Regierung in Bukarest stolpert über Sparpaket

6. Februar 2012, 20:06
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    foto: sigheti/reuters

    In Bukarest forderten Demonstranten die Regierung auch auf symbolische Weise auf, "zurückzutreten".

Nach wochenlangen Protesten und einem tiefen Vertrauensverlust in der Bevölkerung trat die Regierung unter Premier Emil Boc zurück

Die Opposition fordert Neuwahlen.

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"Ich klammere mich nicht an die Macht" , sagt der rumänische Premier Emil Boc, als er am Montag mitsamt seinem Mitte-rechts-Kabinett überraschend zurücktrat. Staatschef Traian Basescu ernannte noch am Abend den ehemaligen Chef des rumänischen Geheimdienstes und Ex-Außenminister Mihai-Razvan Ungureanu zum neuen Premierminister. Dieser hat zehn Tage Zeit, um ein neues Kabinett zu bilden, ein neues Regierungsprogramm zu entwerfen und im Parlament eine Vertrauensabstimmung durchzuführen.

Der zurückgetretene Liberaldemokrat (PDL) Boc betonte, dass die mit so großen Opfern erzielte wirtschaftliche Stabilität Rumäniens "um jeden Preis bewahrt werden muss" . Mit seinem Rücktritt wolle er "die soziale und politische Situation im Land entschärfen" .

Dass er kürzlich eine leichte Anhebung der Gehälter und Pensionen in Aussicht gestellt hatte, reichte angesichts der lang angestauten Frustrationen der Bevölkerung über die anhaltenden Krisenmaßnahmen nicht aus. Seit Mitte Jänner fanden täglich in mehreren Städten Straßendemonstrationen gegen die Regierung und Staatschef Traian Basescu statt. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Imas hatte Boc Ende Jänner mit nur 7,3 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung den schlechtesten Wert in der Regierung bekommen.

Die Opposition, die angesichts der Straßenproteste lautstark vorgezogene Wahlen gefordert hatte, begrüßte die Entscheidung als ersten Schritt zur Erreichung dieses Ziels. Laut dem Chef der Nationalliberalen Partei (PNL), Crin Antonescu, sei die Regierung Boc "die inkompetenteste, korrupteste und lügnerischste in der Geschichte Rumäniens seit 1989" gewesen. Der Vorsitzende der Sozialdemokraten (PSD), Victor Ponta, fügte hinzu, dass das Oppositionsbündnis "Sozialliberale Union" (USL), zu dem neben den Nationalliberalen (PNL) und den Sozialdemokraten auch die Konservativen (PC) gehören, "verantwortliche Lösungen" bieten müsse und nach vorgezogenen Wahlen "eine andere Regierung stellen muss" .

Die Opposition wirft der Regierung Boc vor, die Anweisungen des PDL-nahen Staatschefs Basescu befolgt zu haben statt den Auftrag der Bevölkerung. In einer Ansprache vor dem EU-Parlament vergangene Woche beanstandeten die USL-Chefs Ponta und Crin Antonescu, dass Boc bei der Verabschiedung von 14 wichtigen Gesetzen die parlamentarische Debatte umgangen habe, indem er einfach die Vertrauensfrage stellte. Allerdings wurde die Vertrauensfrage auch in der Zeit, als die PDL noch gemeinsam mit den Sozialdemokraten regierte, viermal gestellt.

20 Milliarden Euro

Ab dem Sommer 2010 hatte die Regierung Boc eines der EU-weit drastischsten Sparpakete umgesetzt. Unter anderem wurden Gehälter im öffentlichen Sektor um ein Viertel reduziert und die Mehrwertsteuer von 19 auf 24 Prozent erhöht. Hinzu kamen bedeutende Stellenkürzungen und eine Reform des Verwaltungsapparats sowie ein Kreditabkommen über 20 Milliarden Euro mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank und der EU. Auch derzeit läuft ein im Notfall abrufbares Präventivabkommen über 5,4 Milliarden Euro mit internationalen Finanzinstitutionen.

Die so erreichte Stabilität schlage sich laut Boc darin nieder, dass Rumänien nach zwei Jahren Rezession 2011 2,5 Prozent Wirtschaftswachstum erzielte. Für 2012 weisen Prognosen des IWF auf ein Wirtschaftswachstum von bis zu 1,5 Prozent hin. Boc betonte zudem, dass Rumänien EU-weit mit etwa 1000 Euro pro Kopf die geringste Verschuldung aufweist und dass sowohl der Wechselkurs als auch das Budgetdefizit, für das ein Rahmen von vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) eingehalten werden konnte, stabil sind. (Laura Balomiri aus Bukarest/DER STANDARD, Printausgabe, 7.2.2012)

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16 Postings
Torontonian
02

Es ist in Rumänien vollkommen egal, welche Partei die Regierung bildet, es ändern sich nur die Namen. Das Volk ist verdrossen von der Politik, die letzten Idealisten sind zu frustriert und angewidert um noch länger gegen diese Sch….e anzukämpfen. Dieses Land braucht noch mind. 2 Generationen um einigermaßen demokratische Standards zu haben.

