Keine Vogel-Strauß-Politik

Interview
7. Februar 2012, 17:26
  • Irene Kührer ist Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und 
Onkologie und Oberärztin an der Wiener Universitätsklinik für Chirurgie.

    Irene Kührer ist Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie und Oberärztin an der Wiener Universitätsklinik für Chirurgie.

Funktioniert die Früherkennung von Krebs in Österreich, oder wird die Diagnose oft zu spät gestellt? "Wir müssen selbst aktiv werden", rät Krebsexpertin Irene Kührer

Irene Kührer widmet sich seit vielen Jahren der Erkrankung Krebs und den davon betroffenen Patienten. Anlässlich des Krebstages am 4. Februar referierte sie im Wiener Rathaus zum Thema "Was soll ich tun?".

derStandard.at: Funktioniert die Krebs-Früherkennung in Österreich, oder wird die Diagnose oft zu spät gestellt?

Irene Kührer: Man muss zwischen der Vorbeugung und der Früherkennung von Krebserkrankungen unterscheiden. Was die Früherkennung betrifft, hat vor allem bei Brustkrebs in den letzten Jahren ein gewisses Wachrütteln und Umdenken stattgefunden; nicht zuletzt aufgrund zahlreicher Medienkampagnen. Bei der zweithäufigsten Krebserkrankung, dem Darmkrebs, ist die Bereitschaft, an Vorsorgeuntersuchungen teilzunehmen, dagegen viel zu gering.

Nicht einmal 20 Prozent aller Frauen und Männer über 50 nehmen die kostenlose Darmspiegelung in Anspruch. Dabei verhindert diese schmerzlose Untersuchung - auch die sanfte Kolonoskopie - eine spätere Krebserkrankung, da mit den Polypen das Vorstadium zum Krebs gefunden und im selben Untersuchungsschritt abgetragen wird. Durch den Fortschritt in der Medizin kann heute der Darmkrebs auch im fortgeschrittenen Stadium behandelt und geheilt werden. Dennoch: Verhindern ist besser als Behandeln, denn aufwendige Chemotherapien und Operationen sind nicht mit einer Kolonoskopie zu vergleichen.

derStandard.at: Gibt es Nachteile bei solchen Untersuchungen? Die Mammographie steht ja immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik, was angeblich unnötige Operationen betrifft.

Kührer: Gerade bei der Mammographie und den möglicherweise daraus folgenden Operationen gibt es eindeutige Diagnosemöglichkeiten, die bösartige Brustkrebserkrankungen erkennen lassen. Ich denke nicht, dass zu viele Brustdrüsen operiert werden. Was unter anderem auch damit zu tun hat, dass in den meisten Fällen vor einer Operation eine histologische Untersuchung (Punktion, Anm.) durchgeführt wird. Solange keine Lymphknoten befallen sind, ist das Frühstadium des Mammakarzinoms heilbar, und es kann in den meisten Fällen brusterhaltend operiert werden.

derStandard.at: Betrachten Sie Mammographie und Kolonoskopie als die wesentlichen Vorsorgeuntersuchungen in der Krebsfrüherkennung?

Kührer: Es kommen noch einige Untersuchungen dazu. Bei Frauen ist es der regelmäßige Krebsabstrich zur Verhinderung beziehungsweise Erkennung von Gebärmutterhalskrebs, beim Mann die regelmäßige Kontrolle beim Urologen mit digitaler, rektaler Untersuchung der Prostata und der Bestimmung des PSA-Wertes. Vor allem hellhäutige Menschen sollten regelmäßig zum Hautkrebsscreening zwecks Melanomvorsorge. Ist eine Krebshäufung in der Familiengeschichte gegeben, macht auch die intravaginale Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke Sinn.

Bessere Vorsorgeuntersuchungen wünschen wir uns für Raucher. Wenn jemand mehr als 15 Zigaretten pro Tag raucht, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er an Lungenkrebs erkrankt, 20-mal höher als bei einem Nichtraucher. Trotz der Fortschritte in der Medizin sind die Heilungschancen beim Lungenkrebs noch immer gering.

derStandard.at: Müsste man nicht dauernd zu Untersuchungen laufen, um Krebs zu verhindern beziehungsweise möglichst früh diagnostizieren zu können?

