Der Choreografin Doris Uhlich ist eine Retrospektive gewidmet - Die Oberösterreicherin über tanzende Mütter und den Körper als Politthema
Wien - Werkschauen von Choreografen passieren höchst selten. Doris Uhlich hat
es nach nur fünf Jahren geschafft. Das besondere Talent der Oberösterreicherin,
Menschen von der Straße auf die Bühne zu holen, macht sie zu einer der
meistbeachteten österreichischen Choreografinnen.
STANDARD: In Ihren Arbeiten treten Menschen ohne Bühnenerfahrung auf.
Gärtner, Pensionisten und sogar Ihre Mutter. Warum wirken sie nie wie
"Laienschauspieler"?
Uhlich: Ich bin bei Proben wie ein offenes Buch. Und ich versuche zu
vermitteln: Du musst einen performativen Zustand erreichen, der mit dir zu tun
hat. Die Leute proben dann einen bestimmten Teil von sich selbst.
STANDARD: Was interessiert Sie an diesen Leuten?
Uhlich: Ich sehe in ihnen Dinge, die ausgebildete Tänzer wie ich nicht haben.
Und ich sehe den Tanz in jeder Biografie. Also in allem, was Mütter, Gärtner,
aber auch Balletttänzer eben tagtäglich tun. Diese Spuren eröffnen mir
Tanzwelten, sobald ich sie nach außen kehre und in einen Kontext setze.
STANDARD: Sie haben eine Tanzausbildung genossen und waren gleich
anschließend ab 2002 beim Theatercombinat engagiert. Warum?
Uhlich: Nach dem Diplomabschluss hat mich der Tanz, den ich gelernt habe,
nicht mehr so interessiert. Eigentlich wollte ich Wien verlassen. Dann kam aber
die Eröffnung des Tanzquartiers - ein neuer Treffpunkt mit Theorieanbindung.
Dort hat mich Claudia Bosse vom Theatercombinat angesprochen. Ich war bei einer
Probe und habe gesehen, dass es noch mehr zu erfahren gibt. Es war wie ein
Befreiungsschlag.
STANDARD: Warum beschlossen Sie, eigene Arbeiten zu machen?
Uhlich: Der Anstoß kam von Bettina Kogler, der Kuratorin des
Imagetanz-Festivals. Sie fand das Gespräch mit mir über Tanz und Performance
interessant und hat gefragt, ob ich einmal etwas machen will. So ist 2006 das
Projekt insert.eins/eskapade entstanden.
STANDARD: Ein Teil davon war im Bellariakino zu erleben, der andere im
Künstlerhaustheater. Wie kam das?
Uhlich: Im Bellaria werden diese Heile-Welt-Filme aus der Kriegszeit
zelebriert. Es hat mich interessiert, Paula Wessely und Zarah Leander aus dem
Film zu zerren, in unsere heutigen Körper einzupflanzen und zu schauen, wie der
ganze Glamour eigentlich entsteht. Es hat in mir richtig gebrodelt. Das spüre
ich jetzt noch, wenn ich darüber rede. Vielleicht drehe ich selbst einmal Filme
...
STANDARD: Haben Sie das mit Ihrer Dramaturgin Andrea Salzmann nicht schon
gemacht - den Kurzfilm "sackl du printemps"?
Uhlich: Stimmt! 2011 hat mich Claus Philipp eingeladen, im Stadtkino etwas zu
machen. Herausgekommen ist Sneak Preview. Daran möchte ich 2013 nach
Come Back weiterarbeiten.
STANDARD: "Come Back" ist Ihr nächstes Projekt?
Uhlich: Ja, ein Gruppenstück mit Balletttänzern als Abschluss einer
Trilogie, deren 1. Teil Spitze und der zweite Rising Swan war. Mit
vier Damen und einem Herrn, zwischen 55 und 69 Jahren. Das tänzerische Ziel im
Ballett ist es ja, vom Boden wegzukommen. Irgendwann ist das den Tänzern nicht
mehr möglich. Dann müssen sie gehen. Und ich sage, kommt zurück zu mir, und
"samma schwer". Ich kippe das System. Da bin ich sehr in der Gegenwart: Es sind
hierarchische Systeme, die gerade gestürzt werden. Das wird sich auch bei
Come Back widerspiegeln. Anders als im Ballett sind Tänzer hier nicht
ersetzbar.
STANDARD: Unterrichten Sie auch?
Uhlich: Ja, Laien und Profis. Ich gebe auch Workshops für Tänzer, z. B. "more
than naked". Da unterrichte ich Fetttanz.
STANDARD: Was bitte?
Uhlich: Fetttanz. Dabei arbeite ich mit diesem bewegten Fleisch um die
Knochen. Das habe ich in Helsinki an der Theaterakademie und bei Impulstanz
gemacht. Seitdem manifestiert sich in mir eine Tanzsprache, eine
Auseinandersetzung mit bewegtem Fleisch und Nacktheit. Das Hippie-Phänomen
"Befreie dich und mache deinen Körper zu einem politischen Thema" funktioniert
noch immer! Wenn man das Fleisch einmal fliegen lässt, passiert eine Befreiung.
Es ist egal, wie Busen oder Penis in Bewegung kommen! Da habe ich mir das erste
Mal gewünscht, ein Stück mit zeitgenössischen Tänzern zu machen ... Aber das ist
Zukunftsmusik.
STANDARD: Warum jetzt eine Retrospektive?
Uhlich: Das Brut hat mich eingeladen. Ich produziere seit fünf Jahren Stücke.
Was war in dieser sehr dichten Zeit los, was gab es für Themen? Fünf Jahre in
zehn Tagen. Das hat schon seinen Reiz. Die Arbeiten einfach einmal
aneinanderkrachen zu lassen und zu sehen, wie sie sich voneinander abheben -
oder auch nicht. Und eine Zukunftsvision daraus zu entwickeln: Wo eröffnet sich
das Neue für die nächsten Jahre? (Helmut Ploebst, DER STANDARD - Printausgabe, 8. Februar 2012)
Doris Uhlich (34), geboren in Oberösterreich, studierte am Konservatorium in
Wien. Sie arbeitete 2002 bis 2009 mit der Gruppe Theatercombinat und produziert
seit 2006 eigene Werke.