Ioan Catalin Muresan
02

verstehe nicht warum es immer so eine gängige Meinung zu sein scheint, daß die Demokratien in Osteuropa alles samt noch 1, 2 Generationen brauchen um "einigermaßen demokratische Standards zu haben"

warum eigentlich - wer maßt sich an diese Standards zu definieren - Westeuropäische Demokratien??? à la Italien, Österreich, Frankreich, Schweiz???
in diesen tollen Demokratien füllen Politiker nicht zuerst ihre eigenen Taschen, hier gibt es keine Freunderlwirtschaft, keine Korruption - gar nichts davon - nein hier ist alles perfekt!!!

Torontonian
00

Der Unterschied zu Österreich, Italien, Frankreich, Schweiz?
Der Unterschied ist, dass in diesen Ländern die Politiker dem Stimmvieh zumindest ein bisschen was geben - 75% fürs Volk und 25% für die eigene Tasche. In Rumänien ist es umgekehrt.

das haar in der suppe
 
10

in rumänien ist die GESAMTE politische klasse noch ein relikt aus der kommunistischen zeit. basescu war kommunist (und hatte kein problem damit plötzlich über nach ein "rechter" zu werden) und hatte keinen niederen rang in der partei.

Sie vergleichen korruption in rumänien mit korruption in westeuropa??? haben Sie gesehen wie es in rumänischen spitälern, schulen und auf autobahnen ausschaut? letztere gibt es ja nicht, obgleich unzählige milliarden dafür ausgegeben worden sind. aktuell: die schneeräumung kostet doppelt soviel pro km als in skandinavischen ländern. man kommt dennoch nirgendwo voran.

Mormoloc
00
Stimmt, es gibt kaum Autobahnen in Rumänien. Aber...

wo bitte sollen denn diese angeblichen "Milliarden" dafür ausgegeben worden sein? Meinen Sie ROL?

Ioan Catalin Muresan
04

Es ist sehr unfair einfach so die GESAMTE politische Klasse Rumäniens als Relikt bezeichnen - und das stimmt natürlich auch überhaupt nicht.

und ja, ich kenne die dortigen Verhältnise sehr gut, es werden halt immer nur Negativbeispiele erwähnt (Korruption beim Bau der Autobahnen usw. - erinnert mich aber auch z. Bsp. an das Thema Flughafen Wien usw.)

Rumänien hat aber auch beispielsweise eines der fortschrittlichsten Minderheiten Gesetze in Europa (in AT denke ich da an das Ortstafelthema ...)

Die Ente Lippens
00
Zwischen den Missstaenden in der Schweiz, Frankreich usw und denen in Rumaenien liegen Welten.

Aber so ist eben der eigene Zustand mit Nihilismus leichter zu ertragen: "alle sind so, daher ist es bei uns nicht so schlecht".

Ioan Catalin Muresan
00

also für Sie liegen Welten zwischen Süditalien zum Beispiel (den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten dort) und Rumänien?

oder der politischen Kultur in Italien im Allgemeinen(einem Land das seit 1945 "demokratisch" ist)

Es ist halt leichter zu sagen: "na die da unten, die werden das sowieso noch lange nicht so gut wie wir machen, die brauchen noch Jahrzehnte um dorthin zu kommen wo wir schon sind..." ;-) natürlich...

Mormoloc
04
Jetzt noch Basescu!!!

Waran
14
Das Volk (Menschen)

wird sich diese angeblichen Sparpakete auf Dauer nicht gefallen lassen.
Wie kann man nur so überheblich sein und sagen, dass normale Arbeiter und Angestellte mit ihrem eher kargen Lohn über die Verhältnisse gelebt haben.
Die sozialen Unruhen werden zunehmen und es bleibt zu hoffen, dass andere Lösungsmöglichkeiten gefunden werden.

warp.faktor
05
Ich gratuliere den RumänInnen!

Von Euch können wir in vielen EU-Staaten lernen!

Adolf Ogi
11
Boc war gar nicht so schlecht

wie soll man mit leeren Kassen höhere Gehälter für Beamte und höhere Pensionen bezahlen? Der Konsolidierungskurs den er gefahren ist, war notwendig. Außerdem war er persönlich in keinen Korruptionsskandal verwickelt.

In Rumänien sagt man, dass sich jede Regierung erst einmal ihre eigenen Taschen füllt. Insofern bin ich skeptisch, ob ein Regierungswechsel was positives bringt, zu Mal die jetzige Opposition auch kein Wirtschaftswunder herbeizaubern kann.

warp.faktor
01
Kosolidierungskurs war nötig?

Wer sagt das?

Und wenn, ist es immer noch eine Entscheidung, bei wem gespart wird. 24% MWSt. ist in jedem Fall extrem asozial, das trifft vor allem die Ärmsten.

das haar in der suppe
 
01
boc war eine marionette.

sbmd750
10
Grausam: aktueller Chef des Auslandsgeheimdienstes, Mihai Razvan Ungureanu, als Regierungschef nominiert

http://www.punkto.ro/articles/... m=facebook

dasandere
03
... denn das Problem

ist ja auch der Präsident selbst, eigentlich.

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