Vor Wahlen im Mai

Patriotische Konfusion in Serbien

Analyse | Andrej Ivanji aus Belgrad, 8. Februar 2012, 06:15
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    foto: reuters

    Selbst Serbiens Patriarch Irenej kam zum Jahrestag nach Banja Luka.

Die Regierung und Präsident Tadic versuchen vor den Wahlen im Mai den Spagat zwischen einem proeuropäischen und einem patriotischen Kurs

Die Parlaments- und Kommunalwahlen, die Anfang Mai in Serbien stattfinden werden, sind noch nicht einmal formal ausgeschrieben, da lähmt der Wahlkampf bereits das Land. Mit einer absoluten Mehrheit kann niemand rechnen, einen klaren Vorsprung hat allerdings die oppositionelle "Serbische Fortschrittspartei" (SNS), die sich vor rund drei Jahren von der ultranationalistischen "Serbischen Radikalen Partei" abgespaltet hat. Die Nervosität in der regierenden Koalition ist deutlich zu spüren, die Staatsspitze hütet sich, vor den Wahlen irgendwelche drastischen Maßnahmen zu treffen.

Man spricht immer öfter von einer "Regierung der Technokraten". Einige Minister haben sie bereits verlassen. Nachdem die mitregierende "Serbische Erneuerungsbewegung" (SPO) wegen des Streits über den Kosovo das Parlament bereits demonstrativ verlassen hat, vermeidet man zwar den Ausdruck "Parlamentskrise", doch die Regierung hat praktisch keine parlamentarische Mehrheit mehr. Die SPO fordert einen deutlichen Kurswechsel in der serbischen Kosovo-Politik, die den Integrationsprozess Serbiens in die EU blockiert. Doch den wird es nicht geben. Bei der herrschenden EU-Skepsis ist es in der Wahlkampagne für die regierenden Parteien und Staatspräsident Boris Tadic wichtiger, sich bei den Wählern als Hüter der "territorialen Integrität und Souveränität Serbiens" zu präsentieren, als den Forderungen, vor allem Deutschlands, nachzugeben, und im letzten Augenblick vor den Wahlen vielleicht doch noch den Kandidatenstatus zu erhalten. Darüber wird der EU-Ministerrat am Monatsende entscheiden.

Belgrad kündigte jedenfalls an, dass die serbischen Wahlen auch im Kosovo ausgeschrieben werden, was sicher nicht zur Entspannung der Lage beitragen wird. Trotz der wirtschaftlichen und sozialen Krise und obwohl die Regierung für eine "europäische Zukunft" Serbiens steht, dominieren patriotische Wahlsprüche. Präsident Tadic und seine "Demokratische Partei" (DS) haben sich dermaßen in politischen Widersprüchen verwickelt - "Kosovo und Europa", "Amerika und Russland", "rechts und links", ein "einheitliches Bosnien und die Unterstützung der serbischen Entität Republika Srpska (RS)" -, dass man die außenpolitischen Prioritäten nicht mehr erkennen kann.

Rückkehr in die 1990er

Innenpolitisch führt das zu Konfusion, der Fokus auf das Nationale wirkt vertraut. Medien berichten über die "Rückkehr der Stimmung aus den 1990er-Kriegsjahren". Wirtschaftsexperten warnen, dass ein politischer Stillstand, der durch die Koalitionsverhandlungen ein halbes Jahr dauern könnte, verheerend wäre. Serbien droht heuer die Rezession. Von "patriotischer Aufregung" zeugt auch die "hysterische" Entlassung des Direktors der serbischen Nationalbibliothek Sreten Ugricic. Anfang Jänner wohnte die gesamte serbische Staatsspitze dem zwanzigsten Jahrestag der RS in Banja Luka bei. In der Halle, in der die Zeremonie stattfand, entdeckte die Polizei ein Waffenarsenal. Der montenegrinische Schriftsteller Andrej Nikolaidis schrieb darauf ironisch in einem Text über die "neue Hegemonie Serbiens": "Es wäre ein zivilisatorischer Schritt nach vorne, wenn die Gewehre und das Explosive in Banja Luka gebraucht worden wären."

