Grazer Historikerin analysiert mediales Elisabeth-Bild zu Beginn des letzten Jahrhunderts
Graz - In Gestalt von Romy Schneider wurde die 1898 in Genf ermordete
österreichische Kaiserin Elisabeth - damals "Sisi" genannt - jene "Sissi", die
seit den 1950er-Jahren bald ganz Europa entzückte und das Bild der Monarchin bis
heute wesentlich mitbestimmt. Mit der Frage, wie die öffentlichkeitsscheue
Regentin in der Wiener Presse um 1900 dargestellt wurde, hat sich die Grazer
Historikerin Evelyn Knappitsch auseinandergesetzt und das Bild der "Mater
Dolorosa" - der schmerzerfüllt trauenden Mutter - festgemacht.
"Eine öffentliche Wahrnehmung der Kaiserin war zu ihren Lebzeiten kaum bis
gar nicht gegeben", so Knappitsch. Erst die Ermordung im
Spätsommer 1898 habe die Regentin in den Mittelpunkt medialer Aufmerksamkeit
katapultiert: "Noch wenige Monate zuvor verblieb sie selbst an ihrem 60.
Geburtstag im toten Winkel der Wiener Presse", so die Historikerin über die
Herrscherin, die sich in ihren letzten dreißig Lebensjahren weder porträtieren
noch fotografieren ließ.
Das Attentat von Genf blieb dann jedoch "über mehrere Wochen Gegenstand der
Presse", so Knappitsch. Sie hat die damals fünf auflagenstärksten Wiener
Tageszeitungen mit unterschiedlicher politischer Positionierung auf
entsprechende Meldungen untersucht. "Die (Re)Konstruktionen der lebenden
Kaiserin waren klar tendenziös und an die allgemeine Blattlinie angelehnt", so
die Autorin. "In den liberalen Zeitungen entsprach Elisabeth ganz dem Ideal der
bürgerlichen Frau", ihre Rolle als Kaiserin habe sie nicht erfüllt, weil sie
eben nicht das repräsentative Glanzstück des Hofes sein wollte. "Auch die
'Arbeiter Zeitung' hob ihre liberale Haltung hervor, während die 'Wiener
Zeitung' als offizielles Amtsblatt des Kaiserhauses, Elisabeth als ideale
Herrscherin stilisierte, die ihrem Mann eine Stütze war und sich sozial
engagierte", verwies Knappitsch auf die widersprüchlichen Darstellungen, die sie
in ihrer jüngsten Publikation "(Nach)Blicke auf die Kaiserin" im Grazer
Leykam-Verlag darlegt.
Schön, gebrechlich oder unsichtbar
Was die Erscheinung der Kaiserin betraf, sei das "Sisi"-Bild in den liberalen
Medien von ihrer Jugend und Schönheit bestimmt gewesen. Das klerikalkonservative
'Vaterland' habe sie jedoch als alt und gebrechlich beschrieben. Das
tatsächliche Aussehen blieb, seit sie sich nach dem Selbstmord ihres Sohnes,
Kronprinz Rudolf, nur noch dicht verschleiert zeigte, der Öffentlichkeit jedoch
verborgen. "Vieles beruht auf Spekulationen und sagt mehr über die Verfasser der
Artikel aus, als über die Kaiserin selbst", betonte Knappitsch.
Wenn sich zum damaligen Zeitpunkt ein medienübergreifendes Bild durchgesetzt
habe, so war es das der "Mater Dolorosa", der um ihren Sohn trauernden Mutter.
Das süßliche Klischee einer "naiv-optimistischen Sissi", wie es in der
österreichischen Filmtrilogie der 1950er-Jahre mit Romy Schneider in der
Titelrolle transportiert wurde, sei auf jeden Fall "kein Produkt des ausgehenden
19. Jahrhunderts, sondern wurde vielmehr erst durch das nationale
Selbstverständnis Österreichs in der Zweiten Republik" definiert. Als Grundlage
für eine positiv konnotierte, spezifisch österreichische Identität seien damals
"neue kollektive Fixpunkte des kulturellen Gedächtnisses in einer noch
unschuldigen Vergangenheit jenseits des Nationalsozialismus und einer politisch
umkämpften Zwischenkriegszeit" verortet worden. (APA)
Buchtipp
Evelyn Knappitsch: "(Nach-)Blicke auf die Kaiserin. Zur Konstruktion von
"Sisi"-Bildern in der Wiener Presse um 1900"
Grazer Universitätsverlag Leykam,
2012
ISBN978 3 7011 0230 3