Kührer: Krebsfrüherkennung bedeutet nicht, dass man dauernd zum Arzt gehen muss. Sie lassen ja auch einmal im Jahr die Heizung überprüfen, ob sie im Winter funktioniert. Es gibt über die Krebshilfe in Österreich standardisierte und von den Krankenkassen übernommene Untersuchungsrichtlinien. So wird die Darmspiegelung ab dem 50. Lebensjahr, die Basis-Mammographie ab dem 40. Lebensjahr oder eine Hautuntersuchung im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung empfohlen.

derStandard.at: Stichwort Gesundenuntersuchung: Kann man damit auch Krebs vorbeugen? Meistens fragt der praktische Arzt ja nicht, ob man zur Mammographie oder zum Hautarzt gehen möchte ...

Kührer: Ich denke, Gesundheit liegt in der Verantwortung des Einzelnen. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich kostenlos zu informieren, dass wir nicht auf den praktischen Arzt angewiesen sind. Wir müssen selbst aktiv werden.

derStandard.at: Inwiefern kann man selbst dazu beitragen, dem eigenen Krebsrisiko vorzubeugen?

Kührer: Experten gehen davon aus, dass zwei Drittel der Krebserkrankungen durch einen entsprechenden Lebensstil in Kombination mit Vorsorgeuntersuchungen zu vermeiden sind. Vor allem Umweltfaktoren wie Abgasbelastung, Rauchen, wenig Bewegung und falsche Ernährung spielen eine Rolle. Bewusste, richtige Ernährung und regelmäßige Bewegung bedeuten, ich tue sehr viel für mich.

derStandard.at: Erkranken immer mehr Menschen in Österreich an Krebs? Falls ja, hängt das auch mit der höheren Lebenserwartung zusammen?

Kührer: Natürlich, der Darmkrebs ist zum Beispiel eine Erkrankung des höheren Lebensalters. Männer werden heute durchschnittlich 76, Frauen 82 Jahre alt. So erleben immer mehr Menschen ihre Krebserkrankung. Dennoch ist Alter kein Faktor, den Krebs nicht dementsprechend zu behandeln, denn dass Krebs im Alter langsamer fortschreitet, stimmt nicht. Das Alter bestimmt weder die Notwendigkeit der Behandlung noch, wie man behandelt.

Aktuell ist Magenkrebs deutlich rückläufig, Bauchspeicheldrüsenkrebs etwas rückläufig. Die Darmkrebshäufigkeit ist deutlich ansteigend, ebenso wie Lungenkrebs, vor allem bei Männern. Brustkrebs wird häufiger vor allem bei jüngeren Patientinnen diagnostiziert.

derStandard.at: Wie lautet Ihre persönliche Empfehlung zur Krebsvorsorge?

Kührer: Ich empfehle, keine Vogel-Strauß-Politik zu betreiben. Eine Krebserkrankung kann man nicht wegdenken. Wir bringen unser Auto zum Service, lassen das Öl wechseln, aber an uns selbst denken wir nicht. Eine fortgeschrittene Krebserkrankung zu behandeln ist schlimmer als eine schmerzlose Darmspiegelung oder Mammographie. Niemand muss sich davor fürchten, zu Untersuchungen zu gehen, denn mit Vorsorgeuntersuchungen kann auch Krebs verhindert werden.

derStandard.at: Wird es in Zukunft eine Schutzimpfung gegen Krebs geben?

