"Der macht mich fertig, der Mensch"

7. Februar 2012, 11:52
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Wie Austria Wien von einem Ver­trag mit Sturm profitierte, um Rapid eins auszuwischen, war eine nette Schlusspointe im Kartnig-Prozess, der diese Tage ins Finale geht. Das Urteil als Schlusspfiff ist Ende der Woche geplant

Graz - So spielt das Leben. Vor gut zehn Tagen noch war er umschwänzelter Society-Gast auf der Grazer Opernredoute, seit gestern Montag hockt er wieder einsam auf der Anklagebank im Grazer Straflandesgericht: Hannes Kartnig, ehemaliger Präsident des Fußball-Erstligisten Sturm Graz, muss hier noch einige Tage abdienen, ehe zum Wochenende das Urteil fällt. Für den Endspurt des seit März 2011 sich dahinschleppenden Prozesses um schweren Betrug, betrügerischer Krida und Steuerhinterziehung hat Kartnig noch die Unterstützung eines alten "Freindes" eingefordert.

Sein Trauzeuge, der austro-kanadische Autoindustrielle Frank Stronach solle als Zeuge kommen, um zu bestätigen, dass mit der Ein-Million-Spende an Sturm alles in Ordnung sei. Und nix von wegen Betrug oder so, wie es der Staatsanwalt immer vorzuwerfen pflege.

"Beruf?", fragt der Richter. "Werkzeugmacher". "Schon in Pension?" "Nein, noch immer aktiv." Naja, und eigentlich heiße er "Strohsack Franz".

Also wie war das jetzt mit der Hilfe für Sturm? Frank Stronach: "Wir haben da, durch mich, einen Sozialfonds, nicht? Und Sport war für mich immer ein Anliegen, weil ja alle Vereine mit einem halben Fuß im Konkurs stehen."

Eigentlich habe er Sturm wegen der steirischen Arbeiter gesponsert. Von dort sei "immer mehr Druck gekommen", warum er eigentlich nur seinen Wiener Verein, die Austria, unterstütze und keinen steirischen Klub, wo doch hier ein großer Teil seiner Magna-Betriebe sei.

Austria hatte Hand auf Sturm

Also rückte Stronach die Million heraus. Aber natürlich nicht ganz uneigennützig. Da war nämlich noch der ominösen Vertrag, den seine Magna-Tochter SMI mit Sturm abschloss. Sturm kassierte eine Million Euro, Austria das Recht, sechs Spieler von Sturm "ziehen" zu können. Die Austria hatte jetzt auf den sechs besten Spielern die Hand drauf, aber - zum Glück für Sturm - null Interesse an den Kickern, wie wenig später ein SMI-Manager als Zeuge anmerkte. Denn die Sturmspieler hätten, "qualitätsmäßig" nicht über das Niveau der Austria verfügt. Aber: "Wir wollten verhindern, dass sich Rapid die Spieler holt und sich verbessert, also haben wir mit dem Vertrag einen Verkauf blockieren können."

Solche Fußballinterna interessierten Staatsanwalt Johannes Winklhofer nur mäßig. Er war auf einen ganz anderen Punkt aus - mit dem er Kartnig quälte. Winklhofer fragte zuvor Stronach, ob er Kartnig die Million gegeben hätte, wenn er gewusst hätte, das Sturm Abgaben hinterziehe. Stronach: "Nein, ich würde nie mit einer Firma oder einem Fußballklub Geschäfte machen, wenn es Illegalitäten gibt." Der Staatsanwalt triumphierte leise und dehnte umgehend die Anklage aus. Kartnig habe in betrügerischer Absicht Stronach eine Million herausgelockt. Das Wörtchen "Betrug" löste in Kartnigs Kopf ein Feuerwerk und blitzartig Schreianfälle aus: "Ich bin kein Betrüger, ich habe nie betrogen. Ich lass mich so net herrichten. Der macht mich fertig, der Mensch, I' kann mich net z'rückhalten." Resignierend mit Blick auf die Mitangeklagten, die ihm fürsorglich "ruhig, ruuuhig" zuraunen, setzt sich der Bulle wieder auf die Bank. Wenig später kommt die Entwarnung: Der Antrag der Staatsanwaltschaft auf Ausdehnung der Anklage wird vom Richter abgelehnt.

Der Prozess könnte also tatsächlich noch diese Woche zu Ende gehen - und Kartnig entweder als erstinstanzlich Verurteilter oder freier Mann wieder zurück aufs Tanzparkett wechseln: in zehn Tagen - wie gewohnt - auf dem Wiener Opernball. (DER STANDARD, Printausgabe - 8.2. 2012)

Nachtrag

Am Dienstagabend gab es plötzlich wieder Zweifel, ob das Verfahren tatsächlich noch diese Woche beendet werden kann. Kartnigs Verteidiger bestanden zwar nicht auf eine wörtliche Verlesung des Akts, wollen aber auch nicht ausdrücklich darauf verzichten. Sollte Mittwoch früh darüber keine Einigung erzielt werden, muss der gesamte, mehrere Dutzend Kartons umfassende Akt wörtlich verlesen werden. Das Urteil würde sich damit um Wochen verzögern.

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    Auch Frank Stronach musste einfliegen, um im Prozess gegen seinen Freund Hannes Kartnig auszusagen. Es ging um eine "Ein-Million-Euro-Spende" an den Fußballklub Sturm Graz.

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