Weg mit Landeshauptleuten und Landtagen!

Kommentar der anderen | Volker Plass, 6. Februar 2012, 18:24
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    foto: apa/hochmuth

    "Landesvater" Pröll will es, was die Zahl der Abgeordneten betrifft, künftig billiger geben. Die Frage, wer ihm das als Demokratiereform abkaufen soll, ist aber offenbar noch ungeklärt.

Veraltete Institutionen, die schlecht arbeiten, werden nicht besser, wenn man sie nur verkleinert - Plädoyer für eine grundlegende Verwaltungsreform, in Erwiderung auf Erwin Pröll und einen Kommentar von Stefan Schennach

Eine typisch österreichische Lösung für Probleme aller Art ist es, herrschende Zustände nicht prinzipiell infrage zu stellen, sondern an bestehenden Strukturen herumzudoktern. Wenn man das mit einer ordentlichen Portion Populismus verbinden und so von den wirklichen Problemen ablenken kann, umso besser!

Der unlängst erfolgte Vorstoß von Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll, Nationalrat und Landtage zu verkleinern sowie den Bundesrat nur mehr mit Landtagsabgeordneten zu beschicken, ist dafür ein Paradebeispiel: Österreich muss irgendwie sparen - warum also nicht gleich bei der Politik beginnen? Und da wahrscheinlich viele der vom Landesfürsten wohlbehüteten Untertanen Parlamente ohnehin bloß für ein "sinnloses Theater" halten, ist Prölls Idee sicherlich äußerst publikumswirksam.

Natürlich sind auch in sensiblen Bereichen wie der parlamentarischen Demokratie Kosten-Nutzen-Analysen legitim. Und wahrscheinlich könnte man anhand zahlreicher Beispiele belegen, dass der österreichische Nationalrat, der mehr als 90 Prozent aller von der Regierung vorgelegten Gesetze ohne jede Veränderung durchwinkt, für die von ihm de facto geleistete Arbeit relativ viel kostet.

In erfolgreichen Unternehmen werden jedoch Abteilungen, die schlecht funktionieren und keinen Gewinn abwerfen, entweder geschlossen oder nachhaltig saniert. Ungeeignete und veraltete Strukturen ein wenig zu verkleinern schützt selten vor der Pleite.

Die Anzahl der Nationalrats- und Landtagsabgeordneten bloß reduzieren zu wollen ist deshalb ein reines Ablenkungsmanöver! Österreich leidet nicht an einem Zuviel an parlamentarischer Demokratie, sondern an nicht mehr zeitgemäßen und deshalb ungeeigneten politischen Institutionen. Nicht der unmittelbare finanzielle Aufwand für diese Gremien ist das Problem, sondern die indirekten Folgekosten, welche durch deren unnötige bzw. schlechte Arbeit entstehen.

Die Landtage sind vor dem Hintergrund der europäischen Integration vollkommen obsolet geworden. Ein Kleinstaat braucht keine zehn nationalen Gesetzgeber! Verkleinerte Landtage würden jedoch denselben Gesetzeswildwuchs erzeugen wie große, und die Landeshauptleutekonferenz bliebe als größte Verhinderungszentrale der Nation auch weiterhin aktiv.

Der Bundesrat ist ein vollkommen zahnloses Gremium, in dem nicht die regionalen Anliegen der Länder vertreten werden, sondern dieselben parteipolitischen Fronten wie im Nationalrat aufeinanderprallen. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn dort statt "teurer" Bundesräte "billige" Landtagsabgeordnete sitzen. Und warum ein bezüglich seiner Infrastruktur ohnehin mangelhaft ausgestatteter Nationalrat mit weniger Abgeordneten besser arbeiten sollte als derzeit, ist ebenfalls fraglich.