Kührer: Forscher arbeiten daran, jedoch ist eine Umsetzung in naher Zukunft unwahrscheinlich. Wo wir wissen, um welche Viren es sich handelt, gibt es bereits eine Schutzimpfung. So ist die HPV-Impfung wirksam gegen die durch einen Virus ausgelöste Form des Gebärmutterhalskrebses. Auch die Hepatitis-B-Impfung trägt zur Vorbeugung von Leberkrebs bei, denn Hepatitis B kann Leberzirrhose auslösen, und diese kann zu Leberkrebs führen. (Eva Tinsobin, derStandard.at)

Irene Kührer empfiehlt sieben Regeln für ein krebsgesundes Leben:

  • Rauchen Sie nicht
  • Bewegen Sie sich regelmäßig, mindestens dreimal die Woche
  • Vermeiden Sie Übergewicht
  • Trinken Sie wenig Alkohol
  • Verhindern Sie Sonnenbrand und nehmen Sie keine Sonnenbäder 
  • Essen Sie reichlich frisches Obst und Gemüse, fünf Hände pro Tag
  • Achten Sie in Ihrem Arbeitsumfeld auf krebserregende Stoffe

Zum Thema:

Krebs - Eine Herausforderung für Körper und Seele

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17 Postings
werch ein Illtum

"Experten gehen davon aus, dass zwei Drittel der Krebserkrankungen durch einen entsprechenden Lebensstil in Kombination mit Vorsorgeuntersuchungen zu vermeiden sind."
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Diese Aussage ist schlicht eine plumpe und irreführende Verallgemeinerung. Denn je nach Krebsart kann das zwischen 15% (Leukämie) und 100% (Gebärmutterhals) schwanken. Wichtig: HPV als Ursache für Cervix-CA als "Lebensstil"-bedingt zu beschreiben, heisst dann eben auch: Lebe jungfräulich und du kriegst diesen Krebs sicher nicht .
Wer's genauer wissen will:
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/artic... able/tbl2/

das mit dem jährlichen abstrich ist ja wohl der größte quargel, diese mär hält sich in ö noch immer. in den skandinavischen ländern geht man im 5jahres rhythmus hin - und hat keinen deut mehr krebsfälle oder präkanzerosen als in ö.

Wir halten fest:

* Kein Wort über Schaden/Nutzen Relation von einzelnen Vorsorgeuntersuchungen.

* Verantwortung für Gesundheit wird von der Dame auf den Einzelnen abgeschoben.

Schwaches Interview.

* Verantwortung für Gesundheit wird von der Dame auf den Einzelnen abgeschoben.

Na ja, unrecht hat sie ja nicht, und wenn man sich in die Hände eines Arztes begibt, bleibt das dann auch so!

Der Arzt kann machen was er will. Die Verantwortung dafür trägt immer der Patient selbst. Es sei denn, der kommt mit irgendetwas Neuem daher, was sich der Arzt noch nicht vorher in seinem Revers unterschreiben hat lassen können.

Die Krebsforschung hat bereits dutzende Milliarden verforscht und es ist dabei genau nichts rausgekommen.

Und was soll dabei rauskommen?

Die Therapie wird immer besser, verträglicher und die Langzeitüberlebensraten höher.
Zusätzlich besteht die Einschränkung, dass die meisten neuen Krebsmedikamente zuallererst mal an die kränkesten aller Patienten ausgegeben werden (bei denen die meisten Mittel mehr oder minder versagen und nur die wirksamsten Mittel überhaupt was bringen) und die Bewilligungen für frühere Stadien, wo das Heilpotential logischerweise höher ist, schrittweise eingeholt werden müssen.

Und am Höchsten ist das Heilpotential dann im Anfangsstadium?
Wollen Sie damit sagen, dass jedes Stadium einer bestimmten Tumorart mit den gleichen Mitteln behandelt werden soll?
Das kommt mir aber komisch vor! Ich würde sagen, dass da zumindest eine der beiden Randgruppen unter den Krebspatienten (entweder die im Anfangsstadium oder die im Endstadium) dabei schlecht beraten sind.
Es kann doch nicht sein, dass jemand mit einem Tumor, von dem er selbst noch gar nichts merkt, nach dem golden Standard genauso niedergebügelt werden soll, wie jemand, der sowieso gerade am krepieren ist?

Sie haben auch ziemlich was dranf.

Das fällt auf, gell ja.

meine bisherige erfahrung mit ärzten hat mir eines gezeigt

sie hören den patienten nicht zu wie ihre beschwerden sind sondern versuchen sie einfach mit der standardbehandlung, die in 98% die richtige ist, abzuspeisen.
die restlichen 2% erkranken dann irgendwann an etwas weil der arzt sie damals nicht ernstgenommen hat als sie schon lange vorher erklärt haben was ihnen fehlt.
würde ja erhöhten aufwand bedeuten, wenn man dann vielleicht bei bestimmten symptomen eine weitere untersuchung machen würde...da schicken wir den patienten lieber wieder heim.

