Die vergessenen Zwangsarbeiter der Bergbauernhöfe

9. Februar 2012, 06:15
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Im Salzburger Pinzgau waren während des Zweiten Weltkriegs fast 7.000 Zwangsarbeiter stationiert - Jetzt wird ihr Schicksal bekannt

Wenn Eva W. am Abend aus dem Fenster geschaut hat, fürchtete sie, die Berge würden auf sie zukommen und sie erdrücken. Jan B. vermisste es, die Sonne aufgehen zu sehen. Es habe ein "halbes Jahr" gedauert, bis die Sonne hinter dem Berg hervorgekommen ist, sagt er über die Zeit der Zwangsarbeit im Pinzgauer Wald. Heute lebt Jan B. wieder in Polen.

Eva W. und Jan B. teilen ihr Schicksal mit 7,6 Millionen ausländischen Arbeitskräften, die im Jahr 1944 im "Großdeutschen Reich" zwangsweise eingesetzt wurden. Sie wurden für die Verrichtung der Arbeit jener Männer herangezogen, die an der Front kämpften. In Österreich wurden 1944 eine Million Ausländer zur Arbeit gezwungen, auf den Bergbauernhöfen im Salzburger Pinzgau arbeiteten 6.974 Menschen. Die Arbeiter kamen aus Polen und der galizischen Ukraine sowie aus den "Ostgebieten", also den früheren sowjetischen Ländern, die von den Nationalsozialisten annektiert worden waren. Unter den "Ostarbeitern" ware vor allem Russen, Weißrussen und Ukrainer. Neben diesen zivilen Zwangsarbeitern wurden auch Kriegsgefangene und Arbeiter aus Belgien, Frankreich, Italien und Kroatien eingesetzt. Erst zwischen 2001 und 2005, also mehr als 50 Jahre nachdem sie jahrelang ausgebeutet wurden, hat die Republik Österreich die zivilen Zwangsarbeiter entschädigt.

"Untermenschen" aus Osteuropa

Besonders die "Untermenschen" aus Osteuropa waren einem "brutalen und rassistischen Unterdrückungs- und Strafsystem" ausgesetzt. Der Historiker Alois Nußbaumer konzentriert sich deshalb in seinem Buch "'Fremdarbeiter' im Pinzgau" auf diese Gruppe der Zwangsarbeiter. Nußbaumer machte sich auf die Suche und fand acht von ihnen in Polen und der Ukraine. Zwei weitere musste der Historiker nicht lange suchen, er traf sie in Taxenbach und Niedernsill im Pinzgau. Ihre Erzählungen zeichnen nach, welchen Diskriminierungen und Bedrohungen Zwangsarbeiter ausgesetzt waren und wie neue Familien zueinandergefunden haben.

"Alle weinten"

Als immer mehr Männer zum Krieg einberufen wurden, kam es in den 1940er Jahren zu einem Arbeitskräftemangel im Deutschen Reich. Wurden im Jahr 1941 die Menschen in den "Ostgebieten" des Reiches noch mit Hilfe von Propaganda und Versprechungen zur Arbeit in Deutschland und Österreich verpflichtet, setzte man ab 1942 auf die Zwangsrekrutierung von Personen. Ganze Dörfer wurden verschleppt. Die Menschen wurden in Viehwaggons gepackt und fuhren tagelang mit dem Zug, ohne zu wissen, wohin. "Alle weinten, alle weinten, alle heulten, niemand wusste, was wird", erzählt Olga W. in Nußbaumers Buch. Angekommen im Pinzgau mussten sich die Menschen auf einem kleinen Platz nicht weit vom Bahnhof in Reihen aufstellen. Die Männer, die kamen und sich Arbeiter aussuchten, nennen die Betroffenen im Buch nur die "Einkäufer". Obwohl diese "Einkäufe" öffentlich stattfanden, wollen die Einheimischen im Pinzgau, mit denen Nußbaumer später sprechen wird, nicht gewusst haben, dass die ausländischen Arbeiter zu ihrer Tätigkeiten gezwungen worden sind.