Wegen dieses aus dem Kontext gerissenen Satzes war Nikolaidis einer medialen Hetzjagd in Serbien ausgesetzt. Der serbische Bibliotheksdirektor unterzeichnete eine Petition, die sich für die Meinungsfreiheit von Nikolaidis einsetzt - und wurde im Eilverfahren von der Regierung gefeuert. Die Begründung: Ugricic "unterstütze Terrorismus". Ugricic könne (die Meinungsfreiheit) "aus dem Gefängnis, und nicht als Direktor der Nationalbibliothek unterstützen", erklärte Innenminister und Vizepremier Ivica Dacic. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.2.2012)

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Miki Smiljanic
01
16.2.2012, 22:21

Die einzige Bewegung, die sich dieses Jahr auch zur Wahl stellt, die Serbien neuen Schwung geben kann sind DVERI... alle anderen haben schon in den letzten 20Jahren gezeigt das sie unfähig sind das Land zu führen.

chilly76
 
00
21.2.2012, 00:10
das wird die positive überaschung des jahres

aber so wie ich die bisherigen linken machthaber und rechte oposition kenne werden die um die macht zu erhallten oder erlangen eine grosse koalition machen. dem stehen sogar die westlichen botschafter nicht abgeneigt gegenüber..... die haben angst vom normalem volk und dveri steht momentan für das normale volk. siehe sloweniens letzte wahlen

kroate061
85
Bei den Wettwebedingungen kommen diese zotteligen Bärte auf dem Foto gerade richtig

da sind meine katholischen Seelsorger eindeutig im nachteil. die serben wußten sich immer den politischen und witterungsumständen besser anzupassen.freut mich das die serben wieder den weg in die kirche gefunden haben.,-)

Der_Klingone
06

Ach, das ist völlig normal so.

Wenn man mal wieder zeigen möchte wie brutal nationalistisch die Serben sind, dann machen sich eben Bilder bärtiger Popen immer ganz gut. Die haben was befremdliches für den weltoffenen Westbürger :-))

chilly76
 
17
nunja wieso man hier verschweigt das nikolaidis politisch in der regierung montenegros tätig ist

wenn politiker bedauern das ein bombenanschlag gerichtet an die serbischen politiker geistliche und künstler nicht geklappt hat ...also bitte. anscheinend stört es die gelenkten medien im westen mehr das in serbien wahlkampf ist als solche aussagen die man auch mit den 90ern vergleichen kann. die spo ist ne zwerg partei...und die euist nicht wichtiger wie die menschen.

Lord Chaos
75

Verstehe das wer will. Aber früher oder später wird auch die Mehrheit der serbischen Bevölkerung kapieren, dass man patriotische Phrasen nicht essen kann.
Bis dahin tun mir die Vernünftigen dort wirklich leid.

NANANANANANANANA BATMAN
01
10.2.2012, 04:22
die leute wissen aber auch nicht so recht

was sie nach den bomben so erwarten dürfen...

K 3
26

Was soll das bedeuten "nicht essen" ?
In Serbien produzierte Traktoren werden in Bayern besungen:
http://www.youtube.com/watch?v=G9gxh9M4-VE
und in Südafrika beworben:
http://www.youtube.com/watch?v=CQ0vYIq6rwQ

stan73
12
Haben Sie durch die Traktoren jetzt die Weltherrschaft ins Auge gefasst?

Läuft bei Ihnen in Serbien wirtschaftlich alles perfekt?
Sollten Sie sich nicht darum kümmern, Ihrer Bevölkerung eine langfristige stabile Wirtschaft zur Verfügung zu stellen? Ist es nicht Ihre patriotische Pflicht, dafür zu sorgen, dass Serbien in 10 Jahren immer noch in der europ. Wirtschaft mitspielen kann ohne Hilfen irgendwelcher Rettungs- und Sanierungsfonds?

Der Vorschlag lautet:
Nehmen Sie es gelassen, schaffen Sie die Nationalisten ab und leben SIe mit uns in gutnachbarschaftlicher Koexistenz zusammen.

