Spieltheorie

Tit-for-tat in der Freyschen Welt

Leser-Kommentar | 7. Februar 2012, 10:06

Warum das Gefangenendilemma keine Menschheitsformel begründet

Au fein, das Rätsel ist gelöst. Eric Frey hat uns die "Menschheitsformel" gezeigt. Endlich können wir all die unnützen Universitätsinstitute schließen, die soziologischen genauso wie die volkswirtschaftlichen und die politikwissenschaftlichen.

Wozu Grundlagenforschung? Sollen endlich einmal was Richtiges arbeiten! Uns kann nichts mehr passieren - wir haben eh die Formel. Mit der kann man die Staatspleite Griechenlands genauso wie das Eheunglück der steirischen Eiche, das Funktionieren der Mafia ebenso wie das Grundproblem der Demokratie erklären. Supi!

Der angesichts dieser guten Nachrichten hoffnungsfroh jauchzenden Menschheit wird es - so denkt der Verkünder - ja wohl nichts ausmachen, wenn man die Einzelheiten ein wenig verdreht. Wenn man beispielsweise suggeriert, die Spieltheorie sei eine Entwicklung der Strategieforschung des Kalten Krieges, und zu erwähnen vergisst, dass sie bereits in den frühen 1940er Jahren entwickelt wurde.

Wenn ihr das mitgeteilt würde, dann würde sich die Menschheit vielleicht ein wenig informieren und darauf stoßen, dass der große Klassiker der Spieltheorie, die 1944 publizierte "Theory of Games and Economic Behavior" von John von Neumann und Oskar Morgenstern, tatsächlich als fundamental neuer Ansatz der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften konzipiert war.

Sie würde sehen, dass die Anwendung auf gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Phänomene bereits in dieser Anfangsphase Kern des spieltheoretischen Denkens war. Und das würde den Originalitätsgehalt von Freys Ausführungen deutlich in Frage stellen.

Wenn der Verkünder aber das alles gekonnt verschweigt, kann er auch getrost eine weitere Besonderheit des Gefangenendilemmas vergessen, die seinen Versuch, aus dem Gefangenendilemma ein ethisches Prinzip abzuleiten, zumindest ins schlechte Licht rücken könnte.

Im Gefangenendilemma ist es nämlich vollkommen egal, welche Einstellung Jim und Tom zueinander haben: Ob sie nun beide egoistisch oder altruistisch agieren, sie kommen zum selben Ergebnis. Auch wenn Jim und Tom das Beste für den jeweils anderen anstreben, werden sie beide gestehen. 

Vielleicht würde die Menschheit dann auch bemerken, dass das später entwickelte Gefangenendilemma nur einen recht begrenzten Fall der Spieltheorie darstellt, der allerdings wirklich durch seine Entstehung im Kalten Kriegs geprägt ist: nämlich dass es ein Spiel nicht mit vielen, sondern mit zwei Spielern ist, Jim und Tom, Blue and Red.

Das war nun so gar nicht im Sinne von von Neumann und Morgenstern und wirkt auch ein wenig seltsam. Die Menschheit könnte gar zu zweifeln beginnen und sich leise fragen, ob wirklich alle erwähnten Situationen als Spiele mit nur zwei Spielern beschrieben werden können.

Aber, könnte die Menschheit fragen, sind denn beim Gefangenendilemma tatsächlich nur zwei Spieler involviert? Wer sperrt die beiden denn eigentlich ein? Der Clou des Gefangenendilemmas ist, dass Jim und Tom sich nicht absprechen können. Sie werden in separate Zellen gesteckt und getrennt voneinander vernommen, sodass sie keine Kooperation planen können, sondern sich allein auf das bis dahin aufgebaute Vertrauen stützen können.

Außerhalb des Spiels gibt es also eine Machtinstanz, die Absprachen unterbindet, und ein von dieser Macht gestütztes und durchgesetztes Regelwerk, das zu ändern die Spieler nicht imstande sind.

Und da beginnt die versammelte Menschheit schließlich zu rebellieren und erkennt Freys Heilsversprechen als inhaltsleer.

Von der Annahme einer gesellschaftsexternen Macht, der man zu gehorchen habe, und eines von dieser oktroyierten und unveränderbaren Regelwerks hat sie sich, wenn nicht im Zuge der Aufklärung, so doch im Rahmen der gesellschaftstheoretischen Reflexion der letzten Jahrzehnte, endlich gelöst. In so einer Welt möchte die Menschheit nicht mehr leben.

Freys Versuch ist nun klar entschleiert als einer der Retraditionalisierung: Glaubt an die Formel!