Harte Arbeit

"Die Arbeit war hart, es war eine vorindustrielle Landwirtschaft. Vieles wurde getragen oder mit der Hand verrichtet", sagt Nußbaumer im Gespräch mit derStandard.at. Der Pole Jan B. etwa musste in einer Steige am Rücken Mist auf die Berghänge tragen und dort auf den Wiesen verteilen. Arbeitstage waren mit der Versorgung des Viehs und mit Holz-, Heu- und Feldarbeiten gefüllt. Entachius N. aus Galizien arbeitete "von finster bis finster". Er schuftete von halb vier Uhr früh bis acht Uhr abends.

Ein "P" für Pole

Wie und ob die Arbeiter am sozialen Leben teilnehmen konnten, hing vor allem davon ab, welcher Gruppe von Zwangsarbeitern sie zugeordnet waren. An der oberen Stufe der Hierarchie standen die galizischen Ukrainer. "Ostarbeiter"aus Russland und Polen standen am unteren Ende der Hackordnung. Polen mussten ein Abzeichen mit einem "P" tragen, Ostarbeiter trugen das Kürzel "OST". Menschen aus der galizischen Ukraine, die früher zur Habsburgermonarchie gehörten, waren den wenigsten Diskriminierungen ausgesetzt, sie trugen keine Abzeichen. "Galizien war nur zwei  Jahre von der Sowjetunion besetzt, und aus diesem Grund haben die Nationalsozialisten gesagt, dass die Menschen vom kommunistischen Regime noch nicht so ideologisch beeinflusst sind. Deshalb haben sie im Vergleich zu den Ostarbeitern eine bessere Behandlung bekommen", erklärt Nußbaumer. Diese Einteilung entschied darüber, ob man ins Kino durfte oder nicht, wie lange man abends Ausgang hatte und mit wem man in Gasthäusern Karten spielen, tanzen oder singen durfte. Die polnischen Interviewpartner des Historikers berichteten ihm, dass sie "voller Angst" ihr Abzeichen abnahmen, um auf einem Schiff mitzufahren oder ins Kino gehen zu können. 

Diese Unternehmungen konnten sehr gefährlich sein. Neben täglicher Diskriminierung kam es auch zu Hinrichtungen. Im Pinzgau wurden drei Polen unter den Augen ihrer Landsleute am Rande des Dorfes erhängt. Ihr Verbrechen: Rassenschande, Geschlechtsverkehr mit einheimischen Frauen. Den "deutschen Frauen" wurde mit dem Abschneiden der Haare am Pranger gedroht, wenn sie sich mit einem polnischen Mann einließen. Tatsächlich wurden die Frauen in Frauenzuchthäuser und Konzentrationslager gebracht.

Essen aus einer Schüssel

Die Bauern hielten sich allerdings oft nicht an die Rassentheorien der Nationalsozialisten. "Die Bauern haben die ausländischen Zwangsarbeiter so behandelt, wie sie die inländischen Knechte und Mägde behandelt haben. Die 'Rasse' hat keine so große Rolle gespielt, sondern das Geschlecht, Generation und Hofzugehörigkeit", so der Historiker. Nußbaumers Interviewpartner sind meist mit dem Bauern am selben Tisch gesessen und haben sogar aus derselben Schüssel gegessen, sehr zum Ärger der Nazis - das war streng verboten. Der zuständige Reichsstatthalter forderte die Sicherheitsbehörden in einem Schreiben dazu auf, auf das Tragen des "P" sowie das Verbot für Polen, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benützen und Gasthäuser zu besuchen, stärker "hinzuwirken".

"Quasi-Adoptionen"

Die Zwangsarbeiter waren bei ihrer Ankunft im Pinzgau oft noch sehr jung. Mit zwölf, 15 oder 18 Jahren kamen sie bei den Bauern an. "Sie sind als Kinder oder Jugendliche gekommen und in diesen vier oder fünf Jahren erwachsen geworden", sagt Nußbaumer. Dadurch hätten sich oft "Quasi-Adoptionen" entwickelt. Die Bauern haben "ihre" Arbeiter als ihre Töchter und Söhne bezeichnet. 