K 3
03

Die Traktoren haben eine lange Geschichte. Nämlich nach der Jalta Konferenz, wo Stalin, Churchill und Roosevelt die Welt unter sich aufteilten, trafen sich Tito und Mussolini, weil ein jugoslawischer Diplomat auch in Yalta gewesen war, welcher aus Yalta mit de Gaulle telefoniert hatte. Mussolini, der neugierig war, brachte Tito als Geschenk einen kleinen Traktor sogenannten Motokultivator mit, dieser arbeitet noch heute bei mir im Weingarten. Schließlich kamen Jahrzehnte später zu Titos Begräbnis so ziemlich alle Staatschefs dieser Welt.

a_waunsinniga
125
arme Serben

Auf der einen Seite eine Partei, die der EU soweit wie möglich in den Arxxx kriecht, in der Hoffnung, dass alles besser wird. Dass die europäischen Staaten nur darauf warten, die serbische Wirtschaft komplett zu zerstören (keine serbischen Artikel mehr im Supermarkt, Preise auf europäischem Niveau), das wird nicht erkannt.

Auf der anderen Seite psychisch Kranke Kriegsfanatiker, die hoffen, dass sie das alte Kriegsspielzeug nochmal einsetzen dürfen.

Eine Mischung aus beidem, wäre wohl das Beste für das Land und die Menschen!

Wirtschaftsflüchtling am Balkan
01

Letztens im serbischen Supermarkt hab ich doch tatsächlich eine Tafel Milka Schokolade gefunden. :)

Im Ernst die EU-Firmen sind bereits in den Supermärkten. Oft mit Preisen wie in der EU.

a_waunsinniga
22

war erst vor kurzem in Belgrad, weil ich mir mal einen persönlichen Eindruck machen wollte von diesem Land. Natürlich gibt es schon sehr viele europäische Produkte zu europäischen Preisen (meistens teurer aufgrund von weiteren Transportwegen).

Aber wenn Sie mal in einen Supermarkt in der Slowakei, Tschechien oder Ungarn gehen (ich wohne teilweise in Bratislava), dann finden Sie die gleichen Produkte wie in Österreich. Meistens ist es so, dass die Verpackung die gleiche ist (also auf Deutsch) und dann irgendwo ein weißer Zettel aufgeklebt ist mit den Inhaltsstoffen auf slowakisch. Abgepackte Wurst aus Österreich ist die Mehrheit. Obst ist z.B. um 30 % teurer in SK in der Billa als 10 km weiter in Ö.

chilly76
 
04
das bekannte probem

wie zb lidl die bananen die in deutschland nicht mehr schön ausschuen und matschig geworden sind nach kroatien verfrachten und noch teuerer verkaufen.... die 1a ware landet hier in den regalen und die 2. 3. wahl kommt auswärts.

a_waunsinniga
00

naja.. bei Lebensmittel bezweifel ich das schon stark, aber es stimmt schon in gewissen Maße. Ich weiß, dass Hornbach in Österreich reklamierte Ware oder Fehlproduktionen in die Slowakei schickt!

chilly76
 
01
zumindest hat es wikileaks aufgedekt

depesche des us botschafters aus zagreb

K 3
00

Money makes the world go round.
In den vergangenen Jahren wurde Serbien zum primären Investitionsland in Mittel- und Osteuropa, wobei zu erwähnen ist, daß viele Investoren, die nach Serbien kommen, Geschäfte zwischen Serbien und anderen Staaten begründen, wodurch Belgrad auf dem Weg ist eine internationale Investitionsdrehscheibe zu werden. Unter den größten Unternehmen sind zu nennen:
FIAT, Telenor, Stada, US Steel, Michelin, Gazprom, Siemens, Intesa Sanpaolo, Ball Packaging Europe, METRO Cash & Carry, Africa-ISrael Corporation/Tidhar Group. Die meisten Investitionen kamen aus Österreich gefolgt von Griechenland, Norwegen, Niederlanden, Deutschland, Italien, Slowenien, Russland, Frankreich, Belgien, Dänemark, Israel und Luxembourg.

