Antoni Tàpies gestorben

7. Februar 2012, 20:07

Materialmeditationen über Leben, Tod und Trauer: Der spanische Meister des Informel starb 88-jährig

Wien - Das Malen hat Antoni Tàpies oft als magische Transformation beschrieben. Ein Vorgang, der einfachste Materialien wie Staub, Erde, Pigment, Sand und Stofffetzen zu etwas Erhabenem werden ließ. Aus einfachsten Materialien schuf er melancholische, ernste und graue, materialdichte Gemälde mit geradezu plastischen Qualitäten. Die Werkstoffe waren nicht mehr nur Mittel zum Zweck, sondern wurden selbst zum Bedeutungsträger. Dicke Materialschichten durchzog Tàpies mit Spuren und Rissen - Lebensspuren. Malen sei "ein Akt der Verwandlung", der, intensiv erlebt, auch die Seele neu erschaffen könne.

Als Tàpies, der malerische Autodidakt aus wohlsituiertem, der Literatur und Kunst nahestendem Elternhaus, mit der Malerei beginnt, hat er sich auch gerade neu erschaffen; er war soeben von Tuberkulose genesen, die ihn zwei Jahre ans Krankenbett gefesselt hatte. Eine Zeit, die sein Leben grundlegend veränderte. "Die Tage schienen stillzustehen, meine Gedanken sich aber umso mehr zu überschlagen." Alles, was er gelernt hatte, stellte er in Frage, brach mit alten Gewohnheiten, gab sein Jus-Studium auf, wurde Künstler. Surrealismus, Dadaismus und Art Brut beeinflussten ihn; auch die Kunst Joan Mirós war zu Beginn prägend.

Tàpies war politisch, seine Bilder nicht. Zunächst zwischen der gemäßigt rechten Einstellung seiner Mutter und der des Vaters, einem glühenden Linken, hin- und hergerissen, bezog der Katalane später klar gegen das Franco-Regime Stellung. 1966 brachte ihm dies eine Gefängnisstrafe ein.

Künstlerisch prägender schien hingegen der Bürgerkrieg (1936-1939), den der 1923 Geborene als Teenager erlebte: Der Krieg sei eine Feuerprobe für die menschliche Natur, die das Gute und Böse in ihr zu Tage fördere. Und so stand der Mensch stets im Fokus seiner informellen Arbeiten. Mit Zeichen und Flecken übersät, bilden sie nichts ab, folgen keinen ästhetischen Kriterien, sie suggerieren jedoch die Anwesenheit eines Menschen, zeigen seine Spuren.

Auch die Spuren und Narben der Hauswände faszinierten den Künstler. Das Trennende, Begrenzende habe ihn daran ebenso interessiert, wie die Wand als Schreibfläche. Bereits in seiner Kindheit machten auf dem Weg zu seinen Großeltern im gotischen Viertel Barcelonas, die uralten Mauern mit ihren Rissen und Kratzern - während des Bürgerkriegs mit Parolen beschmierten und mit Plakaten beklebt - großen Eindruck auf ihn. So entstand der gewisse Graffiti-Look seiner Bilder. "Man sagt, der Name eines Menschen hat oft großen Einfluss auf das Schicksal eines Menschen. Tàpies bedeutet im katalanischen 'Mauer'".

"Meine Malerei ist eine Meditation über die Natur des Menschen", über Leben und Tod, sagte Tàpies, der sich schon früh für fernöstliche Mystik, Taoismus und Zen-Buddhismus interessierte. Todesbesessen sei er, weil Kreuze in fast jedem seiner Bilder vorkämen, hieß es. Tàpies relativierte das. Das Kreuz war für ihn universelles Symbol, da mehr als nur Zeichen des Todes und des Christentums, es stünde für die Koordinaten des Raumes, die Markierung von Orten, ebenso wie für Zerstörung und Negation. Im Grunde ginge es ihm sogar weniger darum, den Menschen in seiner Beschäftigung mit dem Tod zu helfen, als in jener mit der Trauer, einem "unausweichlichen Teil unseres Lebens."

Versunken und hochkonzentriert, geradezu rastlos zeigt ihn eine Dokumentation an der leeren, am Boden liegenden Leinwand auf- und abgehen. Immer wieder blickt er prüfend in den Eimer mit seinem Material, dann fokussiert er wieder die Leinwand, geht weiter auf und ab.

Das Beenden eines Bildes sei stets schwierig. Den richtigen Augenblick zum Aufhören zu verpassen, oder ein Bild zu überladen, jage ihm Angst ein, gestand Tàpies einmal: Diese Angst zwinge ihn dazu „aus jedem Pinselstrich das Beste zu machen, meine Farben erbarmungslos zu beschränken. Viele meiner Bilder haben daher vielleicht eher den Makel der Untertreibung als den des Exzesses."

Die Bedeutung eines Kunstwerks liege in der Kraft, das Bewusstsein so zu verändern, dass man - zumindest für Momente - eine höhere Realität wahrnimmt. In dieser Hinsicht verglich er Kunst oft mit Alchemie. Seine Zaubereien brachten den mit Preisen und Ehren überhäuften Künstler und Theoretiker ins New Yorker Museum of Modern Art, mehrfach zur Documenta und zur Biennale Venedig. Seine Materialästhetik hatte Tàpies bekannt gemacht und sie beeinflusste viele nachfolgende Künstler, darunter etwa Anselm Kiefer.

Seit 1984 hat er in seiner Heimatstadt Barcelona ein eigenes Museum (eine Ehre, die vorher nur Pablo Picasso und Joan Miró, so wie er katalanische Künstler, zuteil wurde): die Stiftung Antoni Tàpies. Zeit seines Lebens arbeitete er in Barcelona; er besaß aber auch ein Refugium in den Hügeln, in Montseny in der Nähe der Costa Brava, wohin er sich bisweilen zum Malen zurückzog.

Große Wiener Schauen fanden 1968 im Museum des 20. Jahrhunderts und 1986 im Künstlerhaus statt. 1998 zeigte die Kunsthalle Krems einen Überblick über sein späteres, nach 1981 entstandenes Werk.

Ausgerechnet in der, der Posie des Verfalls gewidmeten Ausstellung "Schönheit und Vergänglichkeit" (Herbst 2011) in der Klosterneuburger Sammlung Essl waren zuletzt Arbeiten von Tàpies in Österreich zu sehen. Sein Tagebuch in Bildtafeln („Dietari I-V", 2002) thematisierte Elementares wie Schlafen, Essen und Verdauen: eine Vergewisserung des eigenen Seins, des lebendig seins in der Verrichtung alltäglichster Dinge. So wie die Fußspuren auf einem dieser Arbeiten, an jemanden erinnern, der bereits gegangen ist - an jemanden, der von der Bildfläche verschwunden ist. Jetzt erinnern sie an Antoni Tàpies. Am Montag ist er im Alter von 88 Jahren in Barcelona gestorben. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD - Printausgabe/Langfassung, 8. Februar 2012)

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    Der 86-jährige Antoni Tàpies grüßt vor einer seiner Arbeiten in der Stiftung Tàpies in Barcelona.

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