Landtage, Landesregierungen und Landeshauptleute sollten deshalb ersatzlos abgeschafft und Nationalrat sowie Bundesrat deutlich aufgewertet werden. Ein starkes Zwei-Kammern-Parlament könnte tatsächlich ein "Glücksfall" sein, wie SPÖ-Bundesrat Stefan Schennach vor wenigen Tagen in diesem Blatt meinte. Aber nicht, indem man wie Schennach den derzeit fragwürdigen Zustand des Parlaments schönredet, sondern beide Kammern einer grundlegenden Reform unterzieht:

Dafür ist es zuallererst notwendig, die dorthin Abgeordneten arbeitsfähig zu machen: Der Nationalrat soll sich nicht mehr jederzeit selbst auflösen können, sondern künftig volle fünf Jahre tagen. Auch Politiker/-innen haben ein Recht auf Lebensplanung und konstante Arbeitsbedingungen! Der Verfassungsdienst übersiedelt vom Bundeskanzleramt ins Parlament. Die Abgeordneten bekommen wie ihre bundesdeutschen Kollegen persönliche Mitarbeiter/-innen zur Unterstützung, und sie werden als Bundespolitiker aus der Geiselhaft ihrer Landespartei-Sekretariate befreit.

Zu diesem Zweck werden in der Nationalratswahlordnung das 1. und 2. Ermittlungsverfahren (Regional- und Landeswahlkreise) ersatzlos gestrichen. Die Parteien treten nur mehr mit Bundeslisten zur Wahl an und achten selbst auf regionale Ausgewogenheit. Bei den EU-Wahlen funktioniert das bestens. Ein effektives Vorzugsstimmensystem ermöglicht zudem den Wählern, wesentlich mehr Einfluss auf die Wahlvorschläge der Parteien zu nehmen und den Status des Parlaments als "Grabmal des unbekannten Abgeordneten" zu beenden.

Jeweils zweieinhalb Jahre nach dem Nationalrat wird die Zweite Kammer, der "Regionalrat", gewählt. Er besteht ebenfalls aus 183 Abgeordneten, die jedoch ausschließlich in kleinen Regionalwahlkreisen gewählt werden. Der Regionalrat hat nicht nur Vetorechte gegenüber der Ersten Kammer, sondern auch eigene Kompetenzen, etwa die Raumordnung. Die Abgeordneten des Regionalrates erhalten jeweils ein kleines Büro mit persönlichen Mitarbeitern in ihrer Region. Sie agieren einerseits als Kontrolleure der regionalen Verwaltung, andererseits artikulieren sie als Ombudsmenschen ihrer Region lokale Interessen und initiieren bzw. moderieren politische Entscheidungsprozesse. Subsidiarität sollte nämlich tatsächlich bei den Menschen in den Regionen stattfinden und nicht - wie von Stefan Schennach goutiert - in einem Wiener Gremium, in dem hauptsächlich Parteigünstlinge sitzen. Konsequenterweise sollte der Regionalrat deshalb auch seinen Sitz nicht in Wien, sondern in Salzburg oder Innsbruck haben.

Um solche Reformen zu verwirklichen, wäre in Österreich jedoch eine kleine Revolution nötig: Die Wähler/-innen müssten endlich erkennen, dass allmächtige "Landesväter" vom Schlage eines Erwin Pröll mit moderner Demokratie kaum etwas zu tun haben. Und die Parlamentsabgeordneten müssten sich sowohl von der Regierung als auch von ihren Parteizentralen emanzipieren.

Insofern stellt der von Pröll präsentierte Vorschlag auch so etwas wie ein österreichisches Sittenbild dar: In entwickelten Demokratien schickt das Parlament die Regierung in die Wüste, wenn diese schlecht arbeitet. Hierzulande hingegen wollen die Regierenden dem Gesetzgeber an den Kragen, um von ihrer eigenen Unfähigkeit abzulenken. (Volker Plass, DER STANDARD, Printausgabe, 7.2.2012)

 

Der Autor ist Unternehmer und zudem Bundessprecher der Grünen Wirtschaft.

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Occam
00
17.4.2012, 00:56
Für ein Österreich der geförderten Regionen durch eine Zentralregierung!

Bundesländergrenzen entscheiden bei Schule, Spital, Krankenkasse, bei Bauregeln, bei Jugendlichenausgehzeiten, bei Polizeistrafe und vieles mehr. Und Rechnungshofberichte müssten zwingend im Parlament behandelt und Vorschläge angenommen werden! Leider kann man der Legislative keine Sanktioen bei Nichtbehandlung auferlegen, die Vorschläge net amol ignoriert!!

funkenschuster
00
15.2.2012, 07:48

Was noch fehlt wäre den Exekutiv vom Legislativ zu trennen. Ich wäre für eine Direktwahl des Kanzlers und Abschaffung des höchst unnötigen Bundespräsidenten dessen Funktionen von den Parkamentspräsidenten übernommen werden können. Der Kanler, wenn einmal gewählt sollte nicht vom Parlament in die Wüste geschickt werden können aber die regierung sollte auch keine Neuwahlen ausrufen können. Es sollte einen mitgewählten Vizekanzler geben damit im Verhinderungsfall dieser einspringen kann. Eine Art Hybrid aus schweizer und US System.

