Aufstand des fliegenden Fleisches

Interview7. Februar 2012, 17:25
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Der Choreografin Doris Uhlich ist eine Retrospektive gewidmet - Die Oberösterreicherin über tanzende Mütter und den Körper als Politthema

Wien - Werkschauen von Choreografen passieren höchst selten. Doris Uhlich hat es nach nur fünf Jahren geschafft. Das besondere Talent der Oberösterreicherin, Menschen von der Straße auf die Bühne zu holen, macht sie zu einer der meistbeachteten österreichischen Choreografinnen.

STANDARD: In Ihren Arbeiten treten Menschen ohne Bühnenerfahrung auf. Gärtner, Pensionisten und sogar Ihre Mutter. Warum wirken sie nie wie "Laienschauspieler"?

Uhlich: Ich bin bei Proben wie ein offenes Buch. Und ich versuche zu vermitteln: Du musst einen performativen Zustand erreichen, der mit dir zu tun hat. Die Leute proben dann einen bestimmten Teil von sich selbst.

STANDARD: Was interessiert Sie an diesen Leuten?

Uhlich: Ich sehe in ihnen Dinge, die ausgebildete Tänzer wie ich nicht haben. Und ich sehe den Tanz in jeder Biografie. Also in allem, was Mütter, Gärtner, aber auch Balletttänzer eben tagtäglich tun. Diese Spuren eröffnen mir Tanzwelten, sobald ich sie nach außen kehre und in einen Kontext setze.

STANDARD: Sie haben eine Tanzausbildung genossen und waren gleich anschließend ab 2002 beim Theatercombinat engagiert. Warum?

Uhlich: Nach dem Diplomabschluss hat mich der Tanz, den ich gelernt habe, nicht mehr so interessiert. Eigentlich wollte ich Wien verlassen. Dann kam aber die Eröffnung des Tanzquartiers - ein neuer Treffpunkt mit Theorieanbindung. Dort hat mich Claudia Bosse vom Theatercombinat angesprochen. Ich war bei einer Probe und habe gesehen, dass es noch mehr zu erfahren gibt. Es war wie ein Befreiungsschlag.

STANDARD: Warum beschlossen Sie, eigene Arbeiten zu machen?

Uhlich: Der Anstoß kam von Bettina Kogler, der Kuratorin des Imagetanz-Festivals. Sie fand das Gespräch mit mir über Tanz und Performance interessant und hat gefragt, ob ich einmal etwas machen will. So ist 2006 das Projekt insert.eins/eskapade entstanden.

STANDARD: Ein Teil davon war im Bellariakino zu erleben, der andere im Künstlerhaustheater. Wie kam das?

Uhlich: Im Bellaria werden diese Heile-Welt-Filme aus der Kriegszeit zelebriert. Es hat mich interessiert, Paula Wessely und Zarah Leander aus dem Film zu zerren, in unsere heutigen Körper einzupflanzen und zu schauen, wie der ganze Glamour eigentlich entsteht. Es hat in mir richtig gebrodelt. Das spüre ich jetzt noch, wenn ich darüber rede. Vielleicht drehe ich selbst einmal Filme ...

STANDARD: Haben Sie das mit Ihrer Dramaturgin Andrea Salzmann nicht schon gemacht - den Kurzfilm "sackl du printemps"?

Uhlich: Stimmt! 2011 hat mich Claus Philipp eingeladen, im Stadtkino etwas zu machen. Herausgekommen ist Sneak Preview. Daran möchte ich 2013 nach Come Back weiterarbeiten.

STANDARD: "Come Back" ist Ihr nächstes Projekt?

Uhlich: Ja, ein Gruppenstück mit Balletttänzern als Abschluss einer Trilogie, deren 1. Teil Spitze und der zweite Rising Swan war. Mit vier Damen und einem Herrn, zwischen 55 und 69 Jahren. Das tänzerische Ziel im Ballett ist es ja, vom Boden wegzukommen. Irgendwann ist das den Tänzern nicht mehr möglich. Dann müssen sie gehen. Und ich sage, kommt zurück zu mir, und "samma schwer". Ich kippe das System. Da bin ich sehr in der Gegenwart: Es sind hierarchische Systeme, die gerade gestürzt werden. Das wird sich auch bei Come Back widerspiegeln. Anders als im Ballett sind Tänzer hier nicht ersetzbar.

STANDARD: Unterrichten Sie auch?

Uhlich: Ja, Laien und Profis. Ich gebe auch Workshops für Tänzer, z. B. "more than naked". Da unterrichte ich Fetttanz.

STANDARD: Was bitte?

Uhlich: Fetttanz. Dabei arbeite ich mit diesem bewegten Fleisch um die Knochen. Das habe ich in Helsinki an der Theaterakademie und bei Impulstanz gemacht. Seitdem manifestiert sich in mir eine Tanzsprache, eine Auseinandersetzung mit bewegtem Fleisch und Nacktheit. Das Hippie-Phänomen "Befreie dich und mache deinen Körper zu einem politischen Thema" funktioniert noch immer! Wenn man das Fleisch einmal fliegen lässt, passiert eine Befreiung. Es ist egal, wie Busen oder Penis in Bewegung kommen! Da habe ich mir das erste Mal gewünscht, ein Stück mit zeitgenössischen Tänzern zu machen ... Aber das ist Zukunftsmusik.

STANDARD: Warum jetzt eine Retrospektive?

Uhlich: Das Brut hat mich eingeladen. Ich produziere seit fünf Jahren Stücke. Was war in dieser sehr dichten Zeit los, was gab es für Themen? Fünf Jahre in zehn Tagen. Das hat schon seinen Reiz. Die Arbeiten einfach einmal aneinanderkrachen zu lassen und zu sehen, wie sie sich voneinander abheben - oder auch nicht. Und eine Zukunftsvision daraus zu entwickeln: Wo eröffnet sich das Neue für die nächsten Jahre? (Helmut Ploebst, DER STANDARD - Printausgabe, 8. Februar 2012)

Doris Uhlich (34), geboren in Oberösterreich, studierte am Konservatorium in Wien. Sie arbeitete 2002 bis 2009 mit der Gruppe Theatercombinat und produziert seit 2006 eigene Werke.

  • Choreografin Doris Uhlich: "Wenn man das Fleisch einmal fliegen lässt, 
passiert eine Befreiung."
    foto: andrea salzmann

    Choreografin Doris Uhlich: "Wenn man das Fleisch einmal fliegen lässt, passiert eine Befreiung."

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