Keine Vogel-Strauß-Politik

Interview
  • Irene Kührer ist Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und 
Onkologie und Oberärztin an der Wiener Universitätsklinik für Chirurgie.

    Irene Kührer ist Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie und Oberärztin an der Wiener Universitätsklinik für Chirurgie.

Funktioniert die Früherkennung von Krebs in Österreich, oder wird die Diagnose oft zu spät gestellt? "Wir müssen selbst aktiv werden", rät Krebsexpertin Irene Kührer

Irene Kührer widmet sich seit vielen Jahren der Erkrankung Krebs und den davon betroffenen Patienten. Anlässlich des Krebstages am 4. Februar referierte sie im Wiener Rathaus zum Thema "Was soll ich tun?".

derStandard.at: Funktioniert die Krebs-Früherkennung in Österreich, oder wird die Diagnose oft zu spät gestellt?

Irene Kührer: Man muss zwischen der Vorbeugung und der Früherkennung von Krebserkrankungen unterscheiden. Was die Früherkennung betrifft, hat vor allem bei Brustkrebs in den letzten Jahren ein gewisses Wachrütteln und Umdenken stattgefunden; nicht zuletzt aufgrund zahlreicher Medienkampagnen. Bei der zweithäufigsten Krebserkrankung, dem Darmkrebs, ist die Bereitschaft, an Vorsorgeuntersuchungen teilzunehmen, dagegen viel zu gering.

Nicht einmal 20 Prozent aller Frauen und Männer über 50 nehmen die kostenlose Darmspiegelung in Anspruch. Dabei verhindert diese schmerzlose Untersuchung - auch die sanfte Kolonoskopie - eine spätere Krebserkrankung, da mit den Polypen das Vorstadium zum Krebs gefunden und im selben Untersuchungsschritt abgetragen wird. Durch den Fortschritt in der Medizin kann heute der Darmkrebs auch im fortgeschrittenen Stadium behandelt und geheilt werden. Dennoch: Verhindern ist besser als Behandeln, denn aufwendige Chemotherapien und Operationen sind nicht mit einer Kolonoskopie zu vergleichen.

derStandard.at: Gibt es Nachteile bei solchen Untersuchungen? Die Mammographie steht ja immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik, was angeblich unnötige Operationen betrifft.

Kührer: Gerade bei der Mammographie und den möglicherweise daraus folgenden Operationen gibt es eindeutige Diagnosemöglichkeiten, die bösartige Brustkrebserkrankungen erkennen lassen. Ich denke nicht, dass zu viele Brustdrüsen operiert werden. Was unter anderem auch damit zu tun hat, dass in den meisten Fällen vor einer Operation eine histologische Untersuchung (Punktion, Anm.) durchgeführt wird. Solange keine Lymphknoten befallen sind, ist das Frühstadium des Mammakarzinoms heilbar, und es kann in den meisten Fällen brusterhaltend operiert werden.

derStandard.at: Betrachten Sie Mammographie und Kolonoskopie als die wesentlichen Vorsorgeuntersuchungen in der Krebsfrüherkennung?

Kührer: Es kommen noch einige Untersuchungen dazu. Bei Frauen ist es der regelmäßige Krebsabstrich zur Verhinderung beziehungsweise Erkennung von Gebärmutterhalskrebs, beim Mann die regelmäßige Kontrolle beim Urologen mit digitaler, rektaler Untersuchung der Prostata und der Bestimmung des PSA-Wertes. Vor allem hellhäutige Menschen sollten regelmäßig zum Hautkrebsscreening zwecks Melanomvorsorge. Ist eine Krebshäufung in der Familiengeschichte gegeben, macht auch die intravaginale Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke Sinn.

Bessere Vorsorgeuntersuchungen wünschen wir uns für Raucher. Wenn jemand mehr als 15 Zigaretten pro Tag raucht, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er an Lungenkrebs erkrankt, 20-mal höher als bei einem Nichtraucher. Trotz der Fortschritte in der Medizin sind die Heilungschancen beim Lungenkrebs noch immer gering.

derStandard.at: Müsste man nicht dauernd zu Untersuchungen laufen, um Krebs zu verhindern beziehungsweise möglichst früh diagnostizieren zu können?