"Prellbock" für Knechte und Mägde

Diese familiäre Atmosphäre war aber nicht die Regel. Manche Bauern gestanden ihren Arbeitern keinen einzigen freien Tag zu. Jan H. erzählte, dass er von seinem Bauern nur wenig Essen bekommen habe und keinen Lohn, der sowieso nur eine Art Taschengeld war. In manchen Fällen dienten die Ausländer als eine Art "Prellbock" für die inländischen Knechte und Mägde. Gleich nach ihrer Ankunft wurden ihre Namen geändert - aus Helena wurde Helga, Jan wurde Johann genannt.

Zwangsrepatriierung der "Verräter"

1945 war der Krieg zu Ende. Die Heimreise der Zwangsarbeiter unterschied sich den Erzählungen zufolge nicht sehr von der Reise in den Pinzgau. Wieder wurden die Menschen gezwungen, wieder wurden sie in Viehwaggons gepfercht. Die Sowjetunion orderte Zwangsrepatriierungen der Arbeiter im Ausland an. Im stalinistischen Regime selbst drohte ihnen die Internierung in Arbeitslagern, weil sie als Verräter am kommunistischen System galten. Manche flüchteten deshalb nach Großbritannien, Amerika oder Australien. Weronika S. beschreibt die Heimreise nach Polen so: "Wir sind drei Tage gefahren oder vielleicht auch mehr. Das waren diese Viehwaggons ohne Dach. Bis Sanok sind wir gekommen, zum polnischen Repatriierungsamt. Die haben meine Bescheinigung abgenommen, die ich vom Bauern hatte, und ich habe hundert Zloty bekommen, jeder hat hundert Zloty bekommen. Danach bin ich zu Fuß gegangen, einen Tag und zwei Nächte."

"Ich bin auch Österreicherin"

In den Interviews bereuten es manche der ehemaligen Arbeiter, dass sie in ihre Länder zurückgegangen sind. "Eine Dame hat zu mir gesagt: 'Du bist Österreicher, ich bin auch Österreicherin'", erzählt Nußbaumer. "Oftmals war das die beste Zeit in ihrem Leben, weil sie so schreckliche Dinge erlebt haben. In der Ukraine haben sie vor und nach dem Krieg gehungert."

Im Pinzgau geblieben

Während 82 Prozent der Sowjetbürger freiwillig oder unter Zwang nach Hause zurückkehrten, haben insgesamt nur 42 Prozent der ukrainischen Galizier die Heimreise angetreten. Auch im Pinzgau sind manche geblieben. Entachius N. wollte eigentlich zurück in die Ukraine. Der Zug, in dem er sich befand, wurde aber aufgehalten, die Familien von russischen Soldaten herausgezerrt und erschossen. Entachius N. kam in ein Lager in der Steiermark, von wo aus er sich gemeinsam mit Freunden zurück zu dem Bauernhof seines Unterdrückers durchschlug. Dort heiratete er die Tochter seines ehemaligen Dienstgebers. (derStandard.at, 9.2.2012)

Buch:

"'Fremdarbeiter' im Pinzgau. Zwangsarbeit, Lebensgeschichten" von Alois Nußbaumer wurde aus Mitteln des Zukunftsfonds der Republik Österreich, der Universität Salzburg und der Pinzgau Milch unterstützt. Das Buch erschien 2011 in der Edition Tandem.

Der Autor:

Alois Nußbaumer (geb. 1979) ist gelernter Fernmeldemonteur und promovierter Historiker.

  • Weronika S. aus Polen in Gries im Pinzgau.
    foto: edition tandem

    Weronika S. aus Polen in Gries im Pinzgau.

  • Die Menschen wurden bei ihrer Ankunft registriert.
    foto: edition tandem

    Die Menschen wurden bei ihrer Ankunft registriert.

  • Autor Alois Nußbaumer bei seiner Interviewpartnerin Olga W. in der Ukraine.
    foto: edition tandem

    Autor Alois Nußbaumer bei seiner Interviewpartnerin Olga W. in der Ukraine.

  • Der ehemalige Zwangsarbeiter Wassyl H. schmückte sich für das Interview mit den Orden, die er für seinen Einsatz als Löschwasser-Fahrer bei der Tschernobyl-Katastrophe bekam.
    foto: edition tandem

    Der ehemalige Zwangsarbeiter Wassyl H. schmückte sich für das Interview mit den Orden, die er für seinen Einsatz als Löschwasser-Fahrer bei der Tschernobyl-Katastrophe bekam.

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