Indem er den sozialwissenschaftlichen Diskurs der vergangenen sechs Jahrzehnte leugnet und das Gefangenendilemma zur Menschheitsformel aufbläst, schafft er etwas, woran letztlich selbst die amerikanischen Kalten Krieger (inklusive derer, die sich freiwillig zu LSD-Tests meldeten) gescheitert sind: Er hat sich eine Welt nach seinen Vorstellungen geschaffen, in der er von nun an alleine sitzen und spielen darf. (derStandard.at, 7.2.2012)

Autor

Christian Dayé ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Karl-Franzens-Universität Graz, wo er das Doktoratsprogramm Geschichte und Soziologie der Sozialwissenschaften koordiniert. Er befasst sich mit der Geschichte der Sozialwissenschaften im Kalten Krieg.

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LebenIstSinnlos
00

Sehe hier nicht das Argument pro neo-liberalismus. Ich sehe ein riesiges metaethisches Argument gegen Moral. Wenn man aus reiner egoistischen Perspektive arugmente für soziales Benehmen finden kann, dann ist Moralrealizmus überflüssig. Selbst wenn jede Aktion eines Menschens nicht als Gewinnoptimierend einzustufen ist, kann man die Aktion im Rahmen einer genetisch bedingten Gesamtstrategie sehen. Menschen sind nicht damit komfortabel, ihre Strategie zu ändern. Das wäre sozial auffallend. Genetische egoismus erklärt vieles wunderbar!

Gegenargumente gibt's ja kaum, denn was wäre ein mathematisch-richtiges Verhältnis zwischen selbstopferung und selbstdurchsetzung? Was ist denn das Gegenteil von Egoismus? Wie definiert man altruistische Ziele?

z1302a
00
12.2.2012, 15:15
hier geht es um die genetisch verfügbare Fähigkeit der Reflexion

und der Annahmen, die im spieltheoretischem Setting getroffen werden.

Gegenbesipiel wäre ein Diskussion über die Verhältnisse.

Frodo Der Hobbit
00
die macht gibts schon noch, aber nicht mehr absolut

es ist das mangelnde vertrauen, das auch im fall der absprachemöglichkeit gefahren enthält.

wir haben eine vertrauenskrise durch mutwillige spaltung der identitäten. (zb standesbewusstsein)

b_lebowski
10
Wo war Herr Daye

beim Lesen des Freyschen Textes? Dabei kann er nicht gewesen sein! Wenn doch, hat er ihn nicht verstanden! Geht es doch bei Frey u.a. um Kooperation und Solidarität und in guter alter Tradition der Vertragtheoretiker (Rousseau) um die Frage, welches System sicherstellen kann, dass "freie" Menschen nicht dem Motto "homo homini lupus" folgen können oder müssen. Und wenn sie es doch tun, sollte man dem Einhalt gebieten können (tit for tat). Das aber bitte in einem demokratischen Rechtsstaat und nicht in einem anarchistischen oer autokratischen Kopf-Ab-Gesellschafts-Modell!

Frodo Der Hobbit
00
ist doch ein thema für sich

die erkenntnis, dass die randbedingungen revolutionär oder auch demokratisch geändert werden können, ist doch eine der wichtigsten.

die spannende frage dabei, wie wirkt sich das auf das spiel aus?

in bestimmter from muss man vermeiden, die beiden ebenen zu vermischen, wenn man am theoriegebäude arbeiten will.

* uns werden fragwürdige randbedingungen als tabu präsentiert

* ziemlich jede randbedingung, die die population nicht erdrückt, ermöglicht auch egoistisches "defektieren". es bedarf innerer, kultureller bedingungen, um dies erträglich zu halten.

censeoiactaest
00

Das Gefangenendilemma kann das erwähnte
Werk aus den vierziger Jahren
von Neumann und Morgenstern nicht
lösen. Das gelingt erst mit dem 1950
veröffentlichten Arbeiten von John Nash
(Nash-Gleichgewicht), also durchaus im
Kalten Krieg, wenn man schon auf den
geschichtlich richtigen Kontext Wert legt.
Neumann hat sich mit der Idee von Nicht-Nullsummenspielen, wie sie Nash untersucht hat,
gar nicht befasst. Tatsächlich sind
Probleme in der Wirtschaft oder Politik meist
Nicht-Nullsummenspiele.