Kührer: Krebsfrüherkennung bedeutet nicht, dass man dauernd zum Arzt gehen muss. Sie lassen ja auch einmal im Jahr die Heizung überprüfen, ob sie im Winter funktioniert. Es gibt über die Krebshilfe in Österreich standardisierte und von den Krankenkassen übernommene Untersuchungsrichtlinien. So wird die Darmspiegelung ab dem 50. Lebensjahr, die Basis-Mammographie ab dem 40. Lebensjahr oder eine Hautuntersuchung im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung empfohlen.

derStandard.at: Stichwort Gesundenuntersuchung: Kann man damit auch Krebs vorbeugen? Meistens fragt der praktische Arzt ja nicht, ob man zur Mammographie oder zum Hautarzt gehen möchte ...

Kührer: Ich denke, Gesundheit liegt in der Verantwortung des Einzelnen. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich kostenlos zu informieren, dass wir nicht auf den praktischen Arzt angewiesen sind. Wir müssen selbst aktiv werden.

derStandard.at: Inwiefern kann man selbst dazu beitragen, dem eigenen Krebsrisiko vorzubeugen?

Kührer: Experten gehen davon aus, dass zwei Drittel der Krebserkrankungen durch einen entsprechenden Lebensstil in Kombination mit Vorsorgeuntersuchungen zu vermeiden sind. Vor allem Umweltfaktoren wie Abgasbelastung, Rauchen, wenig Bewegung und falsche Ernährung spielen eine Rolle. Bewusste, richtige Ernährung und regelmäßige Bewegung bedeuten, ich tue sehr viel für mich.

derStandard.at: Erkranken immer mehr Menschen in Österreich an Krebs? Falls ja, hängt das auch mit der höheren Lebenserwartung zusammen?

Kührer: Natürlich, der Darmkrebs ist zum Beispiel eine Erkrankung des höheren Lebensalters. Männer werden heute durchschnittlich 76, Frauen 82 Jahre alt. So erleben immer mehr Menschen ihre Krebserkrankung. Dennoch ist Alter kein Faktor, den Krebs nicht dementsprechend zu behandeln, denn dass Krebs im Alter langsamer fortschreitet, stimmt nicht. Das Alter bestimmt weder die Notwendigkeit der Behandlung noch, wie man behandelt.

Aktuell ist Magenkrebs deutlich rückläufig, Bauchspeicheldrüsenkrebs etwas rückläufig. Die Darmkrebshäufigkeit ist deutlich ansteigend, ebenso wie Lungenkrebs, vor allem bei Männern. Brustkrebs wird häufiger vor allem bei jüngeren Patientinnen diagnostiziert.

derStandard.at: Wie lautet Ihre persönliche Empfehlung zur Krebsvorsorge?

Kührer: Ich empfehle, keine Vogel-Strauß-Politik zu betreiben. Eine Krebserkrankung kann man nicht wegdenken. Wir bringen unser Auto zum Service, lassen das Öl wechseln, aber an uns selbst denken wir nicht. Eine fortgeschrittene Krebserkrankung zu behandeln ist schlimmer als eine schmerzlose Darmspiegelung oder Mammographie. Niemand muss sich davor fürchten, zu Untersuchungen zu gehen, denn mit Vorsorgeuntersuchungen kann auch Krebs verhindert werden.

derStandard.at: Wird es in Zukunft eine Schutzimpfung gegen Krebs geben?

Kührer: Forscher arbeiten daran, jedoch ist eine Umsetzung in naher Zukunft unwahrscheinlich. Wo wir wissen, um welche Viren es sich handelt, gibt es bereits eine Schutzimpfung. So ist die HPV-Impfung wirksam gegen die durch einen Virus ausgelöste Form des Gebärmutterhalskrebses. Auch die Hepatitis-B-Impfung trägt zur Vorbeugung von Leberkrebs bei, denn Hepatitis B kann Leberzirrhose auslösen, und diese kann zu Leberkrebs führen. (Eva Tinsobin, derStandard.at)

Irene Kührer empfiehlt sieben Regeln für ein krebsgesundes Leben:

  • Rauchen Sie nicht
  • Bewegen Sie sich regelmäßig, mindestens dreimal die Woche
  • Vermeiden Sie Übergewicht
  • Trinken Sie wenig Alkohol
  • Verhindern Sie Sonnenbrand und nehmen Sie keine Sonnenbäder 
  • Essen Sie reichlich frisches Obst und Gemüse, fünf Hände pro Tag
  • Achten Sie in Ihrem Arbeitsumfeld auf krebserregende Stoffe

Zum Thema:

Krebs - Eine Herausforderung für Körper und Seele

Share if you care