Fakten und Fiktionen im Pensionsstreit

7. Februar 2012, 18:09
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Verhätschelte und arbeitsscheue Frührentner bringen das heimische Pensionssystem zum Kippen - oder? Gängige Vorurteile in der Pensionsdebatte am Prüfstand

Behauptung: Die Österreicher sind Frühpensionsweltmeister.

Fakten: Stimmt fast. Nur Luxemburger und Slowakinnen gehen im Schnitt jünger in Pension als die Österreicher (Männer 59,1 Jahre, Frauen 57,1 Jahre); 1972 lag das Antrittsalter noch bei knapp 62 Jahren. Den Schnitt drücken vor allem die Invaliditätspensionisten, die ein knappes Drittel aller neuen Pensionisten eines Jahres stellen und im Alter von 53,5 bzw. 50 Jahren in den Ruhestand treten.

Behauptung: Das Pensionssystem steht vor dem Zusammenbruch.

Fakten: Die Lebenserwartung steigt pro Dekade um zwei bis drei Jahre, die Zahl der Menschen über 65 von aktuell 1,47 Millionen auf 2,56 Millionen im Jahr 2050. Gleichzeitig wird die Bevölkerung im erwerbstätigen Alter, die ja die laufenden Pensionen zahlen soll, schrumpfen. Dennoch ist die Analogie zum Pyramidenspiel, das an einem bestimmten Punkt zwangsläufig kollabiert, falsch. Seit je her werden die Pensionen nicht nur mit den Beiträgen der Erwerbstätigen, sondern auch mit Steuergeld finanziert. Wie hoch der Zuschuss und die Beiträge sein dürfen, ist eine Frage des politischen Willens und der budgetären Möglichkeiten.

Behauptung: Die Pensionskosten explodieren.

Fakten: Tatsächlich schwillt der Steuerzuschuss stark an, weil die Beiträge aufgrund frühen Pensionsantritts und längerer Lebenserwartung einen immer kleineren Teil der Pensionen decken. Statt derzeit knapp 3,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (9,1 Milliarden) müsste der Staat laut Pensionskommission - sofern Reformen ausbleiben - in 40 Jahren bereits 6,2 Prozent ins System buttern; danach soll der Aufwand gemäß demografischer Vorschau wieder sinken. Prognosen zeigen aber auch, dass Einsparungen dank der langfristig wirkenden Abschaffung der Beamtenpensionen einen guten Teil der Kosten aufwiegen. Alle Pensionen zusammengerechnet, steigen die staatlichen Ausgaben demnach von aktuell gut sechs Prozent auf 7,3 Prozent des BIPs anno 2040.

Behauptung: Die Jungen von heute werden ohnehin einmal keine nennenswerte Pension mehr bekommen.

Fakten: Das behaupten Verkäufer privater Pensionsversicherungen, aber nicht die unabhängigen Experten. Das System könne sichere Leistungen bieten, so der Tenor, wenn die Politik vor allem ein Ziel ernst nehme: dass die Menschen später in Pension gehen. Um wie viele Jahre? Die Meinungen zum notwendigen Antrittsalter reichen von 64 bis knapp 70 Jahren im Jahr 2050. Aber: Wegen der allmählich greifenden Pensionsreformen werden Pensionisten in der Zukunft gegenüber ihrem letzten Berufsgehalt in der Regel größere Abstriche hinnehmen müssen als frühere Generationen.

Behauptung: Invaliditätspensionisten sind vielfach Tachinierer.

Fakten: Die Statistik bestätigt dieses Vorurteil nicht. Nur ein Viertel der Männer und ein Fünftel der Frauen trat aus einem aufrechten Dienstverhältnis in die Invaliditätspension. 37 bzw. 31 Prozent amen aus der Arbeitslosigkeit, 28 bzw. 35 Prozent bezogen zuvor Krankengeld - nach Freiwilligkeit klingt das nicht. Im Schnitt sterben die Betroffenen mit 69,2 (Männer) und 70,9 Jahren (Frauen), also um elf Jahre früher als Alterspensionisten. Allerdings sage letztere Zahl nur etwas über die Generation der "alten" Invaliditätsrentner aus, die sich im Job noch körperlich ruiniert habe, wenden Skeptiker ein. Mittlerweile aber macht bereits ein Drittel der Neo-Invaliden psychische Leiden geltend, die schwer nachzuweisen sind. Außerdem könnte es gerade die frühe Inaktivität sein, die zum rasanten Verfall führt.

Behauptung: Während alle anderen sparen müssen, bekommen die Pensionisten jedes Jahr eine Erhöhung.

Fakten: Gilt für niedrige Pensionen in den vergangenen fünf Jahren, als das jährliche Plus mitunter auch über der Inflationsrate lag - hohe Pensionen lagen in fast jedem Jahr darunter. In den fünf Jahren davor mussten die Pensionisten mangels adäquater Erhöhung hingegen durchwegs einen Kaufkraftverlust hinnehmen. Männliche Alterspensionisten beziehen im Schnitt 1437 Euro, Frauen 855 Euro. Invaliditätspensionisten kommen auf 1130 bzw. 788 Euro. (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 8.2.2012)

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