Dazu noch starke unabhängige Strukturen wie einen wesentlich stärkeren Rechnungshof und auch unabhängige Staatsanwälte und schon schmeckt mir die Suppe. Mental müssen wir raus aus dem 19 Jhdt und rein ins 21.

vito don´s schwester
01
13.2.2012, 14:31
die bundesländer können bleiben

verwaltet von tourismus agenturen. als gesetzgeber und exekutive taugen sie nur dazu, dass alles unendlich kompliziert und teuer wird.

Otto Kegele
 
00
12.2.2012, 22:47
Für PolitikerInnen und für die Hochfinanz sind wir, das dumme Volk, nicht mehr und nicht weniger Wert als für einen Bauer das Vieh.

VOR DER WAHL sind wir Stimmvieh,
NACH DER WAHL sind wir Rindviecher,
dazwischen werden wir gemolken und sind für
diese abgehobene Gesellschaft nicht mehr wert
als das, was die Viecher unterm Schwanz von sich geben.

Es reicht, es ist höchste Zeit zu einer Wende!

FRUSTRIERTE BÜRGER UND WÄHLER VEREINIGT EUCH!
EMPÖRT EUCH - PROTESTIERT !

Fordern Sie Ihren persönlichen STIMMZETTEL
(zur Abgabe Ihrer Protest-stimme) für die nächste Kommunal- Landtags- oder Nationalrats- Wahl an, unter der E-Mail-Adresse: otto.kegele@gmx.at

Fraho
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eine Empfehlung an die Parteivorsitzende

...diesen Vorschlag der Abschaffung der Landeskaiser mitsamt dem Hofstaat auf parlamentarische Ebene zu bringen!!
Damit hätten die Grünen wieder einmal Zulauf von vielen Nichtparteigebundenen!

keep cool1
 
40
Nicht abschaffen, aber deutlich reduzieren und reformieren!

Ich würde die Landtage nicht abschaffen, aber die Anzahl auf 3 reduzieren!
Wir brauchen keine 9 Landtage, 3 Regional-Parlamente Ost/Süd/West mit dem Personal von 3 Landtagen würde ausreichen. Wer braucht 9 verschiedene Landesgesetzgebungen in unserem kleinen Land? Einheitlich harmonisieren und den Rest in den Papierschredder! Wer benötigt noch den Bundesrat - einfach auflösen, die Interessen der Länder beim Bund können anlassbezogen Vertreter der 3 Regionen wahren. Auch unser Parlament ist im internat. Vergleich viel zu groß ~ 120 NR wären genug, man braucht nur Spreu von Weizen trennen- Schluss mit Versorgungsposten!

Fraho
14
es gibt keinen vernünftigen Grund

aus den 9 Landesregierungen 3 zu machen. Da sind wir dann genau dort wo wir mit 9 sind - völlig unnütz in Österreich für 8 Mill EW mehr als 1 Gesetzgebung zu haben, wo uns die EU schon 80 % vorgibt!

Volker_Plass
03
Herzlichen Dank!

Herzlichen Dank für die zahlreichen Postings die ich mit großem Interesse gelesen habe.

