US-Forscher machten ein einzigartiges Experiment mit inselbewohnenden Eidechsen und konnten so eine Biologendebatte klären
Washington/Wien - Ende August 2004: Hurrikan Frances fällt mit voller Wucht
über die Bahamas her. Der aufgepeitschte karibische Ozean entfaltet eine
vernichtende Wirkung. Ganze Küstenabschnitte werden zerstört, mehrere kleine
Inseln gar komplett überflutet. Alles dort lebende Getier ertrinkt.
Die Katastrophe hatte jedoch auch eine positive Seite. Ein US-Biologenteam
nutzte die Gelegenheit, um ein einzigartiges Experiment durchzuführen. Die
Forscher wollten versuchen, eine seit langem schwelende Expertendebatte zu
klären - über die evolutionäre Bedeutung des sogenannten Gründereffekts.
Der Gründereffekt tritt ein, wenn nur wenige Individuen einer Spezies eine
neue, zumindest teilweise isolierte Population begründen, wie dies zum Beispiel
bei der Erstbesiedlung von Inseln der Fall ist. Die genetische Vielfalt solcher
Pioniere und ihrer Nachkommen ist naturgemäß gering. Deshalb sollten bei ihnen
auch bestimmte anatomische oder sonstige Merkmale häufiger auftreten als in
anderen Populationen.
So weit die Theorie. In der Natur lässt sich der Gründereffekt allerdings nur
schwer nachweisen. Kein Wunder, sagen einige Fachleute. Die immer wirkenden
Kräfte der natürlichen Selektion seien viel stärker und ließen die Spuren einer
Gründer-Inzucht schon bald verschwinden.
Das Experiment der US-Wissenschafter hat nun diese Kontroverse gelöst. Die
Experten wählten sieben winzige Bahama-Inseln aus, deren Fauna durch Frances
ausgelöscht worden war, und setzten auf jedem dieser Eilande ein Pärchen Anolis
sagrei, eine in der Region häufig vorkommende Eidechsenart, aus.
Die Tiere stammten von der größeren Nachbarinsel Iron Cay. Dort wachsen viele
Bäume, die den Echsen als Lebensraum dienen. Um sich auf breiteren Ästen schnell
bewegen zu können, sind längere Beine von Vorteil. A. sagrei kommt jedoch auch
auf Inseln vor, deren Bewuchs nur aus niedrigem Gebüsch mit dünnem Geäst
besteht. In solchen Biotopen haben die Tiere eher kurze Beine.
Zu Beginn des Evolutionsexperiments hatten die Forscher die Beinlängen der
Kolonistenpärchen genau vermessen und Proben von ihrem genetischen Material
gesammelt. Dann nahm der Versuch seinen Lauf. Die Iron-Cay-Eidechsen schafften
es, sich auf den Kleinstinseln mit ihrem Gestrüppbewuchs zu vermehren, die
Populationen wuchsen rasch an. Vier Jahre lang kehrte das Team immer wieder auf
die Inseln zurück und untersuchte, wie sich die Anolis entwickelten.
Die Ergebnisse der Forschungsarbeit, die in der aktuellen Ausgabe von
Science (online) veröffentlicht wurden, sind überraschend. Selektion und
Gründereffekt können offenbar gleichzeitig wirken, Letzterer ist bei den
Bahama-Eidechsen tatsächlich eingetreten. Nach mehreren Generationen ist nicht
nur das Genom der Pioniertiere dem der Gründereltern sehr ähnlich, auch die
Beinlängen sind noch mit denen der Erstbesiedler vergleichbar.
Gleichzeitig jedoch zeigt sich die Wirkung der natürlichen Auslese. Bei allen
sieben neuen Anolis-Populationen haben sich die Gliedmaßen von Generation zu
Generation gleichmäßig leicht verkürzt. Als Anpassung an die dünnen Äste im neu
besiedelten Lebensraum. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. Februar 2012)