Selbstkritik dringend nötig

Kommentar6. Februar 2012, 18:41
15 Postings

Die Missbrauchskommission sollte sehr genau prüfen, ob ein ehemaliges Heimkind tatsächlich absichtlich mit Malaria infiziert wurde

Es klingt wie eine Gruselgeschichte aus längst vergangener Zeit: Ein ehemaliger Patient der Uni-Klinik für Psychiatrie in Wien, Heimkind und notorischer "Ausreißer", wurde als Kind in den 1960er-Jahren mit dem Malariaerreger infiziert. Dem verängstigten Buben war mit der "Geschlossenen" gedroht worden, das Opfer wurde für sein Leben geschädigt.

Unwillkürlich tauchen Vergleiche mit anderen, systematischen, "Menschenversuchen" auf, ob unter den Nazis oder in der freien Welt. Freilich gibt es bis dato keine Hinweise, dass österreichische Heimkinder systematisch Opfer dieser fragwürdigen "Therapie" wurden. Es gibt auch keinen Verdacht, dass etwa das Jugendamt solche Versuche angeordnet hätte - etwa, um renitente Heimkinder ruhigzustellen.

Die Missbrauchskommission, die sich des Mannes nun annimmt, wird dennoch sehr genau prüfen müssen, was damals passiert ist. Es ist wichtig zu wissen, wer die damals Verantwortlichen waren - und was sie sich dabei gedacht haben. Das ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit für die Opfer, das ist auch wichtig im Sinne des Sozial- und Wohlfahrtssystems. Der Missbrauch von früher kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden - aber künftiger möglicher Missbrauch von Schutzbedürftigen muss, so gut es geht, verhindert werden. Das geht nur, wenn man zur Selbstkritik fähig ist - so schonungslos wie möglich. (DER STANDARD-Printausgabe, 7.2.2012)

Share if you care.