Volker Plass

keep cool1
 
00

Sorry - Volker_Plass, diese Antwort betrifft "Fraho" - ein Posting über ihnen!

keep cool1
 
00
Dieses Modell wäre weit mehr als ein kleiner Unterschied!

Der erste Grund ist, dass reiner Zentralismus als Wasserkopf vom Bürger zu weit entfernt ist.
Zweitens würde es künftig statt 448 nur mehr ~150 Landtagsabgeordnete geben -
davon nur
~26 statt 77 Landesräte
3 statt 9 Landtagspräsidenten
und 3 statt 9 Landeshauptleute.
1 Ländergesetz für ganz Ö,
eine bundesweite Landtagswahl.
Die 3 Landtagspräsidenten statt 62 Bundesräte vertreten z.B. die Interessen der 3 Regionen bei der Bundesgesetzgebung (Gesetzesbeschlüsse, Einspruchsrecht im NR etc..)
Ergibt locker alleine ~ € 50,00 Mio jährlich weniger Personalkosten - ohne eingesparte Infrastrukturkosten, Mieten, Spesen, MA der Landtage, Dienstautos, Chauffeure, Sekretariate, Repräsentation uvm.. die noch einmal grob geschätzte Mio 60 einbringen!

Besserwisser
01
Klingt nicht unvernünftig.

Aber brauchen wir überhaupt eine 2. Kammer?
Würde nicht eine Stärkung des Nationalrates ausreichen?

zuckerwiesencarver
02
....jedoch eine kleine Revolution..

..wird nicht ausreichen um so eine Verwaltungsreform umzusetzen. Landesfürst Erwin, ist auf dem Foto mit erhobenem Zeigefinger, welcher allen gilt die derartiges denken oder sogar schreiben und veröffentlichen!
Wahrscheinlich steht im Bericht des Österreichkonvent ähnliches drinnen, weshalb man nichts mehr von ihm hört!

Cato d. Ä.
01
kann jede einzelne zeile so unterschreiben

im übrigen bin ich der meinung, dass die bundesländer weg gehören. hier wäre am meisten einzusparen.

grosser laaschatza
20
Genau!

Ein Volk, ein Staat, eine Regierung!

Wer will schon die Entscheidungen naeher an den Souveraen bruingen?

woj
00
Fakten

In Wien gab es im Jahr 2011:
12 Landesgesetze
23 Verordnungen
6 Kundmachungen
http://www.wien.gv.at/recht/lan... gang/2011/

Wieviele / Welche davon (insbesondere der Gesetze) wären besser zentralistisch gelöst worden?

Andreas Prucha
04

ich find die Frage sollte eher umgekehrt gestellt werden: Welche der Regelungen wäre zentral - einmal für ganz Österreich - notgedrungen schlechter gewesen?

Besserwisser
00
Vielleicht das landesgesetz über die "Unterweisung in Wintersportarten"?

Haben die anderen 8 Bundesländer ähnliche Gesetze?

woj
00

:-)
In Vorarlberg z.B. ist das entsprechende Gesetz unter Bedachtnahme des hochalpinen Geländes und der touristischen Bedeutung detaillierter. Besonders schwierige Strecken erfordern zumindest zwei Schiführer. Es gibt Sonderregelungen für Sportplätze, an denen keine Schischule besteht. Bürgermeistern wird zum Teil Ordnungsfunktion zugeteilt, damit ein Schischulbetrieb nicht gestört wird.

Das Wiener Gesetz ist ziemlich kurz und bündig.

Diamanda Bankrottopula
13
Sehr gut analysiert, Hr. Plass!

Einer von den vielen tollen Leuten bei den Grünen, die man viel zu selten hört.

Der soll sich ruhig ein bisschen wichtiger machen....

Kubaner
03
Weg

Landtag, Bundesrat, Landesschulrat, Bezirksschulinspektoren, Landeshauptmann usw. ist alles unnötig, also weg damit.
Alle diese sind Geldvernichter!
Umgekehrt Bezirkshauptmannschaften und Gemeinden als Bürgerservice ausbauen!
Autonome Schulverwaltungen sind norwendig!

Briefmarkenkleber
00
Parteiblatt

A Voice
14
Wow

Klingt absolut vernünftig und durchdacht.

Nubuk und Nanuk
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Dramatischer Vorstoß eines Grün'... Naja, wenn der Papa zugegen ist.

locken
00
Wann wird der Schnarchverein BUNDESRAT abgeschafft ??

Albert Wittwer
21
nicht auf allgemeine Vertretungskörper verzichten

aber Landtagsabgeordneter als Vollzeitberuf? Die Landesgesetzgebung könnte man seit dem EU-Beitritt schmerzfrei abschaffen. Aber ähnlich wie bei den Gemeinden könnte ein nebenberuflicher Landtag höchstes Organ des Selbstverwaltungskörpers sein.

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