Dichand will keinen "Junk" in "Heute" - Ainetter: Es ging nie um Qualität

7. Februar 2012, 19:27
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Ex-Chefredakteur über Trennung: "Kritischer, unabhängiger Journalismus" nicht mehr möglich, SPÖ-Leserbrief-Story "brachte Fass zum Überlaufen"

Wien - "Heute"-Herausgeberin Eva Dichand möchte ihre Gratiszeitung qualitativ aufwerten und strebt eine nationale Reichweite von 15 Prozent an, wie sie im Interview mit der Branchenzeitung Medianet erklärte. Das Thema Wochenendausgabe, mit dem Dichand in der Vergangenheit häufig geliebäugelt hat, ist indes vom Tisch. "'Heute' ist auf den Berufsverkehr ausgerichtet. Den hat man am Wochenende nicht, daher zahlt es sich nicht aus."

Geht es nach Dichand, soll "Heute" noch deutlich an Reichweite zulegen. Derzeit hält die Gratiszeitung bundesweit bei 12,9 Prozent - Dichand strebt auf Dauer 15 Prozent an. Das nächste Ziel sei es, den "Kurier" in Niederösterreich zu überholen - das werde sich "heuer noch ausgehen", gibt sich die Herausgeberin optimistisch. Wachstumspotenzial sieht sie außerdem im Anzeigenverkauf, vor allem in den Bereichen Auto, Gesundheit und Stellenmarkt. Überlegenswert sei auch ein Immobilien-Special für Wien, so Dichand.

"Key-Ziel"

Geld lukrieren will sie außerdem mit Zeitungsbeilagen. Durch die "Anti-Werbe"-Sticker seien die Postwurfsendungen stark zurückgegangen und Zeitungsbeilagen würden für Handelsketten als Werbeplattform wieder interessanter. "Und mit 'Heute' kann hier eine größere Reichweite im urbanen Bereich nachweislich erzielt werden. Deshalb ist dieses Thema heuer mit Sicherheit ein Key-Ziel von uns."

Inhaltlich soll sich "Heute" von Boulevardtiteln wie der "Bild"-Zeitung und "Österreich" abgrenzen. "Wir möchten wieder eine ruhigere Zeitung haben. Eine, die sich ganz klar von 'Österreich' abgrenzt, die können den Junk machen", so Dichand. 

Investition in Online

Investieren will sie in den Online-Ausbau von "Heute", ein größeres Portal kaufen und neue Android-Applikationen entwickeln.

Dichand vs. Ainetter

Zum Thema Trennung von ihrem Chefredakteur Wolfgang Ainetter, der mit Februar ging, sagt Dichand, dass "Heute" zu "Bild"-ähnlich wurde. Ainetter war jahrelang bei "Bild". Dichand über die deutsche Boulevardzeitung: "Wir möchten uns qualitativ aber ganz deutlich davon abgrenzen."

In einer Stellungnahme gegenüber derStandard.at meint Ainetter: "Ich lege Wert auf die Feststellung, dass die einvernehmliche Trennung auf meine Initiative zustande kam." Der Grund war, dass "kritischer, unabhängiger Journalismus" nicht mehr möglich gewesen sei. Und: "Bei den Gesprächen mit der Geschäftsführung ging es nie um die Frage der Qualität, sondern um die Frage von politischer und ökonomischer Einflussnahme auf die Redaktion. Dafür gibt es Zeugen."

Gefälschte SPÖ-Leserbriefe

Den endgültigen Bruch mit der "Heute"-Führungsetage gab es seiner Schilderung nach in Folge einer Aufdecker-Geschichte, die die Sozialdemokraten schmerzhaft traf: "Das Fass zum Überlaufen brachte unsere Geschichte über gefälschte und erfundene Leserbriefe, die von der SPÖ-Parteizentrale jahrelang an diverse Zeitungsredaktionen verschickt wurden."

Die Zeitung hatte am 22. November eine Story mit dem Titel "Faymanns falsche Facebook-Freunde schreiben auch Leserbriefe" gebracht. Darin wurde geschildert, dass von einer Internet-Adresse der SPÖ massenweise Leserbriefe verschickt wurden, die unter falschem Namen erstellt wurden. Einen Tag später gab Ainetter seinen Rückzug bekannt, die einvernehmliche Trennung vom Unternehmen auf seine Initiative zustande gekommen. (APA/red)

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