Die "religiöse Rechte" und fundamentalistische Glaubensgemeinschaften bestimmen die US-Politik und den amerikanischen Alltag mit
Ein Grazer Theologe hat die zwiespältige Rolle der Frauen in einer dieser streng religiösen Gruppen untersucht.
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Der aktuelle Vorwahlkampf der Republikaner macht es wieder einmal deutlich:
Religion und Politik sind in den USA auf eine Weise miteinander verbunden, die
eher an die arabische Welt als an Europa erinnert. Viele der republikanischen
Kandidaten wenden sich an extrem konservative bis christlich-fundamentalistische
Wählerschichten.
Die konfessionell stark durchmischte "religiöse Rechte" etwa ist mittlerweile
fest im amerikanischen Mittelstand verankert und gewinnt auch politisch immer
mehr an Boden. Inhaltlich geht es ihren Anhängern beispielsweise um eine
Reduzierung der staatlichen Sozialpolitik, eine kapitalistische
"Wirtschaftsmoral" ("das Recht der Fleißigen, ihren Reichtum zu mehren"), das
Recht auf Waffenbesitz, die traditionellen Familienideale, die Ablehnung von
Frauenrechten, Abtreibung und Homosexualität.
Protestantische Fundis
Mitt Romney, der bislang erfolgreichste Kandidat bei den republikanischen
Vorwahlen, ist zwar durch seine vergleichsweise liberalen Positionen zu
Abtreibung und Schwulenehe kein ganz typischer Vertreter der religiösen Rechten.
Dennoch bringt der Multimillionär und ehemalige mormonische Missionar immer noch
genügend konservative und religiöse Werte ins Spiel, um für einen großen Teil
dieses Bevölkerungssegments wählbar zu sein.
Eine nicht unbedeutende politische Größe sind auch die protestantischen
Fundamentalisten, die sich zum Teil unter den religiösen Rechten finden. Wo aber
liegt die Grenze zwischen religiösem Konservativismus und Fundamentalismus? Eine
knifflige Frage, die ganze Bibliotheken füllt und auf die man selten eine klare
Antwort erhält.
So zieht auch der Grazer Theologe Markus Löhnert eine Auflistung
protestantisch fundamentalistischer Überzeugungen einer eindeutigen
Begriffsdefinition vor. "Der religiöse Fundamentalismus in den USA ist von einer
radikalen Ablehnung der Moderne geprägt, was sich beispielsweise in der
untergeordneten Stellung der Frauen äußert. Wesentliche Aspekte sind auch die
wörtliche Interpretation der Bibel, die als irrtumsfreies Wort Gottes angesehen
wird, oder die Ablehnung der Evolutionstheorie."
Die Ursprünge des protestantischen Fundamentalismus ortet Religionssoziologe
Martin Riesebrodt in einer konservativen religiösen Sammelbewegung zu Beginn des
20. Jahrhunderts, die sich nach dem Ersten Weltkrieg zunehmend politisierte und
zu einer sozialen Bewegung entwickelte. Sie war maßgeblich an der Durchsetzung
der Prohibitionsgesetze beteiligt und erzielte ihren größten politischen Erfolg
mit dem Verbot der Verbreitung der Darwin'schen Evolutionstheorie an
öffentlichen Schulen in mehreren Bundesstaaten. Insbesondere der 1925 gegen
einen Lehrer in Tennessee geführte "Affenprozess" prägte das Image der
Fundamentalisten als antimodernistische Hinterwäldler. Die damalige Überzeugung,
dass diese Strömung durch die Verbreitung von Bildung und urbaner Kultur in der
amerikanischen Gesellschaft automatisch verschwinden werde, bewahrheitete sich
jedoch nicht.
Bestens organisiert
Mittlerweile präsentiert sich der Fundamentalismus nämlich als starke und
bestens organisierte Bewegung mit zahlreichen politisch und gesellschaftlich
höchst einflussreichen Institutionen sowie eigenen Fernsehstationen, über die
ein Millionenpublikum in der gesamten USA erreicht wird. In christlichen
Elite-Colleges wird der religiöse Nachwuchs gezielt auf eine politische Karriere
vorbereitet.