Viele dieser "irgendwas"-Erkrankungen sind aber nur mittels aufwändiger Untersuchungen aufzudecken, sodass man beispielsweise 98% der Patienten unnötiger Strahlenbelastung (Röntgen, CT) oder Schmerzen (Biopsie) aussetzen müsste, damit ein winziger Teil einen kleinen Vorteil hat. Das kostet nicht nur viel, sondern richtet auch viel Schaden an.
Es gibt bei den meisten Symptomkomplexen sog. "Red flags", bei deren Vorhandensein man gleich an lebensbedrohliche Erkrankungen denkt, aber bei Krebs sind diese Flags selten im Frühstadium zu finden.

ich habe nicht gesagt, daß die 98% intensiv untersucht gehören

sondern, daß den patienten zugehört werden muß und man die, ohne viel aufwand zu machenden, voruntersuchungen so durchgeführt werden, daß man eine entscheidungsgrundlage hat auf grunddessen man sagen kann, ob weitere untersuchungen notwendig sind.
d.h. von den 2 % würde dann der großteil untersucht werden zusätzlich zu vielleicht weiteren 2% denen eigentlich nichts fehlt, weil man bei den restlichen 96% draufgekommen ist, daß es nix schlimmes sein kann.

mein erleben ist aber so, daß bei 100% nix getan wird und man deshalb bei den 2% oft zu spät draufkommt, daß man etwas hätte tun müssen.

Ein Freund von mir ist auch Doktor.

Keine Vogel Strauss-Politik

diesen Rat kann ich nur an die "Krebsexperten" zurueckgeben. Benennen sie die Ursachen!
30 Jahre sinnlose Krebsforschung.

Sie sagen: immer mehr juengere Frauen mit Brustkrebs?
Warum?

Die haeufigsten Krebsarten: Brustkrebs und Prostatakrebs, beide hormonabhaengig und kein Wort ueber die Hormone!!

Die Antibabypille, taeglich millionenfach jungen Frauen von Medizinern verordnet, ohne Warnhinweis auf das erhoehte Krebsrisiko.

Interessanterweise auch nichts zu den Risiken von kuenstlichen Substanzen, die Hormone imitieren, wie in Plastik enthalten, Weichmachern, Pestiziden, (auch im Grundwasser, Trinkwasser, zB. auch die Reste der ausgeschiedenen millionen Antibabypillen).

Kostenlose Untersuchungen? Sie verrechnen das aber sicher!!

Sparmaßnahme Ableben beschleunigen.

Bei uns gibt es Bevölkerungsanteile, die man überhaupt nicht ernsthaft behandeln will, z.B. gegen chronische Hepatitis C - wenn, dann nur als Studienprimaten, um sie gleichzeitig mit der Drogenkoordination in Kontakt (Informanten) zu bringen. Das Interesse dieses Systems besteht vor allem darin, tick trick tracky analytisch Drogenkonsum nachzuweisen, um gleich einmal psychologische Handschellen anlegen zu können. Es besteht überhaupt kein Interesse daran, Menschen eine (theoretisch mögliche) Heilung zu ermöglichen, weil sie von einer Gesellschaft höchst lächerlicher Sondersozialarbeiter unterm Papierkorb gefangen gehalten werden.

Was für eine Therapie erwarten Sie denn? Natürlich muss das Thema "Drogen" im Rahmen einer HepC-Therapie angeschnitten werden, denn die Nadel ist bei den meisten der Kranken die Quelle der Infektion. Die Rolle des "depperten Geldsch***ers" übernehmen die Kassen in diesem Fall zurecht nicht.
"Studienprimat" zeigt recht deutlich, dass Sie wenig von Studien verstehen oder zumindest illusorisch durch die Welt gehen. Sie wollen ein HepC-Allheilmittel, das ohne klinische Erprobung vom Himmel fällt? Viel Glück.

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