Russen empfinden massive Kritik des Westens an Uno-Veto als unangebracht
Das Veto Russlands gegen die UN-Resolution zu Syrien hat den Westen
aufgebracht. Russlands Außenminister Sergej Lawrow hatte die Reaktion
"hysterisch" genannt - und auch die meisten Russen sehen sich mit ihrer
Position im Recht: Der Fall Libyen ist in Russland noch lang nicht
vergessen.
Damals hat Moskau eine Resolution durchgewunken, die eigentlich zur
Durchsetzung einer Flugverbotszone zum Schutz der Zivilbevölkerung
dienen sollte. Am Ende bombardierten die USA, Großbritannien und
Frankreich damit die Gegner Muammar Gaddafis zum Sieg.
Moskau stand mit leeren Händen da. Viele Russen fühlten sich betrogen.
Dies gilt als ein Grund für Wladimir Putins Rückkehr ins Präsidentenamt.
Putin hatte die Entscheidung, die Resolution abzunicken, schon damals
kritisiert.
Es geht Russland nicht um prinzipiellen Artenschutz für Diktatoren wie
Gaddafi in Libyen oder Bashar al-Assad. Vielmehr schätzt Moskau
traditionell Stabilität und Berechenbarkeit. In Libyen tobt nach dem Tod
Gaddafis ein Machtkampf zwischen Revolutionsbrigaden und Übergangsrat,
und "wer in Syrien hinter der Opposition steht, weiß derzeit niemand",
meint der Außenpolitikexperte Fjodor Lukjanow.
Angst vor Krieg
Moskau habe durchaus eigene Interessen in Damaskus, räumt der Politologe
ein, immerhin sei Syrien der siebtgrößte Waffenkunde Russlands, das dort
zugleich eine Militärbasis unterhält. Doch daneben habe Russland
berechtigte Furcht vor einem Krieg, wenn es der Resolution zustimme,
sagt Lukjanow.
"Die Resolution enthält eine Rücktrittsforderung an Assad, die dieser
ablehnen wird. Danach kann der Sicherheitsrat nicht von seinem Ultimatum
abrücken und das bedeutet im Endeffekt, dass es unweigerlich zum Krieg
in Syrien kommt", erläutert Lukjanow Moskaus Abwehrhaltung.
Moskau, das auch die Opposition für Gewalt verantwortlich macht,
fürchtet mit dem Sturz Assads zudem eine Schwächung des Iran, die laut
Lukjanow speziell von Saudi-Arabien und Katar betrieben wird. Der Iran
ist einer der letzten Verbündeten Russlands in der Region, beide Länder
sind auch wirtschaftlich eng verbunden. Stattdessen ein instabiles
islamistisches Land an seiner Südflanke zu haben ist für Russland kein
beruhigender Gedanke. (DER STANDARD Printausgabe, 8.2.2012)