012)