Wirtschaftsflüchtling am Balkan
00

Die weißen aufgeklebten Zettel mit den Inhaltsstoffen sind mir hier auch schon aufgefallen, auch wenn nicht immer Deutsch darunter ist. Beim Mc Donalds ist zumindest die Sour-Cream Souce in Deutsch angeschrieben. :)
Die abgepackte Wurst hier ist auch öfters aus Österreich. Am Anfang als ich hergezogen bin hab ich mich noch darüber gefreut. Seitdem ich rausgefunden habe, dass die meisten Lokalen Produkte besser schmecken bin ich da nicht mehr so nationalistisch unterwegs.:)
Ich war noch nie in Ungarn, Tschechien oder der Slowakei im Supermarkt. Da fehlt mir der Vergleich mir ist nur die Menge an EU-Produkten am Anfang aufgefallen.
Ich hoffe sie hatten einen positiven Eindruck von Belgrad.

Slozni_smo
01
Also ich kaufe hier

in Österreich in einem Kaff mit 4000 Einwohnern regelmäßig Evrocreme, Lane Kekse (Plazmakeks), Kiki Zuckerl etc. ein ... soviel zum Thema serbische Produkte in Supermärkten ;-)

Wirtschaftsflüchtling am Balkan
00

Ich hab ja gesagt, das die Produkte gut sind. Vor allem die Plazmakeks. :)
Am besten ist die Wiener (Becka) Wurst. Da liegt daneben die vom Sorger und nachdem man mal beide gegessen hat, will man die vom Sorger nicht mehr essen.

a_waunsinniga
00

darum geht es ja genau... diese Produkte sind gut (ich liebe Kiki, im Merkur erhältlich), aber die meisten einheimischen Produkte verschwinden dann. Viele Konzerne haben nach der Wende z.B. coca Cola einheimische #Produkte aufgekauft und die Marken vom Markt verschwinden lassen um nur noch wenig Konkurrenz zu haben. Und das war leider in jedem neuen EU-Land so. Wir Österreicher (EU) erweitern uns ja nicht, weil wir so nett sind und den Leuten helfen möchten. Wir brauchen mehr Märkte und immer billigere Arbeitskräfte, damit wir uns den Wohlstand leisten können. Ich als Österreicher finde das verdammt schade und trotzdem freue ich mich, dass ich das 10 fache bekomme, wie ein Serbe für die GLEICHE Arbeit!

K 3
01

Eine Mischung aus beidem:

Coca Cola übersiedelt ins Burgenland:
http://derstandard.at/132816236... Burgenland

Iran und Russland investieren im Irak:
http://tehrantimes.com/economy-a... -with-iraq
http://de.rian.ru/business/... 09356.html

und ein neues Tito Musikvideo:
http://www.youtube.com/watch?v=KQYxtRESLvg

stan73
43
Ein Patriot ist der/ die, welcher für sein Land kein Leid und keinen Schaden hervorbringt.

Jeder soll selbst entscheiden, welche politischen/ milit. Personen in Serbien der letzten 20 Jahre Patrioten waren.

Waren die Serben im ehem. Jugoslawien eigentlich auch immer so skeptisch?

Die Serben befürchten Ihre nationale Identität am stärksten, und wundern sich dabei, warum Ihre Nachbarn auch lieber eine eigene Identität haben wollten.

Enver Morina1
11
Politische Konfusion in Serbien?

Man kann es auch versuchen zu erklären, indem man die Worte Alexander Puschkins ein wenig variiert:
die serbische Politik zu säuberen bedeutet Toiletten putzen. Der Teufel hat Vuk Jeremic einfallen lassen, in Serbien geboren zu werden, mit einer Seele und mit Talent.

Der_Klingone
34

1. (Überschrift): Leere Phrase

2. Leider nicht. Bis sie merkten das was schief läuft war es schon zu spät.

3. Die Serben befürchten Ihre eigene Identität nicht. Ganz im Gegenteil - bis auf wenige Ausnahmen sind sie die einzigen, welche ihre Identität nicht zumindest 2 x gewechselt hätten.

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