Sarajevo. Ein Wintermärchen

7. Februar 2012, 16:00
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Februarschnee ruft in der bosnischen Hauptstadt ambivalente Gefühle hervor

Der Schnee, vor allem Februarschnee, weckt in Sarajevo zwangsläufig Erinnerungen an das Jahr 1984, als die 14. Olympischen Winterspiele in Sarajevo ausgetragen wurden. Die Eröffnung war für den 8. Februar angesetzt, alles stand bereit, nur der Schnee wollte nicht kommen. Kunstschnee herzustellen war damals gar nicht so einfach. Die Organisatoren und die Bewohner Sarajevos waren bereits ernsthaft besorgt, aber dann, in der Nacht vom 7. auf den 8. Februar, begann es zu schneien; der Schneefall war dicht und stark, wie "aus Kübeln".

Acht Jahre später befand sich Sarajevo im Krieg und im Belagerungszustand. Die Schrecken der Belagerung waren im Winter am schlimmsten. Der Schnee roch nach Kälte und Hunger. 

Ausnahmezustand

In diesem Februar liegen Sarajevo und ganz Bosnien unter einer Schneedecke, wie man sie hierzulande seit Jahren nicht mehr erlebt hat. Die Hauptstadt ist paralysiert. Die Straßenbahnen konnten volle drei Tage nicht fahren. Nicht einmal die Hauptstraßen konnten geräumt werden, geschweige denn die Nebengassen. Es kam zu Versorgungsengpässen, und in einigen Geschäften in der Altstadt konnte man keine Lebensmittel kaufen, nicht einmal Brot. Zeitungen wurden nicht ausgeliefert. Am Wochenende des 5. und 6. Februar wurden keine Tageszeitungen verkauft. Die Zeitung "Oslobodjenje" wurde in den schneebedeckten Straßen gratis verteilt. Alles weckte Erinnerungen an die Kriegstage. 

Der Ausnahmezustand dauert weiter an. In Schulen und an der Universität findet kein Unterricht statt. Der Flughafen muss immer wieder gesperrt werden. Die Verbindung mit Mostar, der größten Stadt in der Herzegowina, ist gekappt. Zwischen Sarajevo und Mostar sind einige Autos und Busse stecken geblieben, zum Teil in einem Tunnel. Die Rettungsaktion dauerte fast zwei Tage. Aber der Schnee hat nicht nur die Straßen blockiert, sondern auch die Eisenbahn. Der Zug, der zwischen der Stadt Ploče an der Adriaküste und Sarajevo verkehrt, blieb in Mostar eingeschneit. 

Freud und Leid

Auch außerhalb der Hauptstadt herrscht Chaos: Nahrungsmittel und Medikamente müssen per Hubschrauber in entlegene Dörfer gebracht werden. Per Hubschrauber werden auch kranke Menschen ins Krankenhaus transportiert, vor allem Dialysepatienten. Armee, Polizei und die EUFOR-Truppen arbeiten zusammen. Es sind leider auch einige Todesfälle in Zusammenhang mit dem Schlechtwetter zu beklagen. Auf dem Berg Jahorina wurde am Montag, dem 6. Februar, die Leiche eines 24-jährigen Slowenen gefunden.

Es sieht so aus, als hätten nur die Kinder eine Freude mit diesem Wetter. Die Stadt sieht unter den Schneemassen unwirklich und märchenhaft aus. Die Straßen sind voll von Kindern in bunten Skianzügen und Jacken - sie lassen sich von ihren Eltern auf Schlitten durch das Stadtzentrum ziehen. Die Handwerker in der Altstadt haben den Schnee in die Straßenmitte geschaufelt und so zwei Trampelpfade für Fußgänger geschaffen - einer unausgesprochenen Vereinbarung folgend gehen die Menschen auf dem einen Weg in die eine, auf dem anderen in die andere Richtung, in Kolonnen, wie Soldaten. Touristen steigen auf den Schneehaufen in der Straßenmitte, um Fotos zu machen und diese wohl auf Facebook oder wo auch immer zu posten.

Spuren im Schnee

Der Schnee hat allerdings noch etwas weniger Offensichtliches bewirkt: Für zwei oder drei Tage sind die politischen Konflikte und Animositäten in Vergessenheit geraten. "Der Schnee fällt nicht, um den Hügel zu bedecken, sondern damit jedes Tier seine Spur ziehen kann", besagt eine lokale Weisheit. Sobald jedoch wirklich Schneemassen Land und Leute unter sich begraben, zeigt sich, wie gleichgültig die Natur gegenüber Mensch und Tier ist und wie unverzichtbar es ist, dass die Menschen sich aufeinander verlassen. (Muharem Bazdulj aus Sarajevo, daStandard.at, 7.2.2012)

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