Bereits während des Studiums können Interessierte durch Praktika im Weißen
Haus oder die Mitarbeit in Wahlkampfteams konservativer Abgeordneter erste
politische Erfahrungen sammeln und die Kunst des politischen "Networking" üben.
Während die Ausbildung an derartigen Colleges zurzeit noch ein
Minderheitenprogramm ist, sind fundamentalistische Überzeugungen in der
amerikanischen Bevölkerung weit verbreitet. So lehnt nach einer Untersuchung des
Wochenmagazins Newsweek rund die Hälfte aller US-Amerikaner die
Evolutionstheorie ab und glaubt, Gott habe den Menschen in den letzten
Jahrtausenden in seiner gegenwärtigen Form erschaffen. Zahlreiche
fundamentalistische Religionsgemeinschaften ermuntern ihre Mitglieder, die
eigenen Sprösslinge aus Respekt vor der reinen Lehre selbst zu unterrichten.
Was aber treibt Menschen dazu, sich angesichts des enorm vielfältigen
religiösen Angebots in den USA gerade fundamentalistischen Gemeinschaften
anzuschließen? Eine Frage, die sich Markus Löhnert in seiner Dissertation
speziell in Bezug auf Frauen stellte: "Diese Kirchen sind streng hierarchisch
strukturiert und Frauen spielen eine sehr untergeordnete Rolle. Dennoch ist ein
Großteil ihrer Mitglieder weiblich." Um dieses Phänomen genauer zu untersuchen,
hat Löhnert umfangreiche Interviews mit weiblichen Mitgliedern der unabhängigen
Bibelkirche "Community Bible Church" geführt.
Was also bewegte diese großteils gut ausgebildeten Frauen dazu, sich einer
kleinen, fundamentalistischen Religionsgemeinschaft anzuschließen, in der sie so
viel weniger zählen als Männer? "Entsprechend der 'Theory of Religion', bei der
es um das Abwägen von Kosten und Nutzen im Entscheidungsprozess geht, hat auch
für diese Frauen der nicht nur im Jenseits zu erwartende Nutzen durchaus
überwogen", sagt Löhnert. "Er besteht vor allem in der Überzeugung, einer
eingeschworenen, unzerstörbaren Gemeinschaft anzugehören. Dieses Gefühl, in
einem absolut sicheren sozialen Netz geborgen zu sein, ergibt sich nicht zuletzt
aus der Kleinheit der Gruppe. Die strengen religiösen Überzeugungen stärken
zudem den Glauben, nach der Apokalypse zur Gruppe der Auserwählten zu gehören."
Diese Erlösungsgewissheit sowie das Gefühl sozialer Geborgenheit in einer
exklusiven Gemeinschaft wiegen die Geschlechtsdiskriminierung auf. Wobei ihre
untergeordnete Rolle von den Frauen selbst keineswegs als negativ wahrgenommen
werde, sondern als gottgewollte Aufgabenteilung zwischen Mann und Frau.
Politisch-spiritueller Konsens
Warum sich der christliche Fundamentalismus in den USA so weit verbreiten und
bis heute erhalten konnte, erklärt Löhnert mit der amerikanischen Geschichte:
"Die USA wurden von religiösen Flüchtlingen gegründet, die in das biblische
'neue Jerusalem' aufgebrochen waren, um einen Staat nach ihren Glaubensvorgaben
und ihren demokratischen Überzeugungen zu gründen." Ein politisch-spiritueller
Grundkonsens, der unterschwellig von Generation zu Generation weitergegeben
worden sei. "In den amerikanischen Köpfen hat sich über die Zeit hinweg eine Art
'staatsbürgerliches Religionsempfinden' verankert. Für einen guten Amerikaner
gehört es sich einfach, religiös zu sein." Die meisten Reden amerikanischer
Politiker enden dementsprechend mit "God bless you" - was in Europa jenseits
religiöser Versammlungen wohl Befremden auslösen würde. (DER STANDARD, Printausgabe, 08.02.2012)