Leben im Container

Es gibt strenge Regeln an Bord des Containerschiffs, mit dem Verena in Richtung Neuseeland unterwegs ist. Einige erscheinen sinnvoll, andere weniger

Mittagessen um 12 Uhr, Abendessen um 17:30 Uhr, Haltegriffe in der Dusche, am Boden festgeschraubte Tische - man könnte meinen, ich sei in einem Altersheim gelandet. Aber nein, ich bin noch immer an Bord der Bahia Castillo mit Kurs Neuseeland. Während es mir auch nach zweieinhalb Wochen schwer fällt, einen Sinn darin zu erkennen, so früh zu essen, ist die niet- und nagelfeste Einrichtung tatsächlich sinnvoll. Der Stille Ozean ist nämlich nicht immer so still wie es sein Name vermuten würde.

Trotz der rollenden Schiffsbewegungen ist für Passagiere das Leben auf einem Frachter ein Traum: Es gibt kein entspannenderes und stressfreieres Reisen. Auf so einer 6.500 Seemeilen (rund 12.000 Kilometer) Ozeanpassage muss man tagelang nichts tun, nichts besichtigen und nichts erleben. Wenn man will, kann man jedoch stundenlang auf das Meer schauen und Delphinschwärme, bizarre Wolkenformationen und den Sternenhimmel beobachten.

Mir war noch keine Sekunde langweilig, obwohl das hier an Bord niemand glauben kann. Täglich marschiere ich die 254 Meter vom Heck zum Bug und wieder zurück. Das Vorschiff ist der einzige Ort, an dem kein Motoren- oder Lüftergeräusch zu vernehmen ist, sondern nur das Rauschen, wenn der Bug in die Wellen eintaucht. Selbst tauche ich auch regelmäßig in das Meerwasser ein. Auf Deck C gibt es einen Fitnessraum, eine Sauna und ein Swimmingpool, das mit Salzwasser gefüllt wird.

Ich verbringe auch viel Zeit auf der Brücke. Pawel, der erste Offizier, erklärt mir geduldig, wie die zahlreichen Instrumente funktionieren und ich experimentiere mit dem Sextanten, der auch in Zeiten der Satellitennavigation noch immer verpflichtend mitgeführt werden muss. Bei meinen Erkundungstouren im Maschinenraum arbeite ich mich von der Hauptmaschine, zu den Generatoren, die so viel Strom erzeugen, wie ein kleines Dorf verbraucht, zur Treibstoffanlage und bis zur Welle vor. Nur den kleinen Gang, der bis zur Stopfbuchse führt und der nur robbend bewältigt werden kann, erspare ich mir.

Für die 24 Seeleute, die auf so einem Frachter arbeiten müssen, ist das Leben freilich alles andere als ein Zuckerschlecken. "Das Leben ist brutal", lautet daher auch der Leitsatz von Kapitän Karol. Auf einem Containerfrachter im Linienverkehr richtet sich alles streng nach dem Frachtplan und nicht nach den Bedürfnissen der Crew. "Das fühlt sich oft an wie im Gefängnis oder noch schlimmer", sagt Bordelektriker Michal. Man sei nicht nur auf dem Schiff gefangen, sondern noch dazu von der Außenwelt abgeschnitten.

Es gibt keinen Ausgang, keine Besuche, kein Fernsehen, kein Radio, kein Handy und kein Internet. Die einzige Verbindung nach außen ist das Satellitentelefon, über das es auch möglich ist, Emails zu empfangen. In den Häfen werden unter höchstem Zeitdruck Container ent- und beladen. Zeit für Landgänge bleibt da kaum. Und dann kann es passieren, dass zwar theoretisch die Zeit für einen Landausflug wäre, aber noch niemand von der Einwanderungs- und Zollbehörde an Bord war.

Auch unterwegs ist nicht möglich, mal eben kurz eine Pause zu machen und vor einer der wunderschönen, südpazifischen Inseln zu ankern. Ich sehe die weißen Strände und Palmen nur aus der Ferne durch das Fernglas. Früher, als die Schiffe nicht rund um die Uhr per Satellit verfolgt werden konnten, sei es durchaus vorgekommen, dass man auf einer Insel halt gemacht hat, erzählt man sich auf der Bahia Castillo.

Für die einzige Abwechslung im Alltag der Mannschaft sorgen die Parties, die zu besonderen Anlässen wie etwa Geburtstagen im Crew-Erholungsraum veranstaltet werden. Bei diesen ausgelassenen Feiern fällt die Grenze, die sonst so deutlich sichtbar zwischen Offizieren und Crew besteht. Die polnischen Offiziere haben sonst ihre eigene Messe, ihren eigenen Erholungsraum und wohnen in geräumigeren Kabinen in den obersten Decks. Wenn gefeiert wird, geben jedoch die philippinischen Crewmitglieder den Ton an und es wird gemeinsam Karaoke gesungen. Auf der Bahia Castillo ist das beliebteste Lied übrigens "Yellow Submarine".


-> Ansichtssache mit Bildern von der Fahrt

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