Der Mensch der nachdenkt bevor er vordenkt
 
00
Wie entstehen Herrschaftssysteme?

Herrschaftssysteme sind nicht "einfach da", sondern entstehen.
Für ihre Entstehung ist eine Gemeinschaft erforderlich, in der Interaktion abläuft.
So weit, so nona.
Die nächste Frage ist, wie die Interaktion abläuft. Und da beschreibt das Gefangenendilemma sehr schön, was sein könnte. Nämlich das Element der Unehrlichkeit. Es gibt in der Interaktion von Menschen keine automatisch "offene" Kommunikation, sondern eine durch den Überlebenswunsch gesteuerte. Jeder hat dazu seine Methodik: Körperliche Gewalt, bewusste Lüge, Verstellen, Furcht ...
Wer dieses Verhalten am besten nutzen kann, etabliert allmählich seine Herrschaft und sichert sie ab.
Echte Kooperation erfordert angstfreie Menschen. Die gibt es nicht per se. Wir müssen sie schaffen.

Cote 304
00

Herrschafftssysteme entstehen aus dem einfachen Grund, weil wenige Menschen Alpha-Tiere sind und die meisten nicht.

Frodo Der Hobbit
00

man muss die eben pausenlos gegeneinander revoltieren lassen..

Cote 304
00

Was glauben Sie, was ein Krieg ist?

Reich sein muss sich lohnen!
01
Eigentlich widerlegt Frey damit ja die Grundannahme des Wirtschaftssystem

Wenn jeder nur das macht, was für einen selbst im Moment das Beste ist, dann kommt unterm Strich das Beste für alle raus (Wenn jeder egoistisch Handelt dann führt das irgendwie zum allgemeinen Wohl).

Das wiederlegt diese Geschichte ganz klar.
Hätten die Beiden nämlich nicht das getan, was für den Einzelnen im Moment nach dem Besten aussah, sondern hätten sie kooperiert, dann wären sie mit einem Jahr davon gekommen und müssten keine 4 Jahren einsitzen.

Kooperation führt zum besten Ergebnis für alle, nicht Gier, Egoismus und Konkurrenz.

JosyH1
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Das klingt aber auch sehr nach persönlich untergriffiger Wadelbeißerei

Leider begründet genau dieser Ton in Österreich die Verdrossenheit der breiteren Masse am intellektuell etwas anspruchsvolleren (wissenschaftlichen) politischen Diskurs.

Ist es dem sicher ebenfalls sehr qualifizierten Autor unmöglich seine Meinung einfach nur neben die Standpunkte Anderer zu stellen statt dagegen?

Macht es Hr Daye so viel qualifizierter wenn er die alleinige Wahrheit vertritt (obwohl er sicher weiß wie vielschichtig diese ist)?

Diesen Ton finde ich schade und unnötig - er zeigt eine intellektuelle Schrebergartenmentalität wo man aggresiv agieren zu meinen glaubt, um sein Stück am Kuchen (fix beanspruchte Anteile an Fördertöpfen) zu verteidigen.

Inhaltlich finde ich den Beitrag sehr spannend und wertvoll - den Stil mies.

großgoscherter Zwerghamster
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Wie kann man eine Meinung "neben" eine andere Meinung stellen, die schlicht falsch ist?

Was hätte das für einen Sinn?

Frey ist ein Blinder in allen Belangen. Es gibt so gut wie nichts was er je geschrieben hat, das einer tiefer gehenden Analyse stand hält.

Und solche Menschen muss man ihre Schranken verweisen. Weil sie hier - völlig unverdient - eine Plattform haben und die Gefahr besteht, dass es viele Menschen einfach glauben, was der Dilettant schreibt. Weils halt in der Zeitung steht. So funktioniert die Krone und so funktioniert auch der Standard.

Genau so werden Meinungen gemacht. Man saugt sich was aus den Fingern, was seinem eigenen krausen Weltbild entspricht und verteilt es unter möglichst vielen Leuten - Frey ist ein billiger Propagandist!

Und darauf muss man die Leute in aller Deutlichkeit hinweisen!

kwazzo
00
dem autor werfen sie untergriffigkeit und wadelbeißerei vor

und selbst? unterstellen sie das motiv der "aggressiven verteidigung des fix beanspruchten stück förderkuchens"

????

abgesehen davon, dass ich dieses motiv für sehr weit hergeholt und unbeweisbar halte, finde ich ihren stil um nix besser.

In dubio pro reo
11
Haben Sie ihn

denn verstanden?

Markus2001
00

Der ironische Ton ist das einzige, was Freys Artikel wirklich verdient hat.

site:°~+*-||!#.\>
00
Tit-for-tat ist für Frey zu hoch.

Geh bitte, Frey hat Politikwissenschaft in den USA studiert.

Der hat von Wirtschaft weniger Ahnung als ein Maikäfer, wenn es blitzt.

Der Standard war noch nie eine Qualitätszeitung - in Österreich gibt es keine Qualitätszeitung.

Der Standard gründet lieber eine Tierecke-Redaktion (a la Kronen-Zeitung), als eine kompetente Wirtschafts- oder investigative Redaktion.

großgoscherter Zwerghamster
00
Dem ist leider Zuzustimmen.

Inkompetenz soweit das Auge reicht. Und es wird von Jahr zu Jahr schlimmer.
Das einzige was FÜR den Standard spricht ist, dass alle anderen noch schlechter sind oder zumindest nicht besser (je nach Weltbild).

z1302a
00
12.2.2012, 15:22
was beim standard anders ist: Es gibt interessante Disskussionbeiträge!

Franz Klug
02
Frey ist einfach Geschichtsvergessen:(wahrscheinlich hat er die Geschichtsstunden in der Schule immer geschwänzt!

Damit Frey seine Theorie, dass der Mensch im Grunde nur ein Egoist ist, aufrecht erhalten kann muss er die ganzen Erkenntnisse der Anthropologie/Ethnologie und Frühgeschichte der Menschheit ausblenden.
Die Frühgeschichte der Menschheit, die Stammesgeschichte, zeigt ganz klar, dass die Menschen nur durch Kooperation überlebten und eben nicht durch Egoismus.
Dass vom Wir losgelöste Ich, vor allem in seiner derzeitigen neoliberalen Form, ist ein relativ junges Menschheitsprodukt und ging einher mit dem Aufbau unserer kapitalistischen Gesellschaftsordnung und der Erfindung und Einführung von Nationen/Staaten und Menschenrechten.

Quintus Beckloeffel
00
"dass die Menschen nur durch Kooperation überlebten und eben nicht durch Egoismus"

Ich will ja jetzt nicht das Loblied auf die explanatorische Omnipotenz der Spieltheorie verteidigen, aber: dass es Kooperation gibt (und gegeben hat) bestreitet ja kein Vertreter eines egoistischen Erklärungsansatzes. Er wird die Kooperation lediglich als rationale Maßnahme im Sinne des Eigeninteresses deuten.

Kritik mit Hand und Fuß ist eher bei Sen zu finden. (Nein, das ist nichts japanisches, sondern was indisches)

Franz Klug
00
Amartya Sen ist gut, Martha Nußbaum ist besser!

Sen ist im wissensch. Wirtschaftsbetrieb, auf Grund seiner indischen Herkunft, weil er Armut nicht nur aus den Lehrbüchern kennt, derjenige der versucht kontextuell zu denken und dann seine Theorien auch dementsprechend modelliert.
Martha Nußbaum denkt radikaler als Sen und verlangt, dass für ein gutes Leben für Alle bestimmte Grundbedürfnisse abgedeckt sein müssen.
Bei Frey etal. ist ja ein Problem, dass sie einen Sonderfall, Gefängnissituation, zum Normalfall aufblasen und dann überschiessend auf alle Menschen schliessen.

Malinowksi: "Fürst Peter Kropotkin war völlig im Recht, wenn er betonte, gegenseitige Hilfe der Individuen einer zusammenarbeitenden Gemeinschaft sei der beherrschende Begriff". (Eine wissensch. Theorie der Kultur)

pox vobiscum
01

Noch ein paar Spielchen für das nächste kalte, langweilige Wochenende:
http://de.wikipedia.org/wiki/Feiglingsspiel
http://de.wikipedia.org/wiki/Urla... berdilemma
und etwas weniger Spielerisches:
http://de.wikipedia.org/wiki/Trag... r_Allmende

anmahalo
00
Also mir taugts,

und zwar das Thema allgemein wie auch die Diskussion hier im Blog! Auch der Originalartikel von Frey hat mir getaugt. Aber wenn ich das hier so durchlese (vor allem im Blog), komme ich doch zur Ansicht, dass es mal mindestens 2 Lager gibt (die könnten wir ja "blue and red" nennen ;-))

Wer hat einen Buchvorschlag zum diesem Themenkomplex für mich?? Bitte nichts hard-core wissenschaftliches, sondern "populärwissenschaftlich"!
Ist das erwähnte Werk von von Neumann und Morgenstern empfehlenswert? Wer kann was zu Nash empfehlen? Wie sieht es aus mit der von Frey empfohlenen Literatur, ich bitte um Meinungen: (z.B.:Martin Novak, "SuperCooperators: Altruism, Evolution, and ..."; Axelrod: "Evolution der Kooperation",...

Vielen Danke im voraus!

Kahuna
00
Ich koennte KAHNEMAN, Daniel und TVERSKY, Amos